„Wir müssen das selbst in Ordnung bringen“ – Wenn Bürger sich nicht mehr auf den Staat verlassen
Es ist kurz nach Einbruch der Dunkelheit in Mitchell’s Plain, als sich die Menge vor dem Schulgebäude versammelt. Männer, Frauen, viele schon älter, einige in gelben Westen, andere in Alltagskleidung. Am Ende sind es mehr als 150 Bürger. Sie stehen dicht gedrängt, während ein Mann laut betet. „Keine Waffe, die gegen uns erhoben wird, wird uns beschädigen“, ruft er.
Einige murmeln „Amen“, andere schauen still in die Nacht. Sie selbst tragen keine Waffen. Nur ihren Mut.
Mitchell’s Plain liegt in den Cape Flats, einem Gürtel aus Vororten am Rand von Kapstadt, der wie kaum ein anderer Ort von den Folgen der Apartheid gezeichnet ist. Hierhin, abseits der von Touristen besuchten populären Stadtviertel, wurden einst Hunderttausende Menschen mit oft völlig unterschiedlichen Herkünften zwangsangesiedelt. Weg von Arbeit, Infrastruktur und Perspektiven.
„Wir gehen in Block 8“. Die Bürgergruppe bekommt Anweisungen für den AbendWas blieb, sind fragmentierte Gemeinschaften, hohe Arbeitslosigkeit – und ein Nährboden für Gangs, denen der Staat auch nach Einführung der Demokratie lange zu zögerlich entgegentrat. Heute kämpfen allein in den Cape Flats Dutzende Gruppierungen um Territorium, Drogenmärkte und Macht. Sie tragen Namen wie Hard Livings, Americans oder Mongrels, oft haben ihre Mitglieder die Erkennungszeichen in die Haut tätowiert.
Es ist einer dieser Abende, an denen die Bewohner den Gangs signalisieren wollen, dass sie ihre Nachbarschaft nicht kampflos aufgeben. Mindestens einmal im Monat verabreden sie sich zu einer Patrouille, begleitet von wenigen Polizisten. Lichter von Taschenlampen schneiden durch die Dunkelheit, Schritte hallen auf dem Asphalt. „Wir gehen in Block 8“, sagt James Tempers, einer der Organisatoren.
Jeder hier weiß, was das bedeutet. In diesem Abschnitt von Mitchell’s Plain befindet sich ein bekanntes Haus von Drogenhändlern – Treffpunkt für Dealer und Konsumenten, teils minderjährig. Es liegt im Einflussbereich der „Hard-Livings-Gang“. „Die bleiben aus der Schule weg, hängen auf der Straße – und dann sind Drogen der schnellste Weg, Geld zu machen“, sagt Tempers. Was in diesem Haus passiert? „Alles.“
Hausdurchsuchung in „Block 8“Die Menschen von Mitchell’s Plain verlassen sich nicht mehr allein auf den Staat. Zu oft hat er versagt. Seit April sind rund 2200 Soldaten in besonders betroffenen Gegenden wie den Cape Flats im Einsatz, entsandt im Rahmen von „Operation Prosper“, wie schon bei früheren Einsätzen. „Das läuft abscheulich schlecht“, sagt Tempers. „Wir müssen das selbst in Ordnung bringen.“ Er hat einen Community-Radiosender gegründet, in dem Opfern von Gangkriminalität und Aussteigern aus Gangs eine Stimme gegeben wird.
Derartige Initiativen sind für ihn erfolgversprechender als ein Militäreinsatz in Wohngebieten, sagt Tempers. Denn da seien die Erfahrungen ernüchternd. Schon beim Einsatz der Armee 2019 ging die Kriminalität nicht nachhaltig zurück.
Ähnliche Muster zeigen sich auch international. In den Favelas von Rio de Janeiro sank die Gewalt nach Militäreinsätzen oft nur kurzfristig – begleitet von Vorwürfen exzessiver Gewalt. In Mexiko hat der Einsatz des Militärs gegen Kartelle die Strukturen des organisierten Verbrechens bislang nicht nachhaltig geschwächt. In einigen Regionen ist die Gewalt sogar weiter eskaliert. Kritiker warnen deshalb, dass Soldaten für Kriegseinsätze ausgebildet sind – nicht für Polizeiarbeit.
Vor dem einstöckigen Haus in „Block 8“ bleibt die Gruppe stehen. Licht fällt aus den Fenstern, Stimmen sind zu hören. Einige Bürger sichern die Straße, andere gehen gemeinsam mit Polizisten hinein. Es ist keine spektakuläre Razzia, die Durchsuchung erfolgt fast still.
Vier Männer werden auf die Straße geführt und müssen sich dort auf den Bauch legen. Ihre Taschen werden durchsucht, gefunden wird nichts. So wie die Bürger Informanten der Polizei sind, haben auch die Gangs ihre Quellen. Sie wussten wohl von der Aktion. Festnahmen gibt es an diesem Abend nicht. „Selbst wenn“, sagt ein Bürger später, „sie sind in ein paar Tagen wieder draußen.“
Das ist eines der Probleme. Polizeieinheiten sind unterbesetzt, Ermittlungen dauern lange und die Aufklärungsquote ist niedrig. Das Vertrauen in den Staat ist in den Cape Flats auf einen Tiefstand gesunken. Viele Bewohner haben gelernt, sich selbst zu organisieren: in WhatsApp-Gruppen und Patrouillen. „Es geht um Sichtbarkeit, und natürlich wird niemand von uns bezahlt“, sagt Alianda Oakes, die als Projektmanagerin arbeitet und sich abends engagiert. „Wenn wir hier sind, sehen die Leute: Da passiert etwas. Wir können nicht einfach nichts tun.“
An der Spitze der Gruppe geht Brigadier Brian Muller, der ranghöchste Polizist in Mitchell’s Plain. Für den Hünen ist die Zusammenarbeit mit den Anwohnern entscheidend. „Sie sind unsere Augen und Ohren“, sagt er. Ohne Hinweise aus der Bevölkerung lasse sich Kriminalität kaum bekämpfen. Gleichzeitig räumt er ein, dass die Lage schwieriger geworden ist. „Die Ganggewalt ist eskaliert.“
Oliander Oaks ist Mitglied der BürgerwehrIn Mitchell’s Plain werden mehr Menschen wegen Drogendelikten festgenommen als an jeder anderen Polizeistation des Landes, sagt Muller. Und doch wirkt vieles wie ein Kampf gegen Windmühlen. Lieferketten für Drogen und Munition funktionieren weiter. In manchen Wochen werden allein in Kapstadt Dutzende Menschen erschossen. Landesweit zählt Südafrika zu den Ländern mit den höchsten Mordraten außerhalb von Kriegsgebieten.
Parallel wachsen die Spannungen innerhalb der Gesellschaft. Immer wieder kommt es zu Protesten gegen Migranten, denen vorgeworfen wird, Jobs zu nehmen oder mit Kriminalität in Verbindung zu stehen. In sozialen Medien kursieren Videos von Kontrollen, bei denen Menschen von Aktivisten auf offener Straße nach ihren Papieren gefragt werden.
Bürger machen die Arbeit des Staates
Auch hier übernehmen Bürger elementare Aufgaben des Staates – mit erheblicher sozialer Sprengkraft. Mindestens zwei Nigerianer und vier Äthiopier sind in den vergangenen Wochen getötet worden, berichteten lokale Medien; zudem kam es zu Angriffen auf Staatsbürger anderer afrikanischer Länder.
Zurück auf der Straße bleibt die Gruppe kurz stehen. Jemand macht ein Foto. „Die Helden Mitchell’s Plain“, ruft einer und lacht. Ein kurzer Moment Leichtigkeit. Die Patrouille dauert etwa zwei Stunden. Am Ende kehren alle zurück, erschöpft, aber ohne Zwischenfälle. „Es ist ein Prozess“, sagt einer der Organisatoren. Man müsse immer wieder kommen. Zehnmal, fünfzigmal, hundertmal.
Ob es reicht, weiß hier niemand. Aber in Mitchell’s Plain gilt seit Langem eine einfache Regel: Wenn die Gemeinschaft nicht auf sich selbst aufpasst, tut es niemand.
Christian Putsch ist Afrika-Korrespondent. Er hat im Auftrag von WELT seit dem Jahr 2009 aus über 30 Ländern dieses geopolitisch zunehmend bedeutenden Kontinents berichtet.
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