Der frühere SPD-Vorsitzende Franz Müntefering (86) fordert mehr Reformbereitschaft von der Politik. „Dass grundsätzlich etwas passieren muss, ist eindeutig“, sagte Müntefering angesichts der wirtschaftlichen Lage in Deutschland dem „Handelsblatt“. „In einer Lage wie heute ist Laufenlassen keine Option.“

Der frühere Bundesarbeitsminister verwies auf die Reformpolitik der rot-grünen Bundesregierung unter Gerhard Schröder. Damals habe es „nicht den einen Agenda-Moment“ gegeben; vielmehr seien zahlreiche Gesetze schrittweise verändert worden. „Wer etwas verändern will, muss an vielen Dingen drehen“, so Müntefering. Die Einführung der Rente mit 67 Jahren verteidigte er: Sie „habe ich nicht aus Jux gemacht“. Es sei richtig gewesen.

Kritik äußerte Müntefering an rentenpolitischen Entscheidungen seiner eigenen Partei. Bereits bei der Einführung der Rente mit 63 habe er in der SPD gesagt, „dass ich das nicht machen würde“. Das gelte heute umso mehr: „Bei der derzeitigen demografischen Entwicklung zu sagen, wir ziehen die Rente für viele vor, ergibt überhaupt keinen Sinn.“

Stattdessen sprach sich Müntefering für flexiblere Übergänge aus dem Berufsleben aus. Viele ältere Beschäftigte wollten länger arbeiten, könnten das aber nicht. „Wir müssen uns von der schematischen Vorstellung lösen, mit 16 Jahren sind alle erwachsen und mit 65 alle alt.“

Müntefering gegen ein starres Renteneintrittsalter

Grundsätzlich wandte sich Müntefering gegen ein starres Renteneintrittsalter. „Menschen 60 plus sollten ein Anrecht darauf erhalten, ihren Arbeitsvertrag ein oder zwei Jahre über das Renteneintrittsalter hinaus zu verlängern“, sagte er. Arbeitgeber sollten das nur ablehnen können, wenn sie nachweisen können, dass es keine geeignete Aufgabe für den Arbeitnehmer gibt.

Besorgt zeigte sich Müntefering zudem über die Lage seiner Partei insgesamt. Die SPD habe viele Arbeiter an die Alternative für Deutschland verloren, weil sich diese von der Partei nicht ausreichend angesprochen fühlten. „Die AfD sagt: Wir kennen eure Probleme, wir boxen was für euch durch. Das sind nicht immer differenzierte Argumente, aber sie vermitteln Nähe und Entschlossenheit.“

Der SPD riet Müntefering, politische Themen wieder klarer anzusprechen, auch bei Migration oder sozialer Sicherheit. Und: „Nicht beschönigen, nicht wegducken. Wenn wir nicht klar sagen, wofür wir stehen, verlieren wir Vertrauen.“

Müntefering war Vizekanzler und Arbeitsminister im Kabinett von Angela Merkel, zuvor Verkehrsminister unter Gerhard Schröder sowie Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion. Zweimal stand er zudem an der Spitze der SPD. Zuvor war Müntefering viele Jahre Bundestagsabgeordneter sowie zeitweise Minister und Landtagsabgeordneter in Nordrhein-Westfalen. Seine politische Laufbahn begann im Stadtrat von Sundern im Sauerland.

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