„Vielleicht kommen wir in einigen Bereichen sogar zu einer gemeinsamen Produktion von Waffen“
In dieser Woche haben Israel und Deutschland eine neue Phase ihrer Sicherheitspartnerschaft vereinbart. Israels Außenminister Gideon Saar ist dafür nach Berlin gereist. Dass er von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) empfangen wurde, wie es sonst nur bei Regierungschefs üblich ist, zeigt die Bedeutung seines Besuchs.
WELT: Herr Minister, was ist heute der wichtigste Aspekt der strategischen Beziehungen zwischen Israel und Deutschland?
Gideon Saar: Verteidigung ist sehr wichtig. Deutschland versteht heute in einer Weise, die mit früheren Jahren nicht vergleichbar ist, die internationalen Herausforderungen und Bedrohungen. Wenn Deutschland also darüber nachdenkt, wer ein wirklich zuverlässiger Partner ist, dann glaube ich nicht, dass es einen besseren Verbündeten als Israel gibt. Natürlich ist die Zusammenarbeit bei Rüstung, Technologie und Wirtschaft längst nicht alles in unserer bilateralen Zusammenarbeit, aber diese Bereiche sind von großer Bedeutung. Als unsere Beziehungen vor mehr als 60 Jahren mit enormem historischen Ballast begannen, hätte kaum jemand diese Tiefe der Beziehungen erahnen können. Unsere Länder zeigen, was man mit einer gemeinsamen Vision für die Zukunft erreichen kann.
WELT: Im vergangenen Jahr hatte Bundeskanzler Friedrich Merz Waffenlieferungen an Israel teilweise eingestellt. War das noch ein Thema, über das Sie jetzt gesprochen haben?
Saar: Wir haben über die Gegenwart und die Zukunft gesprochen. Im vergangenen Oktober, seit dem Waffenstillstand im Gaza-Streifen, hat Deutschland seine Entscheidung geändert und liefert nun wieder wie gewohnt. Aber ja, so etwas sollte unter Freunden nicht passieren. Israel liefert auch, wenn es unter Druck steht. Es gab Kritik in Israel, als wir das Arrow‑3-Flugabwehrsystem geliefert haben, obwohl wir im Krieg sind und es auch selbst hätten gebrauchen können. Wir haben die beste Technologie und am meisten Erfahrung – und wir halten gegenüber Verbündeten unser Wort.
WELT: Es geht also längst nicht mehr nur um Waffenlieferungen aus Deutschland nach Israel. Sondern Israel stellt auch Deutschlands Verteidigung sicher.
Saar: Wir helfen auf vielfältige Weise, und ich glaube, dass wir in Zukunft noch mehr helfen werden. Vielleicht kommen wir in einigen Bereichen sogar zu einer gemeinsamen Produktion von Waffen. Zwischen Freunden sind die Möglichkeiten unbegrenzt.
WELT: Israel hat auch angekündigt, Kerosin nach Deutschland zu liefern, um in der knappen Versorgungslage für den Flugverkehr zu helfen. Wie kam es dazu?
Saar: Deutschland hat eine Anfrage an seine Partner in einem Energiebündnis gestellt – und wir haben schnell geantwortet.
WELT: Wie war das Treffen mit Kanzler Merz, wie ist sein Verhältnis zu Israel?
Saar: Ich kann zwar nicht verraten, was bei dem Treffen besprochen wurde, aber der Empfang war sehr herzlich. Der Bundeskanzler bekräftigte sein Bekenntnis, an der Seite Israels zu stehen und sich gegen Antisemitismus einzusetzen. Er ist ein Freund Israels. Das bedeutet nicht, dass wir nie Meinungsverschiedenheiten haben, aber er hat dieses grundlegende Bekenntnis.
