„Mich treibt eher Frage um, was in der westdeutschen Bundesrepublik schiefgelaufen ist“
Herb, trutzig, rechtschaffen, vierkantig und von Rührseligkeit so fern wie der Ochs vom Tanzen: So ließe sich Sachsen-Anhalts ehemaliger Ministerpräsident Reiner Haseloff, der von April 2011 bis zu seinem Rücktritt im Januar 2026 regierte, charakterisieren. Sein Lebensmotto könnte lauten: „In dieses Hirn wird kein fauler Zauber eindringen.“ Nun ist der 72-jährige Physiker, der seit 1976 der CDU angehört, im Ruhestand und hat Zeit, über die Tagespolitik hinauszublicken. Auch in diesem Gespräch ist er antipathetisch bis zur Hundeschnautzigkeit, doch auch – und das darf man nicht übersehen – von kluger, feiner Menschlichkeit.
WELT AM SONNTAG: Herr Haseloff, wie lebt es sich frisch im Ruhestand? Haben Sie nach 15 Jahren als Ministerpräsident Entzugserscheinungen?
Reiner Haseloff: Überhaupt nicht. Ich komme jetzt im Durchschnitt auf siebeneinhalb Stunden Schlaf. Davon konnte ich früher nur träumen. Ansonsten ist mein Terminkalender voller als vorher, weil ich gerade den ganzen Rückstau abarbeite, der sich im Amt gebildet hat: Vorträge, Veranstaltungen und so weiter. Schauen Sie: komplett ausgebucht (zeigt seinen mit Bleistift beschriebenen Kalender; d. Red.).
WAMS: Sieht nach Vollbeschäftigung aus.
Haseloff: Gott sei Dank ist bald die Erstkommunion meiner Enkeltochter; dann sind wir eine Woche weg. Aber ansonsten ist alles dicht: Aachen, Stuttgart, ah, der Katholikentag. Würzburg, Lüneburg, Wachau muss ich schon absagen. Das wird sich erst beruhigen, wenn die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im September gelaufen ist. Dann kann ich meine Ehrenämter und Schirmherrschaften sortieren und entscheiden, was ich behalte. Heute habe ich schon wieder was zugesagt, manchmal kann ich nicht anders. Aber alles ehrenamtlich.
WAMS: Wie groß ist die Versuchung, Ihrem Nachfolger im Amt mit Rat und Tat zur Seite zu stehen?
Haseloff: Ich mische mich in die Amtsführung von Sven Schulze nicht ein. Nicht mal bei der Ministerpräsidenten-Konferenz der ostdeutschen Länder vor einigen Tagen. Ich war da zur Verabschiedung, wir haben beim Abendessen noch zusammengesessen. Ich habe lediglich gesagt: Immer auf Sven hören. Wir haben jetzt bald Wahlkampf im Osten. Es würde auch gar nichts bringen, jetzt noch mitschnabeln zu wollen. Ansiedlungsgespräche, Insolvenzen, Tagesprobleme – das muss man auf Basis tagesaktueller Informationen machen. Da bringt es nichts, wenn einer von draußen dazwischenfunkt.
WAMS: Sie sind 72 Jahre alt. Hannah Arendt schrieb einmal: „Das Ich altert nicht.“ Stimmt dieser Satz? Und wenn ja: Wie alt ist Ihr Ich?
Haseloff: Gibt es das eine Ich? Ich habe eigentlich zwei Leben geführt, Stand heute genau die eine Hälfte in der DDR, die andere Hälfte im wiedervereinigten Deutschland. Ich habe in beiden Leben so oft etwas Neues angefangen: das Studium der Physik, dann Umweltforschung, Kommunalpolitik, stellvertretender Landrat, Kreistags- und Stadtratsmitglied, später Arbeitsamtsdirektor, schließlich Staatssekretär, Minister, Ministerpräsident. Wissen Sie, was die Konstante meines Lebens nach der Wende ist? Von meiner Frau abgesehen.
WAMS: Erzählen Sie.
Haseloff: Ein Gemälde. Ein Bild aus meiner Kindheit. Ein Hang, auf dem Kinder Schlitten fahren. Gemalt von einem regional bekannten Maler, in meinem Geburtsjahr. Ich bin da selbst den Hang runtergerodelt, später meine Kinder, heute tun es meine Enkel. Dieses Bild hat mich durch alle Büroräume begleitet, in den Behörden, den Ministerien, der Staatskanzlei. Jetzt hängt es wieder zu Hause. Der Hang, die Natur drumherum, sehen heute noch so aus, wie auf dem Bild. Nur die Gebäude sind andere.
Davon abgesehen hatte ich noch eine kontinuierliche Linie im Leben: meinen Glauben, meine Zugehörigkeit zur römisch-katholischen Kirche. Ansonsten haben die Neuanfänge immer wieder neue Eindrücke mit sich gebracht, neue Herausforderungen, neue Probleme, denen man sich stellen muss. Das prägt, das verändert einen. Es gibt also nicht über Jahrzehnte das immergleiche Ich.
WAMS: Fühlen Sie sich alt?
Haseloff: Alt nicht, aber reifer. Heutzutage altert man körperlich anders, als es unsere Großeltern getan haben. Mein Vater ist 92 geworden, er war geistig bis zum Schluss vital, aber körperlich gezeichnet von Krieg, Gefangenschaft, harter Arbeit, zwei Jobs, dazu Landwirtschaft im Nebenerwerb. Das Leben war hart damals. Zu DDR-Zeiten war eben nicht alles „schulgeldfrei, fahrgeldfrei, essensfrei“, wie heute manche erzählen. Das ist Unsinn. Es war ein hartes Leben. Insofern sieht man mit 72 heute anders aus als mit 72 zu Zeiten meines Vaters.
WAMS: Sie sind praktizierender Katholik. Was bedeutet Ihnen der Glaube – gerade als Spitzenpolitiker, als CDU-Mitglied?
Haseloff: Ohne das C für Christlich wäre ich wahrscheinlich gar nicht in der CDU. Die Liberalen haben auch interessante Ansätze. Wenn man aus einer Diktatur kommt, weiß man Freiheit umso mehr zu schätzen. Aber in die Politik hat mich der Katholizismus geführt. Unsere Pfarrer kamen aus dem Westen, aus Paderborn, Bochum, Hamm. In der Wendezeit haben sie gesagt: Jetzt ist die Chance da, jetzt müsst ihr rein.
WAMS: Die Kirche hat ihre Gemeindemitglieder 1989/90 aufgefordert, aktiv in die Politik zu gehen?
Haseloff: Ja, der Aktivierungsauftrag kam von der Kanzel. Wir wussten ja nicht, dass daraus ein neues System werden würde, das wir mitgestalten können. Aber dann lief praktisch die halbe Kirchengemeinde los und ließ sich auf Stadtrats- und Kreistagslisten setzen. Die, die gewerkschaftlich engagiert waren, gingen eher zur SPD. So saßen in den ersten Nachwendejahren Leute aus derselben Kirchenbank plötzlich in verschiedenen Fraktionen. Man hatte geistige große Koalitionen, weil man diese ganze Differenzierung der pluralen Parteienlandschaft mental noch gar nicht erfasst hatte.
WAMS: Ein „Aktivierungsauftrag“ ist das eine, aber was war Ihr Antrieb?
Haseloff: Ich komme aus einem katholischen Milieu: Fronleichnamsprozessionen, schlesische Kirchenlieder, Marienlieder. Und dann kommst du in den Kindergarten und die Schule und kriegst gesagt, du hättest eine Macke, weil du der „wissenschaftlichen Weltanschauung“ nicht zugeneigt seiest, also kein Atheist bist. Das war so bei mir. Diese Konfrontation hat uns provoziert, uns intensiver damit zu beschäftigen: Theologie, Naturwissenschaft, Weltanschauung. Daher kam auch mein Weg in die Physik. Nicht nur, weil ich Spaß daran hatte, sondern auch aus dieser geistigen Auseinandersetzung heraus.
WAMS: Wie hat dieser Hintergrund Ihr Handeln als Ministerpräsident geprägt?
Haseloff: Das hat es stark. Ich war nie bereit, mich für irgendeine politische Maxime, für ideologische Vorgaben oder eine politische Übersteuerung harter Fakten verbiegen zu lassen. Sonst hätten wir die DDR-Zeit im Glauben auch gar nicht überstanden. Es gibt Dinge, die sind gesetzt. Gott sei Dank finden wir sie auch im Grundgesetz in einer Weise wieder, dass sie nicht beliebig zugriffsfähig sind. Wenn diese Setzungen fehlen, wird es gefährlich. Auch die DDR beanspruchte ein humanistisches Weltbild. Unter dem Gesichtspunkt des Atheismus konnte man sogar die Mauertoten irgendwie in eine historische Mission einordnen: Da behindern eben welche den Weg ins Paradies der Arbeiterklasse.
Wenn es keine höhere Instanz gibt, vor der ich mich rechtfertigen muss, dann heiligt am Ende der Zweck die Mittel. Genau deshalb war für uns immer klar: Bei Themen wie Lebensschutz, assistiertem Suizid, Menschenbild, Würde – da gibt es Grenzen. Wenn das, was politisch betrieben wird, von der Ursprungsintention des Grundgesetzes und vom jüdisch-christlich geprägten Wertekatalog abweicht, dann wäre das für mich der Punkt des Ausstiegs.
Haseloff in der Schlosskirche in Wittenberg (Archivfoto)WAMS: Sie haben durch Ihre DDR-Erfahrung, so scheint es, einen besonders gesicherten Werterahmen. Ist das ein Vorteil gegenüber westdeutschen Ministerpräsidenten?
Haseloff: Ich würde nie sagen, dass meine westdeutschen Kollegen nicht genauso hohe moralische und ethische Ansprüche hätten. Aber die Sozialisation ist eben eine andere. Die, die unter atheistisch-diktatorischen Verhältnissen durchgekommen sind, sind anders gestählt. Wie Eisen im Schmiedefeuer. Viele sind weggebrochen, viele wurden opportunistisch, manche Wechselgänger. Diese Auslese- und Abhärtungsprozesse gab es nun einmal.
WAMS: Den gibt und gab es im Westen nicht?
Haseloff: Nicht so. Jedes System erzeugt einen bestimmten Menschentyp. Eine Wettbewerbsgesellschaft erzeugt auch Deformationen, die in einem ungehemmten Wettbewerb sogar Vorteile bringen können. Wenn sie nicht domestiziert werden, hat man ein Problem. Menschen wie ich kommen aus einem kollektivistisch organisierten System. Zurückhaltung, Einordnung, Unterordnung – das war verordnetes Positivum. Das wirkt bis heute nach.
Deshalb haben wir ja in Sachsen-Anhalt sehr bewusst darauf geachtet, bei Personalentscheidungen im Staatsapparat auch Leute einzusetzen, die diese ostdeutsche Sozialisation kennen. Damit sie verstehen, warum jemand bescheidener auftritt, sich weniger verkauft, weniger Ellenbogen zeigt. Das ist nicht nur eine Frage von zwölf oder 13 Schuljahren, sondern Teil unserer Spezies geworden. Das wächst sich erst über Generationen aus.
WAMS: Ist das auch ein Grund dafür, dass der Osten politisch jetzt schärfer reagiert – weniger bereit ist, sich wieder einzuordnen, eher Protestparteien wie die AfD wählt?
Haseloff: Zum Teil. Das liegt natürlich zunächst an den wirtschaftlichen und sozialen Unterschieden. Darüber hinaus wird es lange dauern, bis echte Wettbewerbsgleichheit erreicht ist, weil wir im Osten für diese Gesellschaft so nicht entwickelt wurden. Und dann haben Sie nach der totalen Durchorganisation eines alten Systems natürlich eine besondere Empfindlichkeit gegen Bevormundung. Das spielt hinein. Gleichzeitig sehen wir, dass junge Leute heute vielfach eher ganz links oder ganz rechts wählen – das ist in Rheinland-Pfalz nicht grundsätzlich anders als hier. Das ist ein gesamtdeutsches Thema.
Viele sprechen den Parteien der Mitte nicht mehr die Fähigkeit zu, ihre Probleme zu lösen: Rente, Verschuldung, Energie, Sicherheit. Nur: Im Osten ist die Bindungsbereitschaft an Kirche, Gewerkschaft, Parteien viel geringer als in Westdeutschland. Der CDU-Landesverband Sachsen-Anhalt hat 5700 Mitglieder. Das ist eine große Ortsgruppe der CDU in NRW. So klein sind im Osten die Bindungsmilieus geworden. Und damit ist klar: Die Ungebundenheit ist größer, die Wechselwähleranteile sind größer, und es gibt keinen dauerhaften Bindungsrabatt mehr. Im Osten bekommst du die Quittung sofort, wenn das System gefühlt nicht liefert. Das schlägt sich direkt im Wahlverhalten nieder, von Brüssel über Berlin bis in den Gemeinderat.
WAMS: Reicht das aus, um zu erklären, warum die AfD gerade im Osten so stark geworden ist?
Haseloff: Das ist eine Entwicklung über 15 Jahre, vielleicht mehr. Und um mal mit einem sehr verbreiteten falschen Bild aufzuräumen: Die AfD ist keine Ost-Partei. Sie wurde von saturierten westdeutschen Eliten gegründet. Verbeamtet, auf Lebenszeit gesichert, gut alimentiert. Im Osten wäre sicher keiner auf die Idee gekommen, eine solche Partei aus der Taufe zu heben. Und diese Eliten wundern sich dann, welche Sudmengen und Kondensate plötzlich da hineinströmen und dass die Gründer selbst an den Rand gedrängt werden. Den Flügel (das offiziell aufgelöste Lager um Thüringens AfD-Chef Björn Höcke, d. Red.) brauchte man irgendwann nicht mehr, weil das Ganze insgesamt schon zum Flügel geworden ist.
Diese AfD hat von den Sorgen der Menschen im Osten, die so viele Brüche in ihrem Leben erlebt haben, profitiert. Und jetzt wählen auch die gut ausgebildeten Facharbeiter in Ludwigshafen oder Stuttgart die AfD, weil die sich auf einmal auch Sorgen um ihren Lebensstandard machen. Die AfD ist da stark, wo sich die Menschen gefährdet fühlen. Das ist im Osten seit Jahren so, und nun ist das auch im Westen so. Die Entwicklung in Ostdeutschland ist nur früher, schneller als in Westdeutschland. Und die AfD wird im Westen ähnlich stark werden, wenn wir nicht gegensteuern.
WAMS: Wie?
Haseloff: Indem man die Realität wieder stärker zum Maßstab macht. Bei der Energiewende zum Beispiel. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (von der CDU, d. Red.) arbeitet sich da zu Recht an einem zentralen Thema ab. Wenn wir die Zertifikate und Belastungen so weiter auf die Chemie drauflegen, verlieren wir die Chemie und weitere Wirtschaftszweige. Alles muss dann teuer und weniger nachhaltig importiert werden. Dann holen wir Produkte womöglich aus Russland, um hier verteidigungsfähig zu sein gegen Russland. Das ist doch fast schon schizophren.
WAMS: Was schlagen Sie vor?
Haseloff: Wir brauchen einen erheblichen Freischlag. Und zwar ohne jedes Mal gleich die Grundsatzfrage zu stellen: Ist die EU für uns Überlebensgarant oder assistierter Suizidhelfer? Aber genau das wird zur Frage, wenn die Menschen den Eindruck gewinnen, dass ihr eigenes Überleben, ihre Industrie, ihre Arbeitsplätze in solchen Strukturen nicht mehr gesichert sind. Das ist die Herausforderung dieser Koalition.
WAMS: Sie haben drei Wahlen gewonnen, von denen viele dachten, dass sie nicht zu gewinnen seien. Trotzdem liegt die AfD gerade in Sachsen-Anhalt heute enorm hoch. Ist das nicht auch ein Scheitern Ihrer Politik?
Haseloff: Nein, so einfach ist das nicht. Erstens sind die hohen AfD-Werte kein exklusives Sachsen-Anhalt-Phänomen mehr, das kann man überall im Osten auf ähnlichem Niveau sehen. Und vermutlich auch bald im Westen. Zweitens habe ich Probleme oft sehr früh benannt. Bei Corona bin ich in bestimmten Punkten ausgeschert. Wir waren das einzige Bundesland, das keine Bußgelder für Maskenverweigerer verhängt hat. Weil ich gesehen habe, mit welchem Aufwand man das exekutieren müsste. Das kriegen wir nicht hin, und wir machen uns lächerlich. Das haben die Leute durchaus wahrgenommen.
Und wenn Sie „Integrationsobergrenze Haseloff“ googeln, finden Sie meine Aussagen von 2015, also vor dem großen Schub. Ich habe das damals sogar durchgerechnet. Aber es kamen viel mehr Menschen, als wir bewältigen konnten. Bis heute ist für viele Integration schlicht nicht mehr möglich, weil die Ressourcen fehlen – Wohnungen, Schulen, Kitas, Verwaltung, Akzeptanz.
WAMS: Sachsen-Anhalt hat die am stärksten überalterte Bevölkerung in Deutschland, das Durchschnittsalter liegt bei 48,3 Jahren. Hinzu kommt ein starker Männerüberschuss. Was bedeutet dieser Verlust an Frauen für ein Land?
Haseloff: Die Frauen sind besser in der Schule, sie waren in unserer Sozialisation in der DDR immer stärker gezwungen, auf eigenen Füßen zu stehen. Wir haben hier einige traditionell strukturschwache Räume, wie die Altmark. Kluge, junge Leute, eben auch Frauen, die dort was werden wollten, mussten weg. Viele junge Menschen sind in den Westen abgewandert. Frauen sind da, glaube ich, beweglicher, nicht so festgelegt.
Ich würde das aber nicht überbewerten. Es ist viel in Bewegung, der Arbeitsmarkt ist viel flexibler geworden. Wir kämpfen um Rückkehrer. Nicht nur Akademiker, auch Menschen der Mittelschicht pendeln. Schauen Sie, was in meiner Umgebung täglich Richtung Wolfsburg unterwegs ist. Landes- und Kreisgrenzen spielen da keine Rolle mehr.
WAMS: Aber in den Dörfern und Kleinstädten bleiben dann viele Senioren und oft alleinstehende Männer zurück …
Haseloff: … und die radikalisieren sich dann und wählen AfD. Ja, das kenne ich, aber – Entschuldigung – ich halte es für eine primitive soziologische Erklärung, dass Männer politisch radikaler würden, weil sie mangels Frauen ihre natürlichen Bedürfnisse nicht ausleben könnten. Das ist Unfug. Die eigentliche Erklärung liegt tiefer: im Wohlstandsgefälle, in der Vermögensbildung, in der Frage, wo Wertschöpfung steuerlich ankommt.
Schauen Sie sich Erbschaftsteueraufkommen oder Gewerbesteueraufkommen beispielsweise in Bitterfeld-Wolfen an. Hohe Wertschöpfung findet hier statt, die Steuern gehen großteils in den Westen, weil dort die Konzernzentralen sitzen. Mein Antrag im Bundesrat, dass Gewerbesteuern dort verbleiben sollen, wo die Wertschöpfung anfällt, ist natürlich auf Widerstand gestoßen – weil zehn westdeutsche Bundesländer gegen uns stehen. Das sind strukturelle Gerechtigkeitsfragen, die bis heute ungelöst sind.
WAMS: Ist Deutschland seit der Wiedervereinigung zusammengewachsen oder auseinandergedriftet?
Haseloff: Unser Land, also Sachsen-Anhalt, ist zusammengewachsen. Wir messen das im Sachsen-Anhalt-Monitor Jahr für Jahr. Auch bundesweit sind Ost und West bei den nach der Wende Geborenen durchaus näher zusammengerückt. Aber die enthusiastischen Jahrgänge, zu denen meine gehören, also diejenigen, die noch rechtzeitig in den Glücksfall der Wiedervereinigung hineingekommen sind, sterben langsam weg. Mein Vater wurde in dem Monat Rentner, in dem die Mauer fiel. Für ihn war das biografisch fast zu spät. Für uns war es die große Wende ins Glück.
WAMS: Bleiben die Jüngeren.
Haseloff: Die etwas Jüngeren haben diesen historischen Bezug nicht mehr. Für die ist das kein einmaliges Geschenk der Geschichte, sondern Hintergrundrauschen. Die sehen dann stärker die Unterschiede und Benachteiligungen. Und natürlich wird auch politisch ständig Salz in die Wunde gestreut – jahrelang etwa von der Linken mit ihren Anfragen zum Stand der Deutschen Einheit, inzwischen von der AfD genauso. Das landet dann immer auf der ersten Seite der Zeitung: nicht der Erfolg, sondern das Defizitäre. So kann man zündeln, so kann man Populismus betreiben.
„Wir sollten uns auf die alten Tugenden besinnen – sogar die vorchristlichen Kardinaltugenden. Darauf wurde das jüdisch-christliche Abendland aufgebaut“WAMS: Wie ist Ihr Ausblick auf Deutschland? Sind Sie eher Optimist oder Pessimist?
Haseloff: Deutschland liegt mitten in Europa – geografisch, historisch, mental. Wenn Sie auf dem Brocken stehen und dieselben Fragen nach Westen und nach Osten stellen, merken Sie, dass dieses Land die Mitte ist, durch die die Bruchlinien laufen. Denn man bekommt jeweils ganz andere Antworten. Deutschland muss es hinkriegen, wenn Europa zusammenbleiben soll, und ich denke, das können wir schaffen. Damit das gelingt, sollten wir aber eins nicht tun: ewig in der Ost-West-Kategorie denken, stets betonen, was im Osten nicht läuft, und sich vor der angeblichen politischen Radikalität der Ossis gruseln.
WAMS: Die Wahlergebnisse sind dort eben anders als im Westen. Mehr AfD, mehr Linke, mehr Wagenknecht-Partei.
Haseloff: Dass die CDU in Sachsen-Anhalt bei der letzten Landtagswahl wesentlich mehr Stimmen geholt hat als die CDU bei der Bundestagswahl, blenden Sie bei Ihrer Aufzählung aber schön aus. Oder dass in Bayern nach der Landtagswahl 2023 mehr als 30 Prozent der Stimmen an Parteien gegangen sind, die man rechts von der CSU einordnen kann. In Sachsen-Anhalt waren es 20 Prozent. Sie erwähnen auch nicht, dass es im Westen Gegenden gegeben hat, die immer schon braun gewesen sind, auch nach 1945. Die Entnazifizierung der Bundesrepublik war ja nicht in jeder Hinsicht so effektiv, wie man es heute gern erzählt. Auch das gehört zur Wahrheit.
WAMS: Die in der DDR aber auch nicht so restlos, wie gern erzählt wurde.
Haseloff: Richtig, aber heute steht der Osten am Pranger, den Menschen dort wird unterstellt, sie seien latent rechts, ultralinks, in jedem Fall republikfeindlich, keine guten Demokraten. Mich treibt eher die Frage um, was in der westdeutschen Bundesrepublik eigentlich schiefgelaufen ist. Und was ist ihr zugleich trotzdem gelungen, Gott sei Dank für uns? Denn wenn du in einer Diktatur lebst, ist klar, was schiefläuft: alles, das ganze System. Sonst wäre es ja keine Diktatur. Aber im Westen? Da muss man genauer hinschauen, wenn man verstehen will, warum Entwicklungen in die falsche Richtung gehen und sich auch dort so viele von der Politik, dem Staat, unserer Gesellschaft abwenden.
WAMS: Nehmen wir an, dies wäre Ihr letzter großer öffentlicher Auftritt. Was ist Ihr Rat an die jüngere Generation? Was ist Ihr politisches Testament?
