US-Präsident Donald Trump steht kurz davor, wichtige Punkte auf der russischen Europa-Wunschliste abzuhaken. Dazu gehören die Verkleinerung der US-Präsenz in Deutschland sowie der Verzicht auf die Stationierung konventioneller Langstreckenwaffen, die Ziele im europäischen Teil Russlands treffen könnten. WELT analysiert, was genau die Pläne Trumps für Moskau bedeuten würden.

Der Truppenabzug von mindestens 5000 US-Soldaten würde zunächst wenig an der strategischen Kalkulation der Russen ändern. Wichtig wäre der Symbolcharakter, den ein solcher Schritt innehätte. Sollte Trump seine Drohungen tatsächlich umsetzen, würde das US-Garantien für Nato-Staaten infrage stellen, glaubt Wassili Kaschin. Er ist Außenpolitikexperte an der Moskauer Elitehochschule Higher School of Economics. Dabei gehe Trump über rein Nato-kritische Rhetorik hinaus, die die Allianz bereits geschwächt habe.

Trump schaffe faktisch eine Situation, in der es „unklar“ sei, „was im Falle eines Konflikts zwischen Russland und EU-Ländern“ geschehen würde. Selbst wenn dieser Konflikt konventionell ausgetragen werde. Früher habe niemand an der Bereitschaft der Amerikaner gezweifelt, aufseiten der Bündnispartner einzugreifen. „Doch jetzt steht das infrage“, so Kaschin im Gespräch mit dem russischen Armeesender „Swesda“.

Von Moskau aus gesehen wirkt das Vorgehen Trumps wie eine Einladung, die Europäer nicht nur mit Mitteln des hybriden Krieges, sondern mit militärischer Konfrontation auszutesten. Spätestens seit die Europäer, vor allem Deutschland, zu den finanziellen und militärischen Hauptunterstützern der Ukraine avanciert sind, sieht die russische Führung Europa als Feind.

Seit Jahren setzt Russland die europäische Öffentlichkeit mit Sabotageaktionen unter Druck. Die Eskalation hin zu offenen Kriegshandlungen könnte wegen Trumps Vorgehen schneller näher rücken als Militärexperten es bisher für möglich hielten.

Verzicht auf Stationierung von Tomahawks

Sollten die Amerikaner tatsächlich auf die Stationierung von Tomahawk-Marschflugkörpern in Deutschland verzichten, ohne sie stattdessen in Osteuropa zu stationieren, wäre das ein spürbares Zugeständnis an den Kreml. Die Nato würde somit auf jeden Anschein der Parität bei Langstreckenwaffen in Europa verzichten – während die russischen Streitkräfte inzwischen jeden Punkt in Europa mit einer Vielzahl konventioneller und nuklear bestückbarer Waffentypen treffen könnten.

Landbasierte nuklearfähige Tomahawk-Varianten wurden nach dem Inkrafttreten des INF-Vertrages über Mittelstreckenraketen im Jahr 1987 aus Europa zurückgezogen, geisterten aber seitdem in der Vorstellungskraft der russischen Führung herum.

Nach der Stationierung der „Aegis Ashore“-Raketenabwehr in Polen und Rumänien gegen potenzielle iranische Angriffe, die sich gegen Europa richten, eskalierte der Streit. Moskau warf den Amerikanern vor, durch die Verlegung von Mehrzweck-Startrampen vom Typ MK41, die auch Tomahawk-Marschflugkörper abfeuern können, die versteckte Stationierung dieser Waffen zu betreiben. Die Amerikaner wiesen die Vorwürfe zurück.

Die Angst der Russen gilt einem potenziellen Enthauptungsschlag mit konventionellen Waffen, vor allem mit ballistischen Raketen, die in zehn bis zwölf Minuten Moskau erreichen könnten. Schon 2019 warnte Wladimir Putin davor. So schnell sind auch moderne Tomahawk-Varianten nicht. Aber ihre Reichweite genügt, um von Deutschland aus den äußersten Westen und Nordwesten Russlands zu treffen, und von Polen oder Rumänien aus sogar Moskau.

Russlands Verstöße gegen den INF-Vertrag in den Jahren kurz vor seinem Ende 2019 sind im Kontext dieser Angst zu sehen. Auch die Entwicklung von Flugabwehrsystemen wie S-400, das explizit schwere Marschflugkörper abfangen soll, spielt in diesem Kontext eine Rolle.

Allerdings ist die Wirksamkeit dieser Flugabwehrsysteme gegen Tomahawk-Marschflugkörper nicht erwiesen. Die Angst Russlands vor lange diskutierten und schließlich von den Amerikanern verworfenen Plänen, Tomahawks an die Ukraine zu liefern, ist ein weiterer Beleg für Russlands Sorgen.

Verzicht auf Stationierung von „Dark Eagle“

Noch größere Sorgen bereiten dem Kreml die „Dark Eagle“-Raketen, die keine Sprengladung tragen und ihre Ziele, ähnlich wie die russische „Oreschnik“-Rakete, rein mit kinetischer Energie zerstören. Diese amerikanischen Hyperschall-Raketen fliegen mit über fünffacher Schallgeschwindigkeit und Berichten zufolge bis zu 2700 Kilometer weit. Sollten die Amerikaner auf die Stationierung dieser Raketen in Deutschland und Europa verzichten, wäre das für Russland ein Beitrag zur Risikominimierung.

Die Flugzeit einer „Dark Eagle“-Rakete zwischen einem Militärstandort in Deutschland und der russischen Hauptstadt kann knapp zehn Minuten betragen – genau die Zeitspanne, die Putin vor Jahren nannte. Alle russischen Bevölkerungs- und Industriezentren westlich des Ural-Gebirges lägen in Reichweite von „Dark Eagle“.

Das Flugabwehrsystem S-500 soll russischen Experten zufolge in der Lage sein, solche Hyperschall-Raketen abzuschießen. Nach russischen Angaben ist es technisch mit dem amerikanischen THAAD-System oder den SM-3-Raketen von „Aegis Ashore“ vergleichbar. Das heißt: Es kann ballistische Raketen in der äußersten Schicht der Atmosphäre abfangen, in bis zu 200 Kilometern Höhe. Berichten zufolge soll das System derzeit in kleinen Stückzahlen hergestellt werden.

Auch das in Entwicklung befindliche Raketen-Abwehrsystem A-235, das Moskau vor ballistischen Raketen schützen soll, kann „Dark Eagle“ abfangen – zumindest theoretisch. Das bedeutet allerdings: Das bestehende A-135-System, das in den 1980er-Jahren gegen ballistische Raketen entwickelt wurde, ist gegen „Dark Eagle“ machtlos.

Auch die Verstetigung der S-500-Produktion wirft Fragen auf. Die Serienproduktion wurde mehrmals verschoben, zuletzt nach der Großinvasion der Ukraine. Wahrscheinlich geschah das, um die Produktion älterer S-400-Systeme zu priorisieren. Das zumindest vermuten die Experten der Denkfabrik Center for Strategic and International Studies.

Die ukrainische Armee hat als Teil der Kampagne gegen die russische Flugabwehr zahlreiche S-400-Systeme zerstört, die ersetzt werden müssen. Verzichten die USA auf die „Dark Eagle“-Stationierung, bedeutet das also mit großer Wahrscheinlichkeit auch eine Entlastung für die russische Rüstungsindustrie im Ukraine-Krieg.

Pavel Lokshin ist Russland-Korrespondent. Im Auftrag von WELT berichtet er seit 2017 über Russland, die Ukraine und den postsowjetischen Raum.

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