• Thomas Lipp vom Hartmannbund Sachsen sieht prinzipiell "alle Ärzte in irgendeiner Weise am Limit".
  • Hausärzte haben demnach wenig Zeit für Patienten und arbeiten nicht ausreichend mit Krankenhäusern zusammen.
  • Lipp kritisiert Reform zur "Reduktion der Versorgung" und erwartet private Verluste für niedergelassene Ärzte.

Thomas Lipp von der Ärztevertretung Hartmannbund in Sachsen sieht seine Kolleginnen und Kollegen hoffnungslos überlastet: "Im Prinzip sind alle Ärzte in irgendeiner Weise, wenn sie in der normalen Patientenversorgung sind, am Limit", sagte der Arzt im Gespräch mit MDR AKTUELL. Allein in Sachsen fehlten fast 500 Hausärzte, und "die Last verteilt sich dann halt auf die anderen".

Hier ist etwas grundsätzlich faul im System.

Dr. Thomas Lipp | MDR AKTUELL

Dabei gebe es Umfragen, nach denen 68 der Prozent der Ärzte erwägen auszusteigen. "Früher hatten wir Kollegen, viele Kollegen, die haben gerade auf dem Land ihre Patienten gehabt, die haben bis 70, 75 gearbeitet", erzählt Lipp. Heute seien aber "alle froh, so schnell wie möglich aus dem System zu verschwinden", und junge Ärzte gingen woanders hin. Schon das zeigt laut Lipp, "hier ist doch irgendetwas grundsätzlich faul im System".

Praxen finden demnach nur noch schwer Personal: "Wir konkurrieren mit Krankenhäusern, die werden staatlich gestützt. Dort gibt es andere Regeln, dort können andere Gehälter bezahlt werden", sagte Lipp. Darum "haben wir es durchaus schwer, gutes Personal zu bekommen und zu behalten".

Wenig Zeit für Patienten und Kooperation

"Sie merken das mit der Belastung auch an den Wartezeiten", sagte Lipp weiter. Es gebe mehrere Gründe dafür. Einer seien auch die Regresse und "Auseinandersetzungen mit den Krankenkassen", etwa bei vom Pflegedienst angeforderten Rezepten, wenn Ärzte nicht erfahren, dass der Patient in der Zwischenzeit im Krankenhaus sei. "Dann müssen regelmäßig die Ärzte aus ihrem Privatportemonnaie diese Medikamente für die Patienten bezahlen", durch "Organisationsfehler, die wir nicht beeinflussen können".

Auch gebe es zu wenig Zeit, sagte Lipp. Der Hausarzt habe im Schnitt sechs Minuten pro Patient. Das habe mit einer "grotesken Fehlverteilung" zu tun. Niedergelassene Ärzte werden demnach nach Fallzahl bezahlt: "Das heißt, der Gesetzgeber zwingt uns zur Menge" und zudem die Systematik bei den Abrechnungen dazu, Patienten alle Vierteljahre einmal zu bestellen.

Lipp sprach von "Fehlorganisation im Gesundheitswesen". Es gebe auch kaum Zusammenarbeit von Krankenhaus und Ambulanz, sektorenübergreifend. Das funktioniere nicht mal in Ansätzen.

"Hier funktioniert ja kaum etwas"

"Schaurig" sehe es auch bei der Digitalisierung aus: "Hier funktioniert ja kaum etwas", sagte Lipp. Die Ärzte hätten sinnvolle Programme, müssten aber mit anderen arbeiten, "die noch nicht so ganz ausgegoren seien". Etwa 30 Prozent der Arbeitszeit gehe für Bürokratie drauf, durch Gesetze, aber auch von der Selbstverwaltung der Ärzte und Krankenkassen "uns übergestülpt".

"Das Schönste ist, wenn mal irgendwo alles ausfällt", beschreibt es Lipp: "Wenn wir nichts machen können, sondern nur Patienten behandeln. Das ist wie Aufatmen, wenn wir mal frei uns wirklich nur um Patienten kümmern."

Das deutsche Gesundheitswesen habe sich "durch Misstrauen und Kontrollwahn" in den letzten 30 Jahren "schlicht und einfach dysfunktional" entwickelt, meint Lipp: Es gebe keine wirkliche Schnittstelle zwischen Kliniken und ambulanten Ärzten und keine zwischen Pflege und Hausärzten.

Zwischen niedergelassenen Haus- und Fachärzten funktioniere es besser. Aber eigentlich mache hier "jeder seins und jeder geht in die Menge. Und dann haben wir keine Zeit und wir machen ganz viel Unvernünftiges".

Reform zur "Reduktion der Versorgung"

Keine Verbesserung wird laut Lipp die nun geplante Gesundheitsreform bringen, die aus seiner Sicht auch nur ein neuer Sparplan ist: "Wenn das so käme, würde es zu einer Verschlechterung kommen", warnt der Verbandsarzt. Rund 65 Milliarden Euro sollten gespart werden und so im System fehlen.

"Da bin ich richtig angepisst", sagt Lipp dazu: Geld fehle im System, "weil die Politik versagt". Jedes Jahr würden der Versorgung 60 Milliarden Euro durch Fehlentscheidungen entzogen, "den Beitragszahlern gestohlen". Dabei zahlten gar nicht alle ein: "Wir subventionieren die Arbeitslosenversicherung und wir subventionieren die Rentenversicherung." Dafür sorge der Gesetzgeber.

Da bin ich richtig angepisst.

Dr. Thomas Lipp über die Gesundheitsreform

Ohne die Fehler im System zu korrigieren, sei das eine "Reduktion der Versorgung", sagte Lipp. Fachärzte verlieren demnach bis zu 40 Prozent ihres Umsatzes und Hausärzte etwa fünf bis acht Prozent, was beim Hausarzt etwa zehn bis zwölf Prozent Verlust an Einkommen bedeute. Ärzte seien hier die einzigen, die privat Verluste hätten: "Das ist wie ein kleines bisschen Enteignung."

Darum reduzierten niedergelassene Ärzte ihre Sprechstunden, müssten Personal entlassen, könnten nicht investieren. Und wenn die Fachärzte nur noch Privatsprechstunden machen, "dann kriege ich als Hausarzt meine Patienten nicht mehr unter". Laut Lipp überweisen Hausärzte deshalb mehr ins Krankenhaus, "weil wir die Patienten irgendwie loskriegen müssen". Doch auch die Kliniken seien überlastet. So werde die Versorgung abgebaut.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke