Isabel Cademartori, 38, sitzt seit 2021 für die SPD im Bundestag. Die Mannheimer Abgeordnete mit deutsch-chilenischen Wurzeln ist verkehrspolitische Sprecherin der Fraktion und will gemeinsam mit Robin Mesarosch den Vorsitz der Baden-Württemberg-SPD übernehmen. Über die neue Parteispitze soll auf dem Landesparteitag am 19. und 20. Juni entschieden werden.

WELT: Die SPD in Baden-Württemberg hat im März eine historische Wahlniederlage mit einem Ergebnis von 5,5 Prozent eingefahren. Kurz darauf fragten Sie: „Wo ist unser Cem Özdemir?“ Jetzt kandidieren Sie als Parteivorsitzende. Sind Sie der neue Özdemir der SPD?

Isabel Cademartori: Das wäre vielleicht ein bisschen vermessen zu behaupten. Die SPD in Baden-Württemberg muss es schaffen, wieder wahrnehmbar zu sein und profilierte Köpfe aufzubauen. Dazu wollen wir ein Angebot anbieten. Nicht nur mit uns selbst, sondern wir wollen auch durch eine Umstrukturierung des Landesverbandes dafür sorgen, dass neue Köpfe dazukommen können. Wir stehen für einen Generationenwechsel. Wir wollen anders kommunizieren und damit den guten Landtagsabgeordneten und Bürgermeistern, die wir haben, die Möglichkeit zu mehr Reichweite geben.

WELT: Özdemir hatte sich im Wahlkampf erfolgreich von seiner grün-linken Bundestagsfraktion abgesetzt. Diese Taktik kommt für Sie nicht infrage?

Cademartori: Wir haben in der Vergangenheit alles auf eine Person zugeschnitten. Aus meiner Sicht hat sich diese Strategie nicht bewährt. Sich inhaltlich abzugrenzen, sollten wir da machen, wo wir es für sinnvoll und notwendig erachten. Wir tun gut daran, als SPD Baden-Württemberg auch unser eigenes Profil zu pflegen. Dazu gehört auch, sich in Debatten dann einzumischen, wenn sie stattfinden, und nicht, wenn sie schon zu Ende sind.

WELT: Von welchen Debatten sprechen Sie?

Cademartori: Viele Menschen beschäftigt die Transformation der Automobilindustrie und der Industrie insgesamt. Aber auch das Thema Klimaschutz ist hier relevant. Die SPD-Baden-Württemberg war immer ein Landesverband, der dafür stand, dass die SPD auch eine Klimaschutzpartei sein sollte. Wir haben große Vordenker in diesem Bereich: Erhard Eppler, Ernst Ulrich von Weizsäcker, und an diese Tradition möchten wir anknüpfen.

WELT: Erhoffen Sie sich, mit dem Thema Umweltschutz wieder mehr Wähler für die SPD zu begeistern?

Cademartori: Wir als SPD haben den Anspruch, auf die großen und relevanten Fragen unserer Zeit Antworten zu liefern. Es geht nicht darum, sich ausschließlich taktisch der Frage zu nähern: Welche Themen können wir jetzt irgendwie besetzen? Wir müssen uns fragen, was uns und die Menschen bewegt. Da kommt es zwangsläufig zur Frage, wie ein Industrieland Klimaschutz umsetzen kann und in eine klimaneutrale Zukunft geführt werden kann.

Das ist zentral für Baden-Württemberg, für die Wirtschaft, aber auch für die Menschen. Meiner Meinung nach darf sich die SPD nicht verabschieden von diesem Anspruch. Das ist auch Teil unserer Historie. Wir waren immer der Landesverband, der Ideen und Konzepte dazu geliefert hat. Hermann Scheer hat Anfang der Nullerjahre erneuerbare Energien zum Thema gemacht, da haben andere noch drüber gelacht. Und heute ist das 60 Prozent unserer Energieversorgung.

Für die Zukunft der Industrie in Baden-Württemberg ist die Frage, sich mit erneuerbarer Energie preiswert versorgen zu können, absolut zentral und überlebenswichtig. Das wird von der Landesregierung nach wie vor nicht beantwortet, was erstaunlich ist, da sie schon seit vielen Jahren grün geführt wird.

WELT: Die Grünen in Baden-Württemberg haben das Thema Umwelt liegen gelassen, und jetzt wollen Sie sich draufsetzen. Wie groß schätzen Sie das Wählerpotenzial, das Sie hier zu versuchen, zu mobilisieren?