Haseloff: Die sollen mein Büchlein „Christliche Werte leben – Politik gestalten“ lesen. Ich sage das ausdrücklich ohne wirtschaftliches Interesse. Ich kriege keinen Cent dafür.
WAMS: Verraten Sie uns die Hauptbotschaft?
Haseloff: Wir sollten uns auf die alten Tugenden besinnen – sogar die vorchristlichen Kardinaltugenden. Darauf wurde das jüdisch-christliche Abendland aufgebaut. Dieser Raum hat neben all den furchtbaren Verwerfungen eben auch unendlich viel hervorgebracht, das den Globus kulturell, wissenschaftlich und wirtschaftlich getriggert hat. Nur sind wir heute oft nicht mehr der Trigger. Wir sollten uns die Werte der griechischen Antike in Erinnerung rufen, dem Keim unserer Demokratie, des römischen Rechts, der jüdischen Einflüsse, unserer christlichen Prägung, der Aufklärung und der Toleranz, der Wissenschaftsfreiheit.
WAMS: Das dürfte jetzt für viele Menschen schwer fassbar sein.
Haseloff: Es geht um die vier Haupttugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Maß. Da müssen wir wieder ansetzen. Und weil Gerechtigkeit allein kalt sein kann, kommen im christlichen Kosmos Glaube, Hoffnung und Liebe hinzu. Aber gut, wenn Ihnen das zu theoretisch ist, lassen Sie es mich praktisch sagen: Ich habe zwei Botschaften für die jüngere Generation. Man kann mit diesen Tugenden ein Gemeinwesen effizient und menschenwürdig zusammenhalten.
Effizienz ist in Demokratien kein Schimpfwort. Aber entscheidend dabei ist: Demokratie ohne Wohlstand wird abgewählt, weil Demokratie eben auch das Instrument ist, die abzuwählen, die den Wohlstand nicht mehr organisieren. Freiheit des Individuums, Freiheit der Wirtschaft – natürlich domestiziert durch die soziale Marktwirtschaft – müssen zu einem Ergebnis führen, das für die Mehrheit erkennbar besser ist als Planwirtschaft oder autoritäre Lenkung.
WAMS: Ist das keine Selbstverständlichkeit? Haben sich politische Systeme mit Planwirtschaft in Europa nicht selbst dauerhaft diskreditiert?
Haseloff: Offenbar nicht. Vor wenigen Tagen hat die Co-Vorsitzende der Grünen vor laufenden Kameras einen Fünf-Jahres-Plan nach dem Beispiel des kommunistischen China für Deutschland gefordert. Und es gab allenfalls lauen Widerspruch. Genau da liegt die Systemfrage. Sind wir wirklich das effektivere, das überlegene System – sind wir verteidigungsfähig, zukunftsfähig? Oder träumen wir uns in moralische Überlegenheit hinein, während andere die Dinge real organisieren? Es muss in der Demokratie mehr herauskommen, als es uns derzeit gelingt. Sonst wählt sie sich selbst ab.
Das ist in meinem Land 1932 passiert. Der Freistaat Anhalt hat die Nationalsozialisten in freier Wahl an die Macht gebracht. Und das Erste, was sie gemacht haben, war, das Bauhaus abzuräumen. Man hat einfach die Haushaltsmittel dafür gestrichen. So einfach geht das. Diese Alternative steht immer im Raum. Und sie ist nicht wettbewerbsfähig, nicht freiheitlich, nicht kulturell tragfähig. Deshalb rate ich den Jungen: Haltet euch an die Tugenden, nehmt die Freiheit nicht als Naturzustand, sondern als kulturelle Leistung. Seid stolz auf das Gute, das dieses Land und dieser Kontinent hervorgebracht haben. Und verteidigt es – geistig, politisch und, wenn es sein muss, auch institutionell. Denn geschenkt ist auf Dauer gar nichts.
Jacques Schuster ist Chefredakteur der WELT AM SONNTAG sowie Chefkommentator.
Nikolaus Doll berichtet über die Unionsparteien und die Bundesländer im Osten.
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