Alles Banane oder was? Warum wir Ostdeutschen einfach immer falsch wählen
In dem Dorf, in dem ich aufwuchs, gab es einen Konsum und eine Filiale der HO (Handelsorganisation), einschließlich eines sogenannten „Obst und Gemüse“-Geschäfts. Dort wurde das angeboten, was es gerade noch so in den Thüringer Wald geschafft hatte, nachdem die Hauptstadt, die Bezirksstädte und alle Menschen mit den richtigen Beziehungen versorgt waren.
Im „Obst und Gemüse“-Laden standen zwischen Kohlköpfen, Kartoffeln und ein paar Karotten zwei Dederon-beschürzte Frauen, die in der Hauptsache damit beschäftigt waren, ihrer Kundschaft mitzuteilen, dass die Kuba-Orangen, die natürlich niemals orange waren, schon wieder aus seien, aber man gerne erneut im nächsten Quartal vorbeischauen könne.
Ein-, zweimal im Jahr schafften es sogar Bananen ins Dorf. So jedenfalls ging die Legende. Ich selbst wohnte diesen historischen Ereignissen leider nie bei, sondern erfuhr davon nur nachträglich durch atemlos vorgetragene Zeitzeugenberichte.
Umso fester fügte sich die Bananenfrucht in die gar fantastische Projektion, die ich mir vom Leben im Glitzerwesten gefertigt hatte, und die ich, so gut es eben ging, in die real existierende Mangelgesellschaft übersetzte. Ich trug selbstgemalte Bayern-München-Anstecker, tauschte zerknitterte Bravo-Ausschnitte ("Nena" gegen "Scorpions") und labte mich im Intershop am kapitalistischen Verwöhnaroma.

Ganz Naher Osten
Martin Debes berichtet als Reporter im Hauptstadtbüro des stern oft über Ostdeutschland. In seiner Kolumne schreibt der gebürtige Thüringer auf, was im "Ganz Nahen Osten" vorgeht – und in ihm selbst
Hauptquelle der Inspiration war das westliche Fernsehprogramm, das über eine auf dem nahen Berg errichtete Gemeinschaftsantenne über eine vom Dorfkollektiv verlegte Leitung in einem hölzernen Kasten landete, den wir von meiner Uroma übernommen hatten, die ihn wiederum in den 1960er Jahren gekauft haben musste. Bis die Röhren im Innern aufgewärmt waren, und das Schwarz-Weiß-Bild über die ovale Mattscheibe rauschte, dauerte es immer ein paar Minuten.
Ich schaute das, was alle schauten, also „Tagesschau“, „Traumschiff“ oder, nur heimlich natürlich, „Tutti Frutti“. Doch die eigentlichen Höhepunkte waren für mich die Sonntagabende, an denen „drüben“ irgendein Parlament gewählt wurde, im Bund, aber gerne auch in Hessen, Rheinland-Pfalz oder im Saarland. Wenn um 18 Uhr die Prognose angezeigt wurde, saß ich gespannt vor dem Fernseher, ausgerüstet mit Käsebrot und Club-Cola, und fieberte den Hochrechnungen entgegen. Natürlich, da muss ich den Vorurteilen gegenüber meinem Berufsstand leider genügen, war ich schon damals eher für SPD und Grüne.
Ich kannte die Namen aller Ministerpräsidenten, von Franz-Josef Strauß über Johannes Rau bis Holger Börner – und natürlich von Uwe Barschel, der einen Flugzeugabsturz überlebte, nur um in einer Badewanne des Genfer Hotels „Beau Rivage“ zu enden. Das war etwas mehr Drama als die 3. Tagung des XI. Parteitages der SED.
Die erste freie Wahl der Ostdeutschen
Dann fiel die Mauer, und es kam jener Märztag, der sich diese Woche zum unfassbaren 36. Mal jährte: Es wurde die Volkskammer gewählt. Für mich handelte es sich gleich um eine dreifache Premiere: Meine erste Wahl war die erste freie Abstimmung in der DDR, die somit auch den ersten Ost-Wahlabend im Westfernsehen produzierte.
Ich hatte als postaufrührerische Kompensationshandlung das Bündnis 90 gewählt, das damals noch nicht den Westgrünen als performativer Namens-Appendix diente, sondern aus echten Bürgerrechtsorganisationen wie dem Neuen Forum bestand. Nun sah ich dabei zu, wie die Leute, die ein halbes Jahr zuvor die Demonstrationen organisiert hatten, während der große Rest taktisch abwartete, auf 2,9 Prozent der Stimmen kamen. Die sogenannte Revolution hatte ihre Kinder nicht bloß gefressen, sondern vollständig verdaut und ausgeschieden.
Wahlsieger war mit gut 40 Prozent die DDR-CDU, also jene Partei, die nach vier Dekaden treuer SED-Untertänigkeit vom BRD-CDU-Vorsitzenden Helmut Kohl all ihrer Sünden absolviert worden war. Ansonsten versprach der Kanzler einfach das, wonach die meisten Menschen verlangten. Sie wollten es auch so gut wie die Wessis haben, und zwar sofort.
Der Populismus funktionierte und meine Enttäuschung war groß, zumal die arme SPD, die von Bürgerrechtlern (und ein paar verdienten Ex-Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit) neu gegründet worden war, nur auf die Hälfte der Unionsstimmen kam. Aber ich verstand, warum viele Leute so gewählt hatten: Sie wollten einfach ein besseres Leben für sich, und sie wollten es jetzt und direkt – und nicht auf einem diffusen Dritten Weg.
Otto Schily und die Banane
Aber das war aus einer bestimmten Perspektive schlicht ungehörig. Ich weiß noch, wie ich am Wahlabend vor dem Fernseher saß und sah, wie Otto Schily, der auf seinem Weg vom RAF-Anwalt zum Superrealosozi gerade bei den Grünen Station machte, vorwurfsvoll eine Banane in die Kameras hielt: Die Osteingeborenen waren mit Chiquita und anderen Glasperlen gekauft worden.
So betrachtet (und ja, genau so wird es immer noch in München, Hannover oder Kiel betrachtet) haben die Ostdeutschen schon immer falsch gewählt. Nachdem sie sich von der Kohl-CDU korrumpieren ließen, luden sie ihre nachträgliche Enttäuschung bei der zur PDS umfirmierten Ex-SED ab, um sich schließlich umso wütender AfD und BSW zuzuwenden. So etwas würde im liberaldemokratisch gefestigten Westen nicht passieren. Niemals!
Ich wage mal eine Prognose vor der Prognose. Wenn ich an diesem Sonntagabend auf meinem OLED-4K-Fernseher betrachte, wie die AfD bei der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz bei etwa 20 Prozent einläuft, wird die Berichterstattung und Kommentierung vor allem davon handeln, ob die SPD oder die CDU den Ministerpräsidenten stellt, und was das für die beiden Parteien im Bund und die Koalition in Berlin bedeuten mag.
Kommt es so, werde ich mich darüber aufregen, dass es gar nicht so lange her ist, dass ähnliche AfD-Ergebnisse im Osten zum Ausbruch des Faschismus in den Farben der DDR hochgedeutet wurden. Aber nur kurz. Denn nach dem Verzehr meiner täglichen Banane bin ich dann gleich wieder ruhiggestellt.
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