Auf dem Spielplatz eines kleinen Ortes in der Sharonebene, dem Küstenstreifen entlang der Mittelmeerküste zwischen Tel Aviv und Haifa, ist es an diesen Vormittagen ungewöhnlich voll. Der Ort ist ein Moschaw, eine kooperativ organisierte ländliche Gemeinde.

Eltern sitzen auf Decken, haben Borekas, Thermoskannen mit Kaffee und Obst mitgebracht. Einige der Kinder tragen Kostüme, zurzeit findet das jüdische Fest Purim statt. Sie stopfen sich mit den Süßigkeiten und Chips der „Mischloach Manot“ voll – Essenspakete, die es laut dem Buch Esther an Purim zu verteilen gilt.

Seit Samstag schon herrscht Krieg und die Eltern sehen erschöpft aus. Es gibt keine Kita und keine Schule, die meisten müssen zwischen schlaflosen Nächten und Kinderbetreuung trotzdem noch arbeiten. Ein Vater beobachtet seine Zweijährige, während er mit Kopfhörern in seinen Ohren an einem Zoomtermin mit der Anwaltskanzlei, für die er arbeitet, teilnimmt. „Ich habe erst überlegt, wie ich das in Ruhe zu Hause hinbekomme. Aber dann habe ich gedacht, soll mein Chef doch merken, in was für einer Situation ich bin – rund um die Uhr mit zwei Kleinkindern.“

Dennoch ist die Stimmung hier entspannt. Eine Mutter kommt in Uniform auf den Spielplatz, sie hatte Nachtschicht im Reservedienst. Innerhalb der vergangenen zwei Jahre wurde sie schon mehrfach für mehrere Monate am Stück eingezogen, jetzt – seit Samstag – wieder einmal. „Was für ein tolles Kostüm“, scherzt ihre Freundin zur Begrüßung, „sieht ja total echt aus!“ Heiterkeit ist Teil der Überlebensstrategie.

Für ein, zwei Stunden wirkt es hier wie in einer Parallelwelt. Doch dann wird die fast urlaubshafte Frühlingsstimmung von lautem Telefonpiepen unterbrochen. Es ist die Vorwarnung für den nächsten Raketenbeschuss aus dem Iran. Die Eltern rufen ihre spielenden Kinder zu sich, beginnen aber erst, ruhig ihre Sachen einzusammeln.

Nach der Vorwarnung bleiben meist etwa zehn Minuten, bis der Alarm kommt. Manchmal aber auch weniger. Sobald die Sirene ertönt, hat man anderthalb Minuten, um in den Schutzraum zu gelangen, bevor die Rakete einschlägt, sollte sie nicht vom Abwehrsystem abgeschossen werden.

Verletzungen auf dem Weg in den Schutzraum

Das Sirenenheulen beginnt. Eltern halten ihre Kinder fest an den Händen, die Babys in den Armen, und eilen zum Bunker, der sich auf dem Spielplatz befindet. Die Treppe hinunter, unter beruhigendem „le-at, le-at“ – langsam, langsam, denn viele verletzen sich dabei, wenn sie panisch in den Schutzraum rennen. Unten werden weiter Süßigkeiten verteilt. Niemand weint.

Ein Kind macht lauthals das Heulen der Sirene nach. „Er verarbeitet“, erklärt die Mutter beinahe entschuldigend. Andere Kinder machen sich dieser Tage plötzlich wieder in die Hose, bekommen häufig Schreianfälle oder zeigen andere typische Zeichen von Regression. An den ersten zwei Kriegstagen gab es ständig Raketenalarm und die Familien verbrachten lange Stunden in Schutzräumen. Inzwischen ist es in dieser Gegend mit den Sirenen etwas weniger geworden.

„Ich bin sehr dankbar für unsere geografische Lage“, sagt Sandra Engelman. Die gebürtige Französin lebt seit 2012 in Israel. Sie hat zwei kleine Kinder und ist mit dem dritten hochschwanger. „Hier gibt es weniger Beschuss als im Norden, Süden oder in den großen Städten.“

Angst habe sie nicht, – denn: „Wir haben keine Wahl. Wir bleiben ruhig, weil wir unseren Kindern ein Gefühl der Sicherheit vermitteln müssen“, sagt sie. In zwei Wochen ist ihr erwarteter Geburtstermin. „Im Krankenhaus haben sie mir schon die Schutzräume gezeigt, falls es während der Geburt Raketenbeschuss gibt. Das mag ich an Israel, sie sind auf alles sehr gut vorbereitet.“

Familienvater Itay Bachar bietet im Bunker selbst gebackene Kekse an. „Als Eltern fällt es uns schwer zu sehen, dass unsere Kinder sich an diese Situation gewöhnen. An den Alarm, daran, dass man in den Schutzraum geht. Dass sie so aufwachsen müssen, ist traurig. Wir leben hier auf Messers Schneide, auf einen Krieg folgt der nächste“, gibt er zu bedenken. Er ist Architekt und hat in England, Dänemark und der Schweiz gelebt. „Woanders ist es nicht so. Man steht nicht morgens auf und muss an Krieg denken.“

Eine Umfrage des Institute for National Security Studies (INSS) ergab, dass fast 81 Prozent der Israelis den israelisch-amerikanischen Angriff auf den Iran unterstützen. Die Unterstützung kommt aus beiden politischen Lagern, Regierung und Opposition. Itay Bachar sieht das differenzierter.

Er befürchtet, dass der Krieg Netanyahu stärken wird. „Er könnte den Krieg sogar bis zu den Wahlen hinauszögern, oder die Wahlen vorziehen, um von den positiven Schlagzeilen zu profitieren“, glaubt er. Ein nuklearer Iran sei eine existenzielle Bedrohung für Israel, keine Frage. Aber jetzt hätten Trump und Netanjahu eine politische Gelegenheit ergriffen, so Bachar.

Hadar Cohen ist Mutter von drei Kindern und lebt auch im Moschaw. „Wenn es doch nur wahr werden würde, dass hier etwas Bedeutungsvolles passiert, das die politische Landkarte im Nahen Osten grundlegend verändert.“ Sie benutzt das hebräische Wort „halevai“ – es drückt einen Wunsch oder eine Sehnsucht nach etwas aus, das ungewiss oder eher unwahrscheinlich ist.

„Ob ich daran glaube, dass die ‚bösen Mächte‘ jetzt vernichtet werden und es morgen Frieden im Nahen Osten gibt? Nein. Daran glaube ich nicht.“ Sie wünscht dem iranischen Volk einen Regimesturz, ist aber davon überzeugt, dass das von innen kommen muss. Israel könne das nicht unmittelbar bewirken.

Auf den Telefonen erscheint die Nachricht, dass das „Ereignis“ nun beendet sei. Euphemismen gehören zur Sprache des Krieges. Die Familien gehen raus aus dem Bunker, zurück in die Sonne, auf den Spielplatz. Viele hier im Moschaw haben keinen Schutzraum im eigenen Haus und sind deshalb vorübergehend zu ihren Eltern gezogen, in andere Ortschaften oder Städte.

Sie kommen trotzdem hierhin, gehen das Risiko ein, auf der Autobahn von der Sirene erwischt zu werden. Zu wichtig ist es für die Kinder, ein Stück Normalität mit ihren Freunden zu erfahren. Auch den Eltern tut es gut, den Halt der Gemeinschaft zu spüren.

„Wir haben im Moschaw eine sehr starke Community und wir versuchen zusammen, aus der Situation das Beste zu machen. Das Wetter ist schön, wir treffen uns mit den Familien und Kindern, um die wertvolle gemeinsame Zeit zu genießen. Natürlich ist der Stress da. Er ist tief in uns verwurzelt“, beschreibt es Hadar Cohen.

Am Mittwochabend dann ertönt in der Sharonebene zum ersten Mal eine Sirene ohne Vorwarnung – das bedeutet, man hat nur anderthalb Minuten Zeit, sich in Sicherheit zu bringen. Es ist eine Rakete der Hisbollah aus dem Libanon. Da die aus näherer Entfernung geschossen werden als die Raketen aus dem Iran, ist die Vorlaufzeit viel kürzer. Das macht auch die Fahrten in den Moschaw noch riskanter. Aber die Eltern kommen trotzdem.

Es gibt auch noch die Alarm-Variante: Vorwarnnachricht ohne Sirene. Das trifft ein, wenn iranische Raketen unterwegs sind, dann aber letztendlich woanders auftauchen – meistens im Himmel über Tel Aviv. Auf dem Spielplatz werden bei jedem Telefonpiepen wieder die Kinder eingesammelt, es passiert dann aber nicht immer etwas.

Eine Mutter zuckt zusammen, als einige Minuten später das laute „Boom, Boom, Boom“ aus der Ferne auf dem Spielplatz zu hören ist. „Wunderbar!“, ruft eine andere. Die Geräusche bedeuten, sie haben die Rakete abgeschossen. „Ach ja, ist unser Leben hier schön“, sagt die erste trocken. „Denkt nur an dieses Gefühl von Freiheit, wenn Ihr nach einer Stunde im Schutzraum um sechs Uhr morgens endlich herauskommt und Euch einen Kaffee machen könnt.“ Alle lachen.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke