„Vielleicht muss Deutschland seine Hausaufgaben machen“
General Raimundas Vaiksnoras empfängