Politisch brisante Schwerlasttransporte in der Drohnenflugverbotzone
Die brisante Fracht war die halbe Nacht unterwegs, ehe sie am Mittwochmorgen um kurz nach 2 Uhr in Ahaus eintraf. Der Schwerlasttransport mit Atommüll aus einem früheren Forschungsreaktor in Jülich bewältigte eine etwa 170 Kilometer lange Strecke über mehrere Autobahnen in Nordrhein-Westfalen, begleitet von etwa hundert Polizeiwagen und unterstützt von etwa 2500 Beamten. Dafür wurden einzelne Abschnitte gesperrt.
Am Dienstagabend war der Transport gegen 22.13 Uhr in Jülich gestartet. Mehrere Anti-Atom-Initiativen hatten zu Kundgebungen und Demonstrationen aufgerufen, doch die Fahrt verlief nach Polizeiangaben reibungslos. Man sei „voll im Zeitplan“ gewesen. Bundesweit gibt es regelmäßig Transporte von radioaktivem Abfall in der Bundesrepublik, die keinerlei Schlagzeilen provozieren. Allein in Nordrhein-Westfalen waren es 2024 insgesamt 650 Fahrten.
Wenn Castoren auf die Reise gehen: nächtliche Ankunft am Zwischenlager Ahaus im MünsterlandDoch diese Fahrt von Jülich nach Ahaus ist politisch brisant, weil sie den Auftakt für zahlreiche weitere solcher Transporte in den kommenden Monaten bedeutet. Die schwarz-grüne Landesregierung von Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) und seiner Stellvertreterin Mona Neubaur (Grüne) hat 2022 im Koalitionsvertrag bekräftigt, dass es künftig weniger Atomtransporte geben soll. Doch die Frachtlieferungen von Jülich nach Ahaus konnten sie nicht verhindern. Das ist vor allem für die Grünen schwierig.
Es geht um fast 300.000 verbrauchte Brennelemente-Kugeln, etwa so groß wie Tennisbälle, aus dem ehemaligen Forschungsreaktor in Jülich, die in insgesamt 152 sogenannten Castor-Behältern aufbewahrt werden. Die Abkürzung Castor steht für den englischen Begriff „Cask for Storage and Transport of Radioactive Material“. Das sind etwa 130 Tonnen schwere Spezialbehälter für Zwischenlagerung und Transport von hoch radioaktiven Abfällen. Eine bis zu 40 Zentimeter dicke Stahl-Kunststoff-Mantelung schützt vor Strahlung und extremen Einwirkungen wie Unfällen oder Feuer.
Eine weitere Lagerung in Jülich ist längst nicht mehr erlaubt, weil die Genehmigung dafür nur bis 2013 befristet gewesen war. „Oberste Priorität ist es, einen genehmigten Zustand für die Aufbewahrung der Jülicher Kernbrennstoffe herzustellen“, heißt es beim Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung, kurz Base. Es hätte die Möglichkeit gegeben, ein neues Zwischenlager in Jülich zu errichten, wofür sich Schwarz-Grün in NRW ausgesprochen hatte, weil es die risikoärmere Variante sei. Allerdings konnten sich Bund und Land nicht bei der Finanzierung einigen.
Im Kostenvergleich seien die Transporte letztlich günstiger, hieß es. „Die Landesregierung hat sich auf allen Ebenen dafür eingesetzt, den genehmigungsfreien Zustand des Lagers in Jülich zu beenden. Das Land hätte auch Flächen bereitgestellt“, betonte Grünen-Landtagsabgeordnete Norika Creuzmann. Anstatt den Neubau zu unterstützen, habe die Bundesregierung „die Weichen für die nun beginnenden Transporte nach Ahaus gestellt“.
Das Zwischenlager in Ahaus ist noch bis 2036 genehmigt, und die Betreibergesellschaft will eine Verlängerung beantragen. Ahaus würde damit ein langfristiger Standort bleiben, solange kein Endlager auf deutschem Boden gefunden ist. Kritiker sprechen von einem „Endlos-Zwischenlager“.
Ahaus: Demonstranten und PolizeiEine Erlaubnis, die Jülicher Brennelemente-Kugeln in Ahaus einzulagern, besteht seit 2016. Doch die Stadt Ahaus und ein Anwohner klagten dagegen. Ende 2024 entstand eine neue Dynamik, als das Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen die Klagen letztinstanzlich abwies und die Genehmigung für rechtens erklärte. Im August 2025 erteilte das Base dann der Jülicher Entsorgungsgesellschaft für Nuklearanlagen (JEN) eine Beförderungsgenehmigung für die Kugeln, die bis August 2027 gültig ist.
Zuletzt hatte der BUND vergeblich versucht, mit einem Eilantrag die Transporte zu verhindern, weil aus dessen Sicht Sicherheitsfragen „ungeklärt“ seien. Das Verwaltungsgericht Berlin hatte den Eilantrag abgewiesen und war in nächster Instanz durch das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg bestätigt worden.
Die Vorbereitungen liefen seit Monaten, zumal mehrere Tausend Polizisten bei jeder Fahrt im Einsatz sind. Die Route muss freigehalten werden, wenn der Castor-Lkw mit einer Armada von Polizei-Mannschaftswagen die Tore in Jülich verlässt. Es besteht die Sorge vor Störungen und Sabotageakten.
Der genaue Weg wird zwar geheim gehalten, doch vor einigen Tagen gab es vielsagende Hinweise. Für wenige Stunden war auf einer Homepage zum Drohnenflugverkehr des Bundesverkehrsministeriums zu sehen, dass wegen eines polizeilichen Einsatzes vom 20. bis 27. März ein Drohnenflugverbot entlang der Autobahnen zwischen Jülich und Ahaus gilt. Aus einem weiteren Hinweis geht zudem hervor, dass für die nächsten Monate ein „Flugbeschränkungsgebiet“ in einem Radius von etwa 1,5 Kilometern über dem Zwischenlager in Ahaus eingerichtet wurde.
„Wenn es nach mir ginge, könnte ich auf die anstehenden Castortransporte gerne verzichten. Aber die Arbeit der Polizei ist kein Wunschkonzert. Wir können uns die Einsätze nicht aussuchen“, sagte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) gegenüber WELT. Die Aufgabe der Polizei sei es, „dafür zu sorgen, dass der Transport sicher vonstattengeht. Nicht mehr und nicht weniger.“
Reul bezeichnet den Schutz von Castortransporten als große Herausforderung. Doch die Polizei in NRW habe „notwendige Erfahrung und das Potenzial, um solche Einsätze effizient und sicher durchzuführen – auch mit Demonstrationen, die ebenfalls von uns geschützt werden“. Noch ist unklar, ob es 152 einzelne Transporte geben wird.
Die Grünen fordern vom Bund ein schlüssiges und belastbares Gesamtkonzept für die Zwischen- und Endlagerung von Atommüll. Sie zweifeln allerdings an der Ernsthaftigkeit der Bemühungen, weil der bisherige Zeitplan, bis 2031 ein Endlager zu finden, gestrichen werden soll. Die Grünen befürchten, dass sich die Suche bis in die 2070er-Jahre ziehen könnte.
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