„Das Albernste, was man machen kann“ – Gysi-Interview löst innerlinken Streit um Antisemitismus aus
Im internen Streit der Linken über Antisemitismus sieht sich der frühere Fraktionschef Gregor Gysi scharfer Kritik ausgesetzt. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Migrantische Linke wirft dem 78-Jährigen wegen eines Interviews „rassistische Narrative“ vor, wie es in einem internen Schreiben an Gysi heißt, über das WELT berichtet hatte. Nun schalten sich prominente Stimmen aus der Partei in die Debatte ein.
Hintergrund: Gysi hatte in einem Interview mit „Focus“-Chefredakteurin Franziska Reich auf eine Frage nach Antisemitismus in der Linken wie folgt geantwortet: „Also, das ist jetzt deshalb gefährlicher geworden, weil viel mehr Menschen mit Migrationshintergrund, auch mit spezifischem Migrationshintergrund, in unsere Partei gekommen sind, was ich eigentlich sehr begrüße. Aber sie bringen eben Sichten auf Israel mit, die falsch sind, und dagegen werde ich mich immer wehren, und eine bestimmte Grenze darf nicht überschritten werden.“
Als Antwort darauf kam das erwähnte Schreiben. Der von Dutzenden Parteimitgliedern unterzeichnete Brief wirft Gysi vor, damit einen pauschalen Verdacht gegen Migranten zu äußern und mit einem „angeblich zunehmenden Antisemitismus-Problem“ zu verknüpfen. Tatsächlich sei Antisemitismus ein „gesamtgesellschaftliches, tief in der europäischen Geschichte verwurzeltes Phänomen“.
In diese Richtung äußerte sich auch der Parteivorsitzende Jan van Aken im „Spiegel“: „Wenn ich Gregor richtig verstehe, dann ist es nicht richtig, was er da sagt. Er erweckt den Eindruck, dass Antisemitismus vor allem ‚importiert‘ sei. In der jahrhundertelangen Geschichte der Judenverfolgung war es vor allem das Christentum, das eine Gefahr für Jüdinnen und Juden war. Und der Holocaust wurde von blonden blauäugigen Deutschen begangen.“
Antisemitismus sei ein Problem der gesamten Gesellschaft und nicht bestimmter Gruppen, betonte van Aken. „Aber vielleicht liegt hier auch ein Missverständnis vor – deshalb fände ich ein baldiges Treffen zwischen den Betroffenen sinnvoll.“
Ein Gespräch wird auch in dem internen Brief der Migrantischen Linken an Gysi gefordert, ebenso wie eine „öffentliche Entschuldigung bei den migrantischen und jungen Mitgliedern unserer Partei“.
„Sowas instrumentalisiert man nicht“, findet Bartsch
Der ehemalige Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch hingegen sagte gegenüber Reportern: „Ein Problem gab es schon immer in der Gesellschaft, und so wie in allen Parteien gibt es auch in der Linken etwas, was diskutiert werden muss. Und manche Beschlüsse sind für mich unverständlich.“ Er habe „eine klare Haltung als – unter anderem – Stellvertretender Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Parlamentariergruppe; einer, der mehrfach in Israel war und den 7. Oktober nie vergessen wird“.
Zu dem Brief sagte Bartsch, er finde, „sowas instrumentalisiert man nicht, vor allem nicht, indem man drüberschreibt: Dieser Brief ist nicht für die Öffentlichkeit.“ Das sei „das Albernste, was man machen kann“. Er glaube: „Wir haben eine Aufgabe, eine Herausforderung – in der Gesellschaft und auch in der Linken.“
Gysis Büro erklärte auf Anfrage der dpa, das Schreiben habe den Bundestagsabgeordneten nicht erreicht. Schon deshalb werde sich Gysi dazu nicht äußern, sagte ein Sprecher.
Der Streit fügt sich ein in einen Dauerkonflikt in der Linken über die Haltung zu Israel und zum Gazakrieg. Erst zu Wochenbeginn hatte der brandenburgische Antisemitismusbeauftragte Andreas Büttner seinen Austritt aus der Linken erklärt, nachdem sich der niedersächsische Landesverband in einem Antrag gegen den „heute real existierenden Zionismus“ gewandt hatte und der israelischen Regierung einen „Genozid“ im Gazastreifen sowie ein System der „Apartheid“ vorgehalten hatte.
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