Wo Schüler im Unterricht schießen lernen – ohne Lehrer
Sindija Brakovska ist 18 Jahre alt und träumt davon, Stylistin oder Tanzlehrerin zu werden. Sie besucht die Riga Technical School of Tourism and Creative Industry, eine Berufsschule mit Schwerpunkten in Gastronomie, Tourismus und Mode. „Ich liebe Mädchenkram“, sagt die hochgewachsene Lettin. Jungen sind an ihrer Schule in der Minderheit. An diesem Märzmorgen sitzen mit Brakovska zwei Dutzend Schülerinnen zwischen 16 und 18 Jahren im Klassenzimmer und kein einziger Schüler.
Einige der Teenager wirken schüchtern, andere räkeln sich demonstrativ gelangweilt auf ihren Stühlen. Das Klassenzimmer könnte überall auf der Welt sein – wenn nicht die Gewehre auf den Tischen lägen.
Die Waffen sind klobig, schwarz und wiegen fast drei Kilogramm. Sie stammen vom amerikanischen Hersteller Crosman, Modell „SBR“ und verschießen Stahlkugeln. Die Druckluftgewehre, sogenannte BB-Guns, erinnern an das M4-Sturmgewehr der US-Armee. Ein Laie würde sie für echte Kriegswaffen halten.
In vielen europäischen Ländern wären Gewehre im Klassenzimmer ein Skandal. In Lettland ist das anders. Das kleine Land fühlt sich bedroht, genau wie Estland und Litauen, die beiden anderen baltischen Staaten.
Alle drei Länder gehörten bis 1990 zur Sowjetunion. Wer damals nicht mehr in den Windeln steckte, weiß noch aus eigener Erfahrung, was Fremdherrschaft bedeutet. Deshalb nehmen die Balten Drohungen aus Moskau ernst. Und sie bereiten sich nicht nur innerlich auf den Ernstfall vor: einen weiteren russischen Angriffskrieg. Die ganze Welt mag derzeit auf den Iran schauen. Das Baltikum behält Moskau im Blick.
In den drei Ländern an der Ostflanke der Nato herrscht überall Wehrpflicht. Estland und Lettland haben zusätzlich einen „Nationalen Verteidigungsunterricht“ eingeführt, den alle Oberstufenschüler absolvieren müssen. Auf dem Lehrplan stehen unter anderem Militärgeschichte, Exerzieren, Orientierung im Gelände, Erste Hilfe, Verhalten in Krisen und der Umgang mit Waffen. Wer will, kann das Gelernte in Sommercamps vertiefen, dann in Uniform.
Lettland geht besonders weit. Während der Verteidigungsunterricht in Estland 35 Stunden umfasst, sind es in Lettland 112 Stunden, verteilt auf zwei Jahre. Der Rest von Europa zeigt ein gemischtes Bild.
Frankreich hat insgesamt sechs Militärgymnasien. In Großbritannien gibt es an rund 500 Schulen ein von den Streitkräften unterstütztes Kadettenprogramm. Polen führte 2024 einen Schießunterricht für Acht- und Neuntklässler ein.
In Deutschland gibt es nichts Vergleichbares. Die sogenannten Jugendoffiziere dürfen Schulen zwar besuchen, aber nur auf Einladung und unter Aufsicht der normalen Lehrer. Pläne für ein militärisch orientiertes Training für Schüler gebe es weder in der Bundeswehr noch im Verteidigungsministerium, teilt eine Sprecherin des Ministeriums auf Anfrage mit.
Neu ist ein Vorschlag von Bundesinnenminister Alexander Dobrindt. Der CSU-Politiker will ältere Schüler im Zivilschutz unterrichten: Was tun bei Stromausfällen oder Anschlägen? Eine Doppelstunde pro Halbjahr soll Pflicht werden. Vom lettischen Modell, inklusive Waffenkunde, wäre Deutschland damit sehr weit entfernt. Doch die Debatte, wie Schulen auf echte Krisen vorbereiten sollen, ist auch hierzulande angekommen.
„Ich bin ein bisschen nervös“, sagt Sindija Brakovska, bevor sie im Klassenzimmer in Riga zum ersten Mal eine Waffe in die Hand nimmt. Was hält sie vom Verteidigungsunterricht? „Ich glaube, das ist sinnvoll“, sagt sie. Ihr Vater sei begeistert: „Der sagt, das tut uns Teenagern gut.“
Die 18-Jährige spricht leise mit dem Reporter. Kein Wunder: Die uniformierten Ausbilder treten zackiger auf als zivile Lehrer. Besonders eindrucksvoll ist der bärtige Chefinstrukteur, dessen breites Kreuz fast den Türrahmen ausfüllt. „Hört auf zu quatschen!“, brüllt Andris Skanis auf Lettisch, als eine Gruppe Mädchen kurz unaufmerksam ist. Die ganze Klasse zuckt zusammen.
Doch der raue Ton wird durch Humor abgemildert. Nachdem eine junge Ausbilderin und ein Ausbilder aus seinem Team die Sicherheitsregeln erklärt haben, geht der 44-jährige Soldat von Tisch zu Tisch. Er zeigt jeder Schülerin, wie sie ein Gewehr halten muss, damit die Kugel ins Ziel fliegt. Dabei macht er immer wieder Scherze.
Andris Skanis (l.) zeigt einem Schüler den richtigen Umgang mit einem Gewehr„Verteidigung kann man nicht nur theoretisch vermitteln“, sagt Skanis. „Man muss es praktisch üben, immer wieder.“ Aber ohne die alte Härte, das betont er. „Unser Militär ist heute völlig anders als zu Sowjetzeiten, es gibt keine Dedowschtschina mehr.“ Der Begriff bedeutet „Herrschaft der Großväter“ und bezeichnet die brutale Schikane von Rekruten durch ältere Soldaten, ein in Russlands Armee bis heute verbreitetes System.
Ganz ohne Schmerzen verläuft der Tag an der Berufsschule dennoch nicht. Einer Schülerin bricht beim Zurückziehen des Ladehebels ein sorgfältig lackierter Fingernagel ab. Sie schreit auf und läuft hinaus. Eine andere kämpft mit ihrem Magazin, das immer wieder hakt. Schließlich beginnt sie zu weinen. Eine Ausbilderin legt ihr den Arm um die Schulter und führt sie aus dem Raum.
Fünf Minuten später kehren beide zurück. Die Schülerin nimmt ihr Gewehr wieder in die Hand. Dieses Mal rutscht das Magazin beim ersten Versuch in den Schacht. Ein Schlag mit der flachen Hand, fertig. Über das Gesicht der Jugendlichen huscht ein Lächeln.
Geschossen wird nur auf Befehl
Die Klassen im zweiten Jahr des Verteidigungsunterrichts dürfen an diesem Tag auch schießen. Dafür legen sie sich einfach auf die Wiese neben dem Haupteingang. Ein Ausbilder markiert mit rot-weißem Absperrband die Schusszone. Die Zielscheiben lehnen an einer Mauer, als Kugelfang dienen Platten aus Styropor. Im Hintergrund ragen Rigas Plattenbauten in den Himmel.
Es ist ein Provisorium, aber mit strengen Regeln. Die Waffen liegen immer am selben Ort, und vor jedem Handgriff ertönt ein Kommando. Geschossen wird nur auf Befehl.
Schießtraining auf der WieseChefausbilder Skanis, der selbst zwei Töchter hat, erzählt: „Die Vierjährige liebt meinen Job, vor allem die Uniform.“ Dann stockt er. Und die ältere Tochter? „Meine Neunzehnjährige ist Pazifistin.“ Sein Lächeln verschwindet. „Sie erinnert sich an meine Einsätze in Afghanistan. Für sie bedeutet Soldat sein vor allem eins: dass ich weg bin.“
Wie geht ein Land im Verteidigungsmodus mit jungen Menschen um, die keine Waffe anfassen wollen? „Wir zwingen niemanden“, sagt Skanis. „Überzeugte Pazifisten oder religiös begründete Verweigerer halten stattdessen ein Referat.“
Das gilt zumindest in Friedenszeiten. „Wenn der Krieg nach Lettland kommt, müssen alle bereit sein. Manche sagen, sie würden einfach wegfliegen. Aber dann startet kein Flugzeug mehr.“
Die sicherheitspolitische WELT-Korrespondentin Carolina Drüten hat in Litauen eine Drohnenschule besucht, in der sich auch Zivilisten zu Drohnenpiloten ausbilden lassen. Die Balten seien „wahnsinnig wach mit Blick auf die Bedrohungslage aus Russland“, so Drüten.Normale Lehrer sind am lettischen Verteidigungsunterricht nicht beteiligt. „So stellen wir sicher, dass bestimmte kritische Punkte unserer Geschichte als Fakten vermittelt werden“, sagt Oberst Valts Abolins. „Die Fakten hängen dann nicht von der Interpretation einzelner Lehrkräfte ab.“ Der 53-jährige Offizier hat die Oberaufsicht über das Programm.
Das Programm soll Jugendliche zu verteidigungsbereiten Patrioten erziehen. Zivile Lehrer, die dieses Ziel, warum auch immer, offen oder subtil infrage stellen, würden stören.
Abolins ist so breit gebaut wie Skanis. Die beiden Soldaten waren zusammen in Afghanistan im Einsatz, der örtliche Ausbildungsleiter nennt seinen Chef respektvoll „Vater“. Der Oberst hat auch zwei Kinder. Seine 18-jährige Tochter absolviere gerade den Verteidigungsunterricht, erzählt er. „Ich habe Mitleid mit ihren Ausbildern. Die wissen, dass ich über ihre Leistungen informiert werde.“
Oberst Valts AbolinsEs habe auch in Lettland eine Debatte über seinen Unterricht gegeben, sagt Abolins. Doch diese sei „überraschend ruhig“ verlaufen. Entscheidend sei gewesen, dass die Regierung das Ganze schrittweise eingeführt habe. 2018 startete das Programm an 13 Schulen auf freiwilliger Basis. Jahr für Jahr kamen weitere hinzu. Als der Unterricht 2024 schließlich Pflicht wurde, waren die meisten Schulen längst dabei.
Der Hauptgrund für die breite Akzeptanz dürfte jedoch der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine sein. Lettland grenzt selbst auf einer Länge von 280 Kilometern an Russland und auf 173 Kilometern an Belarus.
Auch für Monika Lazdina war der Krieg in der Ukraine der Wendepunkt. Sie gab ihren Job in der Finanzwelt auf und trat der Nationalgarde bei. Nach einer 72-stündigen pädagogischen Ausbildung unterrichtet die 32-jährige Mutter von zwei Kindern nun Verteidigung. Im Klassenzimmer tritt die grazile Frau mit dem blonden Pferdeschwanz bestimmt, aber leise auf – ein Kontrast zu Skanis mit seinem donnernden Bass.
„Ich versuche, nicht zu viel über die Möglichkeit eines Krieges nachzudenken“, sagt Lazdina. Falls der Krieg nach Lettland käme, würde sie versuchen, ihre Kinder außer Landes zu bringen, sagt sie. Und dann zurückkehren: „Ich würde bleiben und kämpfen.“
Marc Felix Serrao berichtet für das Global Reporters Network von Axel Springer.
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