• Plötzlich mittendrin: Menschen berichten von Angst und unmittelbaren Erlebnissen.
  • Jetzt über Sicherheit sprechen? Die Meinungen gehen auseinander.
  • Was sich viele von den journalistischen Medien wünschen.

"Auf einmal kommt mir dieses Auto entgegen. Ich habe mich schnell im Alten Rathaus in Sicherheit gebracht", schreibt Ferdinand (22). "Ich wusste, es ist direkt in meiner Nähe etwas Schlimmes passiert", erzählt Lilly (26) aus Leipzig bei MDRfragt. "Ich habe ein Auto und schreiende und aufgeregte Menschen gehört, bin aber ohne nachzudenken den Anderen weg vom Tatort gefolgt. Ich habe erst im Nachhinein alles ordnen und reflektieren können." Diese und weitere Augenzeugen meldeten sich in unserer Befragung kurz nach der Amokfahrt in Leipzig. Wir haben Antworten von rund 18.000 Menschen ausgewertet, die teilgenommen haben. Die MDRfragt-Gemeinschaft sollte unter dem Umfrage-Titel "Wie geht es Ihnen?" einen Raum für Gefühle, Gedanken und Erfahrungen bekommen.

"10 vor um 5 schrieb mir ein guter Freund, dass er gerade einem Auto ausgewichen ist – gerade so – und dass da was ganz Schlimmes in der Stadt passiert ist und er Angst hat. Dann wird einem schlagartig anders", schreibt Marco (36) aus Leipzig. Auch wer nicht direkt betroffen war, empfindet eine starke gedankliche Nähe: "In erster Linie waren meine Gedanken sofort bei meinem Sohn und seiner Freundin, die beide an der Uni studieren und unter Umständen hätten betroffen sein können. Fassungslosigkeit, Ohnmacht und Schock waren die ersten Gefühle", so beschreibt es Nico (47) aus dem Landkreis Nordhausen. Und Nancy (51) aus Nordsachsen schreibt, dass sie dankbar ist: "Ich habe großen Respekt gegenüber den Einsatzkräften – ob Feuerwehr, Polizei, Seelsorger oder Rettungsdienste. Sie haben einmal mehr unter Beweis stellen müssen und bravurös bewiesen, dass sie alle in einer Krisensituation agieren können und damit Leid mildern."

Trauer und Erinnerungen an andere Gewalttaten

Viele MDRfragt-Teilnehmende reagieren mit Trauer. "Ich bin in Gedanken bei den Menschen, denen solches Leid zugefügt wurde (...). Es berührt mich als alte Leipzigerin sehr und ich bin traurig", teilt Annette (68) im Kommentarfeld. "Es macht mich zudem wütend, dass es immer wieder passieren kann", meint Gundula (42) aus dem Landkreis Zwickau. Und gleichzeitig schreiben andere Mitglieder, dass der Alltag schnell wieder zu spüren gewesen sei. Matthias (46) aus Halle: "Ich war in der Nähe arbeiten und habe mich gewundert. Man sprach zwar darüber, aber das Leben ging augenscheinlich weiter. Bedauerlich daran ist, der Eindruck ist in mir entstanden, dass man sich mittlerweile an solche Vorfälle gewöhnt hat." In einigen Kommentaren werden aber auch Erfahrungen vergangener Gewalttaten geschildert, so schreibt Anne (41) aus Magdeburg: "Ich habe den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in meiner Stadt hautnah miterlebt. Die Bilder und Geräusche sind sofort wieder präsent."

Sicherheitsfragen: Direkt nach der Tat?

Wenige Stunden und Tage nach der Tat in Leipzig wird über Sicherheitsfragen diskutiert. Unsere Frage dazu, ob das bereits der richtige Zeitpunkt sei, beurteilen die Teilnehmenden unterschiedlich. Eine deutliche Mehrheit der Befragten findet, das sei wichtig. Aber rund ein Drittel empfand die Debatte kurze Zeit nach der Amokfahrt als verfrüht.

Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Andrea (62) aus dem Vogtlandkreis meint: "Der Schock sitzt noch sehr tief, man ist noch aufgewühlt. Es ist wahrscheinlich besser, einige Tage zu warten und sich dann mit etwas Abstand diesem Thema zu widmen." Dagegen meint Sandra (35) aus Erfurt: "Das Thema Sicherheit in Innenstädten, auf großen, offenen Plätzen ist kein neues. Eigentlich sollte man meinen, dass nach den vorangegangenen Ereignissen alles menschenmögliche getan wurde, um Autos aus Fußgängerzonen herauszuhalten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es nicht technisch möglich wäre, Maßnahmen zu finden, die zwar Rettung- und Lieferfahrzeuge reinlassen, alle anderen aber draußen halten." In den Kommentaren gibt es dazu Zweifel: "Wer sowas vor hat, wird immer einen Weg finden", meint Steffen (58) aus Leipzig. Und Gotlind (52) aus dem Wartburgkreis fügt hinzu: „Ich fürchte, wirkliche Sicherheit gibt es nicht.“ Damit verbunden ist der Wunsch von Niels (59) aus Jena: "Bitte die Innenstädte nicht zur Festung ausbauen. Autofreie Innenstädte: ja, Sicherheit: ja, Poller usw.: ja. Aber bitte lasst die Innenstädte lebenswert."

Angela (58) aus dem Erzgebirgskreis sieht es so: "Ich finde es wichtig, über Sicherheitsmaßnahmen zu diskutieren, wichtiger fände ich jedoch Maßnahmen, die so etwas verhindern. Man hört immer wieder, dass Menschen, die solche Taten begehen, bereits auffällig oder polizeibekannt sind."

Wie lassen sich solche Taten verhindern?

Viele Kommentare zeigen: Der Blick soll stärker auf Vorbeugung und Unterstützung für psychisch Erkrankte gerichtet werden. Dazu schreibt Thomas (36) aus Halle: "Ich habe keinen Hass auf den Täter und finde es schade, dass ihm nicht ausreichend geholfen wurde. Es ist schlecht, bei den psychotherapeutischen Hilfsangeboten zu kürzen und soziale Projekte/Angebote zu streichen. Sie erfüllen einen wichtigen Zweck und wirken präventiv."

Worauf soll der journalistische Fokus liegen?

Auch die journalistische Berichterstattung wird sehr bewusst wahrgenommen. Die Vielzahl an Informationsquellen kann helfen, ein Bild der Lage zu bekommen, sie kann aber auch unübersichtlich sein. Mehr als jeder zweite Befragte ist der Ansicht, dass der Fokus der Berichte auf die Hintergründe zum Täter sowie auf die Trauer und das Gedenken gelegt werden sollte. Ähnlich wichtig werden Informationen zu Hilfsangeboten sowie Einschätzungen von Fachleuten eingestuft.

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Politische Reaktionen werden oft als unangemessen oder selbstinszenierend wahrgenommen. Eleonor (29) aus dem Jerichower Land macht macht noch diesen Punkt: "Meine Kritik geht eher an die Menschen, die in Kommentarspalten auf Social Media kommentieren, sobald die erste Meldung raus ist und ihrem Rassismus freien Lauf lassen. Direkt nach den ersten Berichten lese ich ausschließlich die Frage nach dem Migrationshintergrund des Täters, nach seinem Namen etc. Selten wird Beileid ausgedrückt oder den Opfern gedacht."

Über diese Befragung

Bei der Befragung "Nach mutmaßlicher Amokfahrt in Leipzig – Wie geht es Ihnen?" vom 05. bis 07. Mai 2026 haben 17.911 Menschen teilgenommen.

Bei MDRfragt können alle mitmachen, die mindestens 16 Jahre alt sind und in Sachsen, Thüringen oder Sachsen-Anhalt wohnen.
Unser Ziel ist es, die Vielfalt der Argumente sichtbar zu machen. Die Kommentare der Teilnehmenden helfen uns, die Gründe für unterschiedliche Positionen und das gesamte Meinungsspektrum abzubilden.

Wir ziehen keine Stichprobe, sondern laden alle Interessierten ein, ihre Meinung einzubringen. Deshalb sind die Ergebnisse strenggenommen nicht repräsentativ. Aber: An den Befragungen beteiligen sich jeweils zehntausende Menschen aus den drei Bundesländern. MDRfragt wird zudem wissenschaftlich begleitet und überprüft. Die Ergebnisse werden nach bewährten Methoden gewichtet – anhand soziodemografischer Merkmale wie Alter, Geschlecht und Bildungsgrad – und so an die tatsächliche Bevölkerungsverteilung in Mitteldeutschland angepasst. Dadurch sind die Ergebnisse aussagekräftig für die Stimmung im Sendegebiet. Durch Rundungen ergeben die Prozentwerte bei einzelnen Fragen nicht immer exakt 100.

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