Das steckt hinter der Schusswaffen-Razzia in Berlin
Mit einer großangelegten Razzia ist die Berliner Polizei am Mittwoch gegen die organisierte Kriminalität und die Verbreitung illegaler Schusswaffen vorgegangen. Seit den frühen Morgenstunden durchsuchten 570 Einsatzkräfte 28 Wohnungen und Gewerberäume in mehreren Stadtteilen, darunter Neukölln und Kreuzberg. Zudem wurden mehrere Haftbefehle vollstreckt. Auch Spezialeinheiten waren im Einsatz, darunter die GSG9, die Spezialeinheit der Bundespolizei, die sonst bei Terrorlagen zum Einsatz kommt.
Der Einsatz schwer bewaffneter Spezialeinheiten hat einen Grund: Im Zentrum der Ermittlungen steht eine türkische Gruppierung, die illegal Schusswaffen in die Stadt gebracht haben soll. Die Gruppierung soll sich als kriminelle Vereinigung zusammengeschlossen haben. „Es wird angenommen, dass die Gruppierung für eine Vielzahl von Erpressungslagen mit Schussabgaben in der vergangenen Zeit verantwortlich ist“, teilte die Staatsanwaltschaft Berlin in einer gemeinsamen Mitteilung mit der Polizei mit. Insgesamt wurden neun Männer im Alter von 23 bis 63 Jahren festgenommen.
Seit mehr als einem Jahr kommt es in der Stadt immer wieder zu Schießereien in unterschiedlichen Milieus. Mehrere der nun festgenommenen Tatverdächtigen sollen vor allem türkische Gewerbetreibende in der Stadt unter Druck gesetzt haben. In den Objekten konnten laut Staatsanwaltschaft Beweismittel unter anderem in Form von Betäubungsmitteln, Bargeld, einer Schusswaffe, Schusswaffenteilen, Schreckschusswaffen, zwei Fahrzeugen sowie Datenträgern und Mobiltelefonen sichergestellt werden.
WELT hatte in einem großen Report im vergangenen Jahr aufgedeckt, dass viele der in Berlin sichergestellten oder gehandelten Waffen aus der Türkei stammen. Dort werden von der organisierten Kriminalität in großem Stil Nachbauten bekannter Pistolen produziert, darunter auch Modelle, die äußerlich an Waffen des österreichischen Herstellers Glock angelehnt sind. Die Waffen werden demnach zerlegt und in Einzelteilen – häufig über den Landweg – nach Deutschland geschmuggelt, wo sie wieder zusammengesetzt und auf dem Schwarzmarkt verkauft werden.
Seit Ende des Jahres 2025 hat der türkische Geheimdienst „MIT“ mehr als 500 illegale Schusswaffen und über 20.000 Pistolenteile aufgespürt. Gegen rund 400 Personen wird ermittelt, etwa 150 davon befinden sich im Zusammenhang mit Erwerb, Handel, Besitz und Herstellung illegaler Schusswaffen in Untersuchungshaft. Ende 2025 durchsuchten Ermittlungsbehörden nahe Şanlıurfa im Südosten der Türkei eine illegale Waffenfabrik und schlossen diese. Wie WELT von einem Insider erfuhr, lag die Produktion dort im niedrigen fünfstelligen Bereich.
Nach Einschätzung türkischer Sicherheitsbehörden könnte bereits eine mittlere fünfstellige Zahl solcher illegalen Waffen aus der Türkei nach Zentraleuropa gelangt sein. Ermittler sehen darin eine der zentralen Versorgungsrouten für das kriminelle Milieu.
Als Reaktion auf die wachsende Gewalt hatte das Landeskriminalamt Berlin im November 2025 die Sondereinheit „Ferrum“ eingerichtet. Parallel dazu schuf die Staatsanwaltschaft die Ermittlungsgruppe „Telum“. Beide Einheiten sollen gezielt gegen Waffenstrukturen und deren Hintermänner vorgehen. Die Berliner Polizei hatte im vergangenen Jahr insgesamt 1119 „Schusswaffendelikte“ registriert. 2024 waren es noch 666 Fälle gewesen.
Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) sprach von einem monatelang vorbereiteten Einsatz. Landeschef Stephan Weh erklärte, die Maßnahmen seien „mit enormer Präsenz und hervorragender Ermittlungsarbeit“ vorbereitet worden. Ziel sei es, die „Welle an Schusswaffenauseinandersetzungen“ einzudämmen und kriminelle Strukturen zu zerschlagen. Zugleich verwies die GdP auf Defizite bei technischen Ermittlungsbefugnissen, etwa bei der Überwachung von Kommunikation und der Auswertung digitaler Daten.
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