Sie ist die Aufmüpfige: Wirtschaftsministerin Katherina Reiche hat Friedrich Merz verärgert. Von Angela Merkel könnte er lernen, trotzdem von Reiches Ruf zu profitieren.

Katherina Reiche hat einen stoischen Zug. Es scheint die Wirtschaftsministerin nicht zu beeindrucken, wenn sich Kanzler, Koalitionspartner und andere Kritiker über sie aufregen. Reiche löckt gern wider den Stachel, und zwar im ursprünglichen Sinne dieser biblischen Aufmüpfigkeit, der das Vergebliche schon innewohnt.

Die Ministerin vertritt wirtschaftsliberale Positionen nicht, weil sie glaubt, sie könne sich durchsetzen. Sie tut es vielleicht aus Überzeugung, ganz gewiss aber zur eigenen Profilierung. Widerstand muss manifestiert werden, auch wenn Reiche damit nichts erreicht, wie man jetzt bei Tankrabatt und Übergewinnsteuer gesehen hat, die sie abgelehnt hatte.

Was Reiche und Guttenberg politisch verbindet

Da fällt uns Karl-Theodor zu Guttenberg ein. Im Mai 2009 widersetzte sich der Wirtschaftsminister einer damals noch größeren großen Koalition dem staatlich abgeschirmten Verkauf der Firma Opel. Der wohlhabende Freiherr plädierte, ganz Marktwirtschaftler, für eine Insolvenz. Ein solches, absehbar mit Arbeitsplatzverlusten verbundenes Vorgehen war eingedenk der nahen Bundestagswahl weder für Kanzlerin Angela Merkel noch für die SPD ein politisch gangbarer Weg, weshalb sie sich über Guttenbergs Widerstand – zu dem auch ein Rücktrittsangebot gehörte, von dem die Presse mühelos erfuhr – hinwegsetzten.

Diese Niederlage des CSU-Youngsters erwies sich als Abschussrampe für eine der steilsten politischen Karrieren, die das Land je gesehen hat. KT, wie er gerufen wurde, ließ sich für seine Prinzipientreue feiern, die als Gratis-Heldentum zu diffamieren nur notorischen Naserümpfern wie mir einfiel. Er zelebrierte Unabhängigkeit, wodurch Politik für ihn als Berufung und nicht als Beruf erschien, und galt bald als ein Favorit auf die Nachfolge Merkels, von der niemand ahnte, dass sie einen Tick länger regieren würde als KT als Minister im Amt blieb.

Nun drängt sich der Gedanke auf, dass Reiche versucht, es Guttenberg gleichzutun, befördert durch den Umstand, dass beide seit geraumer Zeit ein Paar bilden. Als ich diese Überlegung erstmals am heimischen Esstisch ventilierte, maßregelte mich meine Gattin streng: Einem Mann würde man nie unterstellen, er ahme eine Frau nach, umgekehrt aber sei das natürlich der erste Verdacht.

Wie es der Zufall will, wäre es im Fall Reiche einem Mann, dem Kanzler, sogar sehr zu empfehlen, eine Frau nachzuahmen, die Ex-Kanzlerin. Merkel hat sich Guttenbergs Popularität nutzbar gemacht. Er wirkte wie eine Art Komplementärminister: Sie moderierend, er entschieden; sie präsidial, er temperamentvoll; sie sozialdemokratisch, er marktliberal. Merkel wollte im Liebling des Boulevards nie einen Anti-Politiker sehen, sondern würdigte die neuen Möglichkeiten, die er der Politik eröffne, ein bisschen Glamour inklusive. In den Umfragen profitierten beide: Guttenberg als Volkes Liebling, Merkel als diejenige, die auf ihn aufpasst. Noch als Guttenbergs Doktorarbeit in Verruf geriet, stellte sie sich mit dem Argument vor ihn, einen Minister berufen zu haben und keinen wissenschaftlichen Assistenten.

Merz müsste Reiche mal zum Lachen bringen

Wenn nun Friedrich Merz, bei dem manche den einstigen Mut zur marktliberalen Kante vermissen, Reiche zu seiner Komplementärministerin machen wollte, müsste sie allerdings noch etwas, nun ja, beliebter werden. KT ließ sich lebensfroh auf dem Times Square in New York fotografieren, Reiche schleicht eher unlustig durch den Berliner Betrieb. Bilder, auf denen sie wirklich Freude an der Politik ausstrahlt, lassen sich noch an einer Hand abzählen, selbst wenn die in einer Kreissäge zuvor zwei Finger verloren hätte. Aber vielleicht wächst die Popularität noch – viel Feind’, viel Ehr'. Und Glamour muss ja nicht.

Für Reiche spricht jetzt immerhin schon, dass sie keinen Doktortitel hat. 

  • Katherina Reiche
  • Angela Merkel
  • Karl-Theodor zu Guttenberg
  • Friedrich Merz
  • Frau
  • Adam Opel
  • Insolvenz
  • Bundestagswahl

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke