„Die Paranoia ist vollkommen berechtigt bei Putin“
Die Berichte über wachsende Nervosität im Kreml häufen sich. Die Sorge vor ukrainischen Drohnenangriffen und Aktionen tief in Russland prägt nach Einschätzung eines Experten zunehmend das Sicherheitsdenken im Kreml. Bojan Pancevski, leitender Europa-Politikkorrespondent des „Wall Street Journal“, spricht bei ZDFheute live von einer „sehr klaren Bedrohungslage“ für Teile des russischen Machtapparats. Auch die frühere Zentralbank-Mitarbeiterin Alexandra Prokopenko beschreibt laut AFP eine russische Elite, in der Angst und Misstrauen „paranoide, stalinistische Ausmaße“ erreicht hätten.
Die Sorge vor möglichen ukrainischen Angriffen setzt die russische Führung nach Einschätzung von Pancevski erheblich unter Druck. Ein wesentlicher Grund für die Bedrohungslage sei die „ungeheure Innovationskraft“ der Ukraine im Drohnenkrieg. Die Ukraine habe eine hochentwickelte Industrie aufgebaut und produziere präzisere Geräte als Russland. Besonders gefährlich für Putin seien kleine, lokal gesteuerte Drohnen, gegen die man „quasi gar nichts mehr unternehmen kann“.
Der Journalist Bojan PancevskiPancevski sagte: „Die Paranoia ist vollkommen berechtigt bei Putin und seinen Sicherheitsleuten.“ Dieser „Psychoterror“ zeige Wirkung: So sei die traditionelle Militärparade am 9. Mai stark limitiert worden, weil der Kreml fürchte, die Ukraine könnte schweres Gerät direkt am Roten Platz mit Drohnen zerstören. „Die Idee dahinter ist, den Russen in Moskau und auch Sankt Petersburg beizubringen, was Krieg bedeutet“, sagte der „Wall Street Journal“-Journalist.
Putin traue seinem eigenen System nicht mehr
Russland ergreift nun zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen für Präsident Wladimir Putin. Damit wappne man sich gegen einen möglichen ukrainischen Angriff während der Feierlichkeiten zum Jahrestag des Sieges über Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg, teilte das Präsidialamt in Moskau mit. Reuters berichtete zudem unter Berufung auf russische Regierungsangaben, die Luftabwehr habe am Donnerstag 32 auf Moskau zusteuernde Drohnen zerstört. Die Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen.
Pancevski verwies im ZDF auch darauf, dass die Ukraine mit Spezialisten tief im Landesinneren von Russland erfolgreich Attentate verübe. „Da gibt es eine sehr klare Bedrohungslage für die Führungskräfte der russischen Armee und des russischen Sicherheitsapparates. Und die sind tatsächlich in Lebensgefahr.“
Neben der äußeren Bedrohung fürchte ein Diktator wie Putin aber vor allem die Gefahr aus dem Inneren, insbesondere seit dem Aufstand der Wagner-Gruppe unter Jewgeni Prigoschin. „Ich glaube, die Paranoia ist viel tiefer geworden im russischen Staatsapparat“, sagte Pancevski. Putin traue seinem eigenen System nicht mehr und habe viele in der Armee und den Geheimdiensten entlassen. Die Lage im Kreml werde laut Pancevski „immer paranoider“, da der Krieg nicht nach Plan verlaufe. Es ist ein offenes Geheimnis, dass der Lawrow, der Außenminister, Putin kaum zu Gesicht bekommt.
Der Experte erklärte, Putin habe den Krieg eigentlich bereits „tatsächlich verloren“, da sein oberstes Ziel, die Einnahme Kiews, gescheitert sei. Da Russland kaum noch Territorium gewinne und die Wirtschaft unter dem Mangel an westlicher Technologie leide, steige der Druck massiv an. Die Ukrainer besäßen die sprachlichen und kulturellen Fähigkeiten, das russische System effektiv zu infiltrieren, weshalb „Putin sich zu Recht fürchtet“.
Russische Geschäftsleute trauen ihren Smartwatches nicht
Auch die frühere Mitarbeiterin der russischen Zentralbank, Alexandra Prokopenko, beschreibt laut AFP zunehmende Angst und wachsendes Misstrauen in der russischen Elite. „Das Ausmaß der Paranoia ist so groß, dass die Menschen sogar Angst haben zu denken – geschweige denn zu sprechen“, sagte Prokopenko in einem Interview in Paris. „Die Angst hat absolut paranoide, stalinistische Ausmaße erreicht“, fügte sie hinzu.
Laut Prokopenko haben Beamte und Geschäftsleute in Russland begonnen, vor heiklen Besprechungen ihre Handys und Smartwatches abzulegen, weil sie befürchten, überwacht zu werden. Als der Krieg dann doch begann, hätte das die Meinung vieler über Putin geändert. Während er früher vielfach als der „Boss“ angesehen worden sei, sei er jetzt nur noch der „alte Mann“, erklärte Prokopenko. Prokopenko sagte, nach anfänglichen Bemühungen, Putin vom Ukraine-Krieg abzubringen, sei die Elite zu „Schleimern und Lakaien“ geworden – aus Angst um ihre Freiheit und ihr Vermögen. Dennoch wollten jetzt „alle, dass der Krieg endet“.
Pancevski berichtet zudem von bizarren Details aus Putins Alltag – er sei besessen davon, seine Gesundheit zu schützen. Putin habe in privaten Gesprächen erwähnt, dass er täglich Zeit in einer sogenannten „Cryo-Chamber“ verbringe, einem eiskalten Raum, in dem minus 20 bis 30 Grad herrschen, um seine Zellen zu erneuern. Er sei überzeugt, man könne heute über 120 Jahre alt werden. Diese mentale Entwicklung führe dazu, dass er sich von jeder potenziellen Gefahr abschotte.
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