Wie reagieren auf die Energiekrise? Fünf Lehren aus der Geschichte
Zu schön wäre es gewesen: Das Sondervermögen sorgt für staatliche Ausgaben und Investitionen, dank Reformen konsumiert die Bevölkerung wieder, ein Wirtschaftswachstum von deutlich über einem Prozent wird 2026 wieder erreicht. Endlich. Nach drei Jahren Rezession.
Der US-amerikanisch-israelische Angriff auf den Iran macht der Vision der Bundesregierung aber einen Strich durch die Rechnung. Statt behutsamem Wachstum ist nun Feuerlöschen angesagt. Maßnahmen gegen den Energiepreisschock müssen her. Damit Verbraucher wegen der horrenden Spritpreise nicht auf die Barrikaden gehen und die Industrie nicht auf dumme Ideen kommt. Stichwort: Stellenabbau, Abwanderung, Produktionsstopp.
Es ist nicht das erste Mal, dass das Land durch geopolitische Ausnahmesituationen in eine Energiekrise schlittert. Mal griff eine Bundesregierung heftig zu, mal ließ sie laufen. Lässt sich aus der Vergangenheit lernen? Ja – wenn man aufhört, Energiekrisen als Ausnahme zu begreifen. Sie sind der Normalzustand einer industrialisierten Volkswirtschaft ohne eigene Ressourcen.
Fünf Lehren lassen sich aus einem Jahrhundert deutscher Energiepolitik ziehen.
1. Energie ist manchmal Wirtschafts-, aber immer Machtpolitik.
Die erste große Energiekrise traf Deutschland lange vor Öl und Gas. In den 1920er Jahren genügte die französisch-belgische Besetzung des Ruhrgebiets, um die industrielle Basis des Landes ins Wanken zu bringen. Damals: seine Kohleproduktion. Die prekäre Energieversorgung wurde Mitgrund für die große Depression am Ende des Jahrzehnts. Und den rasanten Aufstieg der Nazis kurz darauf.
Heute liegen die Sollbruchstellen der deutschen Energieinfrastruktur zuallererst außer Landes: Pipelines, die durch Diktaturen verlaufen. Tanker, die aufgrund von Kriegen internationale Gewässer nicht befahren können. Importe, die durch Zölle beim Handelspartner feststecken. Mit den Ölkrisen 1973 und 1979 und dem Beginn der Ukraine-Invasion 2022 lagen die Auslöser für eine Energieknappheit in Deutschland bereits dreimal bei denen, die Raketen abfeuern, Grenzen verschieben, Pipelines blockieren.
Daraus ergibt sich eine Gewissheit: Wer Energiepolitik betreibt, betreibt immer auch Außen- und Sicherheitspolitik. Ob er will oder nicht. Deutschland müsste öfter wollen.
2. Der Markt regelt. Bis er versagt.
Die Bundesrepublik setzte in den 1950er Jahren zunächst auf marktwirtschaftliche Prinzipien. Subventionen weg, Preise frei, Importe liberalisiert. Das Ergebnis: erst Knappheit, dann Überproduktion, schließlich der Zusammenbruch ganzer Industriezweige, die nur durch staatliche Eingriffe gerettet werden konnten. Der Markt bevorzugte wie stets den billigsten Preis. Auf Versorgungssicherheit nahm er keine Rücksicht.
Dieses Muster zieht sich durch die Jahrzehnte. Billiges Öl aus Libyen, günstiges Gas aus Russland – ökonomisch sinnvoll, strategisch riskant. Auch heute ist die Versuchung groß, den Preisschock kurzfristig „wegzumarkten“: durch Preisbremsen, kosmetische Regulierung, neue fragwürdige Partner.
Doch die Geschichte lehrt: Energiepolitik, die sich allein am Preis orientiert, wird im Krisenfall unbezahlbar.
3. Energiepreisschock abwenden? Diversifikation!
Die Politik hat früh erkannt, dass vollständige Autarkie eine Illusion ist. Stattdessen setzte man ab den späten 1970er Jahren auf Streuung der Risiken.
Nach der zweiten Ölkrise 1979 wurde sogar eine konkrete Grenze gezogen: maximal 30 Prozent Gasimporte aus einem Land. Das war strategisch klug, hielt aber nicht lange. Denn sobald Energie billig und verfügbar ist, gerät die Risikoperspektive wieder in den Hintergrund. In den 1980er Jahren stiegen die Importe aus der Sowjetunion. Das gleiche Muster wiederholte sich mit Russland nach 2000.
Heute ersetzt Deutschland russische Abhängigkeit durch Lieferbeziehungen in die Golfregion. Was offensichtlich wird: Abhängigkeiten verschwinden nicht. Man kann sie nur verteilen.
4. Krisen als dornige Chancen
Die Ölkrise 1973 war mehr als ein Schock. Sie war der Startpunkt für Energieforschung, Effizienzprogramme und erste Überlegungen zu alternativen Technologien. In den 1990er Jahren führte diese Entwicklung zum Stromeinspeisungsgesetz und später zum Erneuerbare-Energien-Gesetz – einem der ambitioniertesten industriepolitischen Projekte der Bundesrepublik. Hier zeigte sich: Staatliche Eingriffe können Märkte nicht nur korrigieren, sondern neu schaffen.
Doch dieser Fortschritt war nie geradlinig. Nach Fukushima 2011 beschleunigte Deutschland zwar den Atomausstieg, erhöhte aber gleichzeitig seine Abhängigkeit von Gas. Fortschritt und neue Risiken gingen Hand in Hand.
Die Lehre für die deutsche Politik: Krisen sind Gelegenheitsfenster. Ob sie genutzt werden, entscheidet die Politik, nicht der Markt.
5. Hände weg von den Schnellschüssen!
Subventionen für Kohle in den 1950ern. Autofreie Sonntage 1973. Preisbremsen und Entlastungspakete 2022. Nun das „Kraftstoffmaßnahmenpaket“. Die Instrumente ändern sich, das Muster bleibt: schnelle, sichtbare Maßnahmen, um sozialen Unmut zu dämpfen und wirtschaftliche Verwerfungen zu begrenzen. Das ist politisch rational.
Die kurzfristigen Reaktionen überdecken aber das eigentliche Problem: die strukturelle Verwundbarkeit. Auch 2026 zeigt sich das wieder. Steigende Preise, Druck auf energieintensive Industrien, drohende Arbeitsplatzverluste. Die Diskussion kreist um Entlastung, nicht um grundlegende Neuausrichtung.
Dabei ist der aktuelle Energiepreisschock kein historischer Ausreißer. Er ist die Fortsetzung eines Musters. Kriege im Nahen Osten, geopolitische Spannungen, steigende Preise, politische Eingriffe. All das gab es schon. Und das mehrfach.
Die Frage lautet deshalb nicht mehr, ob die nächste Energiekrise kommt. Sondern ob Deutschland irgendwann beginnt, Energiepolitik nicht mehr als Reaktion zu betreiben, sondern als Strategie.
- Energiepreisschock
- Deutschland
- Energiekrise
- Energiepolitik
- Bundesregierung
- Russland
- Rezession
- Iran
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke