Polizisten durchsuchen am Mittwochmorgen deutschlandweit Wohnungen von jungen Neonazis. Hintergrund der Razzia in knapp 40 Objekten sollen nach WELT-Informationen Ermittlungen des Generalbundesanwalts (GBA) und des Bundeskriminalamts sein. Die Durchsuchungen richten sich gegen 36 Beschuldigte in zwölf Bundesländern. Den jungen Neonazis wird unter anderem vorgeworfen, Jagd auf Linke gemacht zu haben. Der Jüngste tatverdächtige ist 16 Jahre alt.

Von den Durchsuchungen betroffen sollen Personen aus dem Umfeld der Gruppen „Jung und Stark“ und „Deutsche Jugend Voran“ sein. Das erfuhr WELT aus Sicherheitskreisen. Die Gruppen werden von den Sicherheitsbehörden als aktionsorientierte und gewaltbereite rechtsextremistische Vereinigungen bewertet, die besonders über das Internet Teenager rekrutierten. Gegen die beiden Gruppen ermittelt die Bundesanwaltschaft wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung. Schwerpunkte bilden die Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Berlin und Sachsen.

Bei „Jung und Stark“ und „Deutsche Jugend Voran“ handelt es sich nach Angaben des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) um Vertreter einer gewaltaffinen und radikalisierten Onlinesubkultur. BfV-Präsident Sinan Selen sagte bei der Vorstellung des Verfassungsschutzberichts im vergangenen Jahr: „Sie haben in diesem Kontext eine besondere Rolle eingenommen – beispielsweise mit Störaktionen im Zusammenhang mit Christopher-Street-Day-Veranstaltungen.“

Der Verfassungsschutz erklärte zuletzt gegenüber WELT: „Innerhalb kurzer Zeit sind sehr dynamische und mobilisierungsfähige rechtsextremistische Gruppierungen entstanden, die gleichzeitig auch den Schulterschluss mit größeren Akteuren der rechtsextremistischen Szene suchen.“ Es handele sichvielfachs um ideologisch nicht gefestigte Jugendliche, die sich über Subkultur, Internet oder Kampfsport der Ideologie annähern würden. Auch junge Frauen seien unter den Anhängern.

Ein Anführer der Gruppe „Deutsche Jugend Voran“ wurde im vergangenen Jahr in Berlin zu drei Jahren und drei Monaten im offenen Vollzug verurteilt. Julian M. hatte mehrfach politische Gegner überfallen. Eines der Opfer berichtete vor Gericht von bleibenden Angstzuständen.

Auch das Bundeskriminalamt schlug zuletzt gegenüber WELT Alarm: Von den jungen Szenemitgliedern gehe „eine Gefährdung aus, wie wir sie in dieser Form seit vielen Jahren nicht beobachtet haben“. „Angesichts ihrer neonazistischen Propaganda in den sozialen Medien besteht die Gefahr, dass diese Gruppen weitere Anhänger rekrutieren und sich das Phänomen ausweitet.“

Mitglieder von „Jung und Stark“ inszenieren sich im Internet kämpferisch

Experten des Violence Prevention Network (VPN), einer Nichtregierungsorganisation, die versucht, Jugendliche zu deradikalisieren, sehen in den neuen Neonazi-Gruppen auch ein Symptom prekärer Verhältnisse. Soziale Isolation, Einsamkeit, fehlende Räume und das Gefühl, nicht gebraucht zu werden, könnten Radikalisierungsprozesse beschleunigen. Elisabeth Hell von der bei VPN angesiedelten Beratungsstelle „Crossroads“ sieht bei den Jugendlichen in ihrer Beratung „multiple Problemlagen“ – dazu zählten etwa Rauschmittelkonsum, „Schuldistanz“ sowie familiäre Probleme.

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