Das Projekt „Chile China Express“ sollte das südamerikanische Land über eine 20.000 Kilometer lange Glasfaserkabelstrecke unter Wasser direkt mit Asien verbinden – und ein echter Meilenstein werden. Die Investition von 500 Millionen Dollar war bereits vom Tech-Giganten „China Mobile“ genehmigt. Doch Washington und einige chilenische Experten sahen die Sicherheit des amerikanischen Kontinents in Gefahr.

Die USA verhängten Sanktionen gegen chilenische Funktionsträger, die Pekings Mega-Datenprojekt vorangebracht hatten. Innerhalb von 48 Stunden wurde das Projekt erst genehmigt und dann gleich wieder gestoppt.

Kurz darauf wählten die Chilenen die Linksregierung von Ex-Präsident Gabriel Boric ab. An seiner Stelle zog der erzkonservative José Antonio Kast in den Präsidentenpalast ein. Kast ist der Gründer der chilenischen Republikaner und sieht sich als Verbündeter von US-Präsident Donald Trump.

Der „Chile China Express“ ist nur ein Beispiel für den harten Verdrängungswettbewerb, den Peking und Washington um Lateinamerika ausfechten. Während die demokratischen Präsidenten Barack Obama und Joe Biden den Süden vernachlässigten und den Pazifik in den Blick nahmen, treiben Donald Trump und Außenminister Marco Rubio die Rückeroberung des lateinamerikanischen Marktes mit hohem Tempo voran.

USA will Einfluss in der Region zurück

Diese Politik erinnert an die Monroe-Doktrin von 1823. Sie sollte verhindern, dass sich auf dem amerikanischen Doppelkontinent je wieder eine fremde Macht ausbreitet, die dazu fähig ist, die republikanischen Errungenschaften der Neuen Welt zu bedrohen.

Mit aller Macht versuchen die USA nun, Chinas Einfluss zurückzudrängen. Washington stellt dabei buchstäblich jeden Hafen, jedes Datenkabel und jeden Rohstoffvertrag auf den Prüfstand. Dabei eröffnen Wahlsiege Trump-naher Regierungen in der Region für den Präsidenten ein günstiges Gelegenheitsfenster.

Das verhinderte Glasfaserkabel sei ein Beispiel dafür, wie die USA China aus Wirtschaftssektoren drängen wollten, die ihren langfristigen Interessen schaden könnten, sagt Vladimir Rouvinski, Experte für internationale Beziehungen an der Universität ICESI in Cali (Kolumbien), im Gespräch mit WELT AM SONNTAG.

Und das scheint den USA aktuell zu gelingen. Kolumbien erhebt Zölle auf chinesischen Stahl. Mexiko wirft Peking vor, viel in das Land zu exportieren, aber im Gegenzug kaum etwas zu importieren.

Während Mexiko-Stadt die Handelsbedingungen zu Peking überdenkt, verhandeln die USA über eine Aktualisierung des nordamerikanischen Handelsvertrages T-Mex. Schon in Trumps erster Präsidentschaft hatte es ähnliche Verhandlungen gegeben, die in einem Rekordhandelsvolumen beider Länder mündeten. Peru hat einem Lazarettschiff des chinesischen Militärs die Durchfahrt verweigert und das mittelamerikanische Honduras erwägt, seine Beziehungen zu Taiwan wieder aufzunehmen.

Der neuen konservativen Regierung des lithiumreichen Boliviens bietet Washington dringend benötigte Investitionen und technisches Know-how an. Gleichzeitig muss China um seine eigenen umstrittenen Lithium-Verträge mit Peru bangen. In der Dominikanischen Republik soll noch vor Ende des Jahres der Bau eines Weltraumbahnhofs beginnen – finanziert aus einem privaten Investitionsvolumen von 600 Millionen US-Dollar. „Das Projekt zeichnet sich als zentraler Bestandteil der Strategie der Vereinigten Staaten ab, um in Lateinamerika mit China zu konkurrieren“, kommentiert das lokale Magazin „Mercado“.

Im Grenzgebiet von Haiti und der Dominikanischen Republik plant das US-Unternehmen Launch on Demand den Bau einer Anlage für den Start von Weltraumraketen. Peking hat laut Medienberichten in der Region bereits mindestens elf Anlagen für Weltraum- und Satellitenüberwachung finanziert. Washington ist über diese Entwicklung besorgt. Denn es befürchtet eine doppelte Nutzung für zivile und militärische Zwecke.

Probleme für Trumps Verbündete

Das Kräftemessen der Großmächte birgt für die Staaten der Region einige Herausforderungen, was die eingangs genannte Unterseekabelverbindung „Chile China Express“ zeigt. Zwar kommt der Regierungswechsel in Chile Washington zupass, doch kann die Andennation das Projekt nicht kurzerhand absagen. Denn noch ist China der wichtigste Handelspartner. Im Jahr 2025 umfasste das Handelsvolumen 65,3 Milliarden US-Dollar – beinahe doppelt so viel wie das zwischen Chile und den USA (33,9 Milliarden).

Der chilenische Außenminister Francisco Pérez Mackenna verkündete, das Projekt sei noch nicht verworfen und werde weiter geprüft. Chile habe im Gegensatz zu mehr als 30 anderen OECD-Ländern keinen „formellen Mechanismus zur Überprüfung ausländischer Investitionen in strategischen Sektoren“, sagte Pérez Mackenna. Damit verschaffte er der Regierung in Santiago Zeit, Argumente für eine Verzögerung zu sammeln.

Deutlich positiver sieht Präsident Kast das Projekt Cable Humboldt, hinter dem maßgeblich der US-Konzern Google steckt. Das Projekt soll 2027 in Betrieb gehen und die chilenische Hafenstadt Valparaíso, Tahiti und Sydney mit einer Datenleitung verbinden. Das Vorhaben kostet bis zu 550 Millionen Dollar. Es schafft die erste direkte transpazifische Verbindung Chiles mit dem asiatisch-pazifischen Raum.

„Der Präsident hat deutlich gemacht, dass die Realisierung des Humboldt-Kabels oberste Priorität hat“, sagte Pérez Mackenna. „Das ist das Projekt, das die technologische Souveränität Chiles verteidigt.“ Zugleich versucht der Chefdiplomat, Peking zu besänftigen. Chile sei nicht gezwungen, sich zwischen China und den Vereinigten Staaten zu entscheiden.

Chile müsse tun, was im besten Interesse des Landes liege. Danach sucht man nun offenbar eher in Washington als in Peking, wie Kasts Reisekalender offenbart. Entgegen der gängigen Praxis reiste der neue Präsident noch vor Amtsantritt demonstrativ zu Trumps Miami-Gipfel – gemeinsam mit den US-Verbündeten in Lateinamerika.

Tobias Käufer ist Lateinamerika-Korrespondent. Im Auftrag von WELT berichtet er seit 2009 über die Entwicklungen in der Region.

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