Israels Außenminister Gideon Saar (r.) im Gespräch mit Chefredakteur Helge FuhstWELT: Die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel sind eng. Aber in Europa gibt es eine große Kluft. Länder wie Spanien, Irland oder Norwegen sind sehr kritisch gegenüber Israel. Sollte es die Rolle des Bundeskanzlers sein, Europa bei der Unterstützung Israels zu einen?
Saar: Ich sehe Meinungsverschiedenheiten in Europa in vielen politischen Fragen. In der Vergangenheit haben wir in der EU mehr Konsens zwischen Sozialdemokraten, Konservativen und Liberalen gesehen, heute haben sie – lassen Sie es mich so ausdrücken – völlig unterschiedliche Vorstellungen. Klar ist, dass es Europa an geopolitischem Denken mangelt. Wenn Länder wie Spanien eine antiamerikanische Kampagne führen, ist das vielleicht für eine bestimmte Partei in Spanien gut. Aber nicht für das transatlantische Bündnis und das Bestreben, die westliche Welt gegen Bedrohungen zu vereinen. Ich denke, dass der Bundeskanzler versucht, eine Brücke zwischen den Vereinigten Staaten und Europa zu schlagen und bei allen Herausforderungen zu helfen, mehr Gemeinsamkeiten in internationalen Fragen zu erreichen. Deutschland kann hier eine Führungsrolle übernehmen und das liegt im Interesse Europas.
WELT: Schauen wir auf den Krieg gegen den Iran. Was ist das derzeitige Ziel?
Saar: Wir befinden uns in einem Waffenstillstand, aber sind zugleich auf jede Situation vorbereitet. Das Wichtigste ist, zu verhindern, dass der Iran in den Besitz von Atomwaffen gelangt. Wir unterstützen die diplomatischen Bemühungen von US-Präsident Trump. Die wichtigsten Forderungen sind, dass der Iran sämtliches angereichertes Material aus dem Land schafft und sich dazu verpflichtet, auf iranischem Boden kein Uran anzureichern. Bisher sehe ich dazu aber keine Bereitschaft. Der Irrtum der Iraner ist, dass sie denken, dass eine nukleare Bewaffnung die Existenz ihres Regimes sichern könnte.
Israels Außenminister Gideon Saar zeigt sich im Interview mit WELT TV zuversichtlich, dass US-Präsident Trump das iranische Atomprogramm stoppen kann. „Man muss das angereicherte Material aus dem Iran herausbringen“, so Saar.WELT: Wie lange kann der Waffenstillstand dauern?
Saar: Wie Mark Twain gesagt hat: „Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.“ Ein Sturz der Regierung liegt in der Hand des iranischen Volkes, nicht in unserer. Das wussten wir von Anfang an. Das iranische Regime hat Aufstände brutal unterdrückt. Sie haben Abertausende getötet und etwa 100.000 Menschen verhaftet. Ein Großteil der mutigen Menschen, die im Januar auf die Straße gingen, ist tot oder im Gefängnis. Es ist derzeit also schwer für die Iraner, erneut für ihre Freiheit zu kämpfen. Aber ich schließe die Möglichkeit einer verspäteten Reaktion nicht aus. Normalerweise gehen die Menschen nicht mitten in der Krise auf die Straße. Wir glauben, dass Tyranneien nicht von Dauer sind. Und der Iran steuert auf eine gewaltige Wirtschaftskrise zu.
WELT: In diesem Krieg steht auch der Westen wirtschaftlich unter Druck. Befürchten Sie, dass er so groß werden könnte, dass Ihre Verbündeten die Konfrontation mit dem Iran nicht mehr unterstützen?
Saar: Die öffentliche Meinung in Europa stand diesem Krieg von Beginn an nicht besonders positiv gegenüber. Aber das ist falsch. Ich glaube, es liegt im Interesse der freien Welt, sich diesem wahnsinnigen Regime entgegenzustellen. Schauen Sie, wie der Iran die Vereinigten Arabischen Emirate angegriffen hat, ohne Provokation. Der Iran ist nicht nur eine Gefahr für die Existenz Israels. Viele arabische Staaten, vor allem die Golfstaaten, haben das klar erkannt. Übrigens hat der Krieg Israel und die Vereinigten Arabischen Emirate einander viel nähergebracht.
WELT: Sie haben den Emiraten sogar ihr Flugabwehrsystem „Iron Dome“ geliefert. Ist das der Beginn einer größeren Rüstungskooperation auch mit anderen arabischen Staaten?
Saar: Ich gehe nicht in Einzelheiten. Aber wenn Freunde unsere Hilfe benötigen, dann helfen wir. Unsere Beziehungen zu den Arabischen Emiraten sind hervorragend. Viele Israelis reisen zum Urlaub dorthin und fühlen sich sicher. Als das Land seine Schulbücher austauschte und damit begann, keinen Hass mehr gegen Juden zu schüren, wussten wir, dass sie es ernst meinen mit dem Frieden. Von allen Friedensverträgen in der Region ist es das Land, mit dem eine vollständige Normalisierung nahe ist: nicht nur im Verhältnis zwischen den Regierungen, sondern auch der Bevölkerung. Das ist eine großartige Sache.
WELT: Eine Bedingung der Abraham-Abkommen mit den arabischen Staaten ist, dass Israel nicht das Westjordanland annektiert. Dort werden aber viele neue Siedlungen gebaut, Israel baut die Kontrolle über die Gebiete aus...
Saar: Der Vorwurf einer Annexion ist völlig falsch. Neu genehmigte Siedlungen befinden sich in der von Israel verwalteten Zone C, nicht auf palästinensischen Hoheitsgebieten. In anderen Fällen gibt es jüdische Gemeinden, die geschützt werden müssen. Diese Lektion haben wir nach dem Terrorangriff vom 7. Oktober gelernt. In Israel leben zwei Millionen Menschen arabischer Abstammung, sie sind im Parlament und Behörden vertreten. Warum erscheint es im Gegenzug normaler, dass Juden in Paris oder Berlin leben, aber nicht in ihrem biblischen Kernland, in Judäa und Samaria?
WELT: Was tut der israelische Staat gegen die anhaltende Gewalt von Siedlern gegen Palästinenser?
Saar: Wir gehen dagegen vor. Erst in dieser Woche wurden vier Personen festgenommen. Es ist eine enorme Herausforderung, der wir uns stellen müssen. Ohne das Thema verharmlosen zu wollen: Es handelt sich um eine Gruppe von etwa 300 Personen, die auch Gewalt gegen die israelische Armee ausüben. Es geht hier nicht um die rund 500.000 jüdischen Menschen, die in dem Gebiet leben, das Sie als Westjordanland bezeichnen und wir als Judäa und Samaria. Aber ja: Wir sind entschlossen, gegen diese Gewalt vorzugehen.
WELT: Wir sitzen hier im Journalistenclub von Axel Springer. Vor Jahren trafen sich hier Helmut Kohl, Michael Gorbatschow und George H. W. Bush. Sie blickten auf die Teilung Deutschlands und Europas zurück. Wie hoffnungsvoll sind Sie, dass es eines Tages auch zwischen Israelis und Palästinensern Frieden gibt?
Saar: Wir brauchen dafür einen verlässlichen Partner, der mehrere Punkte erfüllt. Vor allem: keine Zahlungen mehr an Terroristen, so wie es die Palästinensische Autonomiebehörde seit Jahrzehnten tut. Keine Aufwiegelung in Schulen und Kindergärten, keine Dämonisierung von Juden, keine Aufrufe, Israel auszulöschen. Unser früherer Premierminister Menachem Begin hat mal gesagt, Kriege könnten verhindert werden, aber Frieden sei unvermeidlich. Darauf hoffen wir auch nach Jahrzehnten des Konfliktes weiter.
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