Cademartori: Daran ist nichts taktisch. Es ist eine tiefe Überzeugung von Robin Mesarosch und mir, dass das Thema relevant ist und wir als junge Politiker den Anspruch haben, Politik zu machen, die die Erde intakt hinterlässt. Wir sehen in diesem Feld Lücken. Wenn die Landesregierung was Gutes dazu macht, werden wir das auch nicht schlechtreden, nur weil wir in der Opposition sind. Aber wenn wir sehen, dass sie das nicht tut, dann werden wir da auch den Finger in die Wunde legen.

Robin Mesarosch leitet den Klimadialog der SPD im Bund. Er war selbst im Klima-Ausschuss des Bundestags und ist ein profilierter Klimapolitiker und auch für Fridays for Future und die Klimabewegung ein gefragter Ansprechpartner. Ich bin als verkehrspolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion jeden Tag mit der konkreten Umsetzung beschäftigt. Deutschland entwickelt Elektrifizierung, Ladesäulen, Ausbau. Das ist ein Thema, das unsere beiden politischen Wirkungsfelder verbindet und das wir für einen erfolgskritischen Faktor für Baden-Württemberg halten.

WELT: Den Menschen in Baden-Württemberg geht es doch sehr stark um wirtschaftliche Themen, wie das Aus des Verbrennermotors. Umweltdebatten spielen dort keine große Rolle, oder?

Cademartori: Energie ist ein industriepolitisches Thema. Die Elektrifizierung der Automobilindustrie ist ein industriepolitisches Thema. Im Kern geht es um die Frage: Wird die Industrie in Baden-Württemberg in die Zukunft geführt oder werden wir ein Automobilmuseum, wo früher mal große Verbrenner gebaut wurden. Deswegen ist es kein reines Umweltthema, es ist ein Kernthema des Strukturwandels in Baden-Württemberg, wie man diese zwei Sachen miteinander verbindet.

Das geschieht nicht nur aus moralischer Verpflichtung der Umwelt gegenüber. Es ist ein klares Eigeninteresse, weil wir sehen gerade in dieser Zeit, wie abhängig wir sind von auswärtigen Entwicklungen, die auf unsere Energiepreise schlagen. Die direkte Folge davon ist, dass ein Unternehmen wie BASF neben meinem Wahlkreis in Mannheim nicht mehr produzieren kann, weil das Gas zu teuer geworden ist.

Und deswegen ist sich unabhängig zu machen von fossilen Energien, auch eine Frage von nationaler Souveränität. Schaffen wir es, diese Industrie in Baden-Württemberg in die Zukunft zu führen? Wir haben keine Offshore-Windkraftanlagen, und der Ausbau läuft da mehr als schleppend. Die Landesregierung hat über 1000 Windräder in der letzten Legislatur versprochen und hat 100 geliefert.

Isabel Cademartori mit Robin Mesarosch.

WELT: Sie treten in einer Doppelspitze mit Robin Mesarosch an. Sie als pragmatische Seeheimerin und Herr Mesarosch aus dem linken Parteiflügel. Ist das zwischen Ihnen ein reines Zweckbündnis?

Cademartori: Es ist ein Teil der Lösung, dass wir aus unterschiedlichen Ecken der Partei kommen. Wir unterscheiden uns nicht nur strömungstechnisch, sondern auch durch unsere Herkunft: Ich komme aus der Stadt, er aus dem ländlichen Sigmaringen. Urbane Räume und ländliche Räume haben unterschiedliche Bedürfnisse. Es sind verschiedene Perspektiven, die wichtig sind.

WELT: Sie nennen das verschiedene Perspektiven, man könnte aber auch Gegensätze dazu sagen.

Cademartori: Es ist gut, dass beide Perspektiven in der Spitze vertreten sind, damit wir auch glaubwürdig und auch innovativ sind. Wir haben uns viel Zeit genommen, um intensiv miteinander zu besprechen, was das gemeinsame Projekt sein könnte, und herauszufinden, ob wir vertrauensvoll zusammenarbeiten können.

Die SPD Baden-Württemberg hat eine sehr unselige Tradition von scharf geführten Flügelkämpfen, die sehr viel Kraft gebunden haben in der Vergangenheit und zu keinem guten Ergebnis geführt haben. Das können wir uns mit 5,5 Prozent jetzt nicht mehr leisten. Jetzt ist der Moment, um Kräfte zu bündeln und Gemeinsamkeiten in den Vordergrund zu stellen. Und die sind massiv vorhanden.

Wir sind beide der Meinung, dass die SPD auch als fortschrittliche und linke Volkspartei bestehen muss. Wir sind beide der Meinung, dass wir auch über die Verteilungsfrage sprechen müssen. Wir wollen nicht nach unten treten. Sondern an einer Gesellschaft arbeiten, die für viele gut funktioniert.

Maximilian Heimerzheim berichtet für WELT und „Politico“ über die SPD und gesellschaftspolitische Themen.

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