Wie der Epstein-Skandal einen Vordenker der britischen Sozialdemokratie verschlang
Wer das Leben und die Lebenssprünge von Lord Peter Mandelson ins Auge nimmt, hat es mit einem gewieften Zocker zu tun – dessen Gewinnspiel wohl in dieser Woche endgültig gescheitert ist. Seine lebenslange Fortune scheint den Labour-Vordenker verlassen zu haben. Die britische Polizei nahm Mandelson Anfang der Woche wegen des Verdachts auf Amtsmissbrauch in Gewahrsam, um ihn danach unter Zahlung einer hohen Kaution freizustellen.
Der Mann, der die britische Politik der letzten Jahrzehnte mitformte, war dabei immer wieder über Vergehen gestolpert, die an die Öffentlichkeit gelangten. Aber dieses Mal wird er des Amtsmissbrauchs verdächtigt, der Verwendung diskreter Informationen aus seiner Zeit als Wirtschaftsminister ab 2008. Empfänger der Tipps war Jeffrey Epstein, dessen Freundschaft der Politiker pflegte, ohne bei seiner Ernennung als Botschafter in den USA diesen heiklen Punkt bekannt zu machen.
Schon vergangenes Jahr verlor Mandelson wegen dieser Verbindung seine Bestallung als Diplomat und in diesem Frühjahr seinen Sitz im Oberhaus. Als Crash-Opfer seiner havarierten Vita geistert er nun durch jene Medien, die er einst als berühmter „Spin-Doctor“ der britischen Sozialdemokraten nach Belieben zu steuern wusste.
Dabei ähnelt die Art seines Aufstiegs in bemerkenswerter Weise jener seines Falls. Mandelson war in den 90er-Jahren der Erfinder eines neuen Politikstils, eines Anything Goes. Durch die Verbindung zu dem pädophilen Serientäter Epstein geriet er in den Grenzbereich zu Verbrechen, die weitaus diabolischer sind als Geheimnisverrat. Auch wenn Mandelson bei diesen Verbrechen kein aktiver Mittäter war, selbst wenn es ihm nur ums Geld ging, scheint er doch an seiner eigenen Schrankenlosigkeit gescheitert zu sein.
Aber wo hat Mandelson den Keim finanzieller Lust aufgegriffen? Die Gelegenheit zum Emporklettern erhielt er schon 1985, als Labour-Chef Neil Kinnock den erst 32-jährigen Mandelson zum „Director of Communications“ beförderte. Labour hoffte, die Konservative Margaret Thatcher bei der Unterhauswahl 1987 zu stürzen. Doch Thatcher gewann klar. Für Labour begann ein Richtungswechsel unter dem neuen, jugendlichen Vorsitzenden Tony Blair, mit erdacht von Mandelson.
Der in Oxford studierte Politologe hatte verinnerlicht, worin das Rezept der schier unschlagbaren Thatcher bestand: Bekenntnis zum Kapitalismus, zur Selbstbestimmung des freien Bürgers, Ende des „Weges zur Knechtschaft“, in geistiger Anleitung eines Friedrich Hayek. Auf diesen Kurs steuerten Blair und sein Berater Mandelson die Partei nun. „New Labour“ holte bei den Wahlen 1997 einen Erdrutschsieg und gewann auch die drei folgenden. Geld, so sagte Mandelson damals frohgemut, sei jetzt auch bei der Mitte-links-Partei gut aufgehoben, denn Labour habe mit den „filthy rich“, den schmutzig oder eben „unverschämt Reichen“, keine Probleme mehr.
Noch hat die Epstein-Saga ihr Gift nicht aufgebraucht
Diese Nonchalance wurde Mandelsons Leitmotiv. Sein erster Kabinettsposten, Staatssekretär für Handel und Produktion, kam dem entgegen, von einem dankbaren Tony Blair dargereicht. Der erste Fehltritt ließ nicht lange auf sich warten, als Mandelson 1998 mit einer geliehenen Summe, 500.000 Euro von verschleierter Herkunft, eine Londoner Immobilie erwarb, und dies dem Parlament verheimlichte.
Mandelson bekam immer die geeigneten Positionen, um selbst „filthy rich“ zu werden. Auch eine Periode als EU-Handelskommissar war dabei (2004-2008) und stets Kontakte, die ihn jeweils für eine anschließende Tätigkeit empfahlen, wenn ein Skandal ihn wieder den Job kostete.
Hat Labour zu viel bezahlt für den historischen Weg vom Sozialismus zum Neoliberalismus? Das mag sich der heutige Premier Keir Starmer fragen, der andererseits ohne Mandelsons Einsatz in den frühen Blair-Jahren seine eigene Labour-Revolution nie hätte vollbringen können. Noch hat die Epstein-Saga indes ihr Gift nicht aufgebraucht, weitere Zeugen werden sich finden, Belege von krankhaften Verirrungen.
Es ist das große Geld, das kleine Geister immer wieder in den Abgrund geführt hat, und Mandelson wohl an sein politisches Ende. Er wurde Opfer einer Welt ohne Kompass – die Krise der Gegenwart. Lange wähnte sich der Lord als Glückskind unserer Epoche, mit der ihn das Freisein von bindender Verantwortung verband.
Als Unglück für sich und andere „filthy rich“ wird er dagegen in die Geschichte eingehen als einer, der vom finanziellen Schmutz in den Umkreis jener monströsen Verbrechen gezogen wurde, die Epstein gegenüber Mädchen und jungen Frauen beging – und für die er Mitwisser förmlich einlud. Auch Peter Mandelson? Das ist noch unklar, aber die Tragödie hat schon eine Gestalt gefunden.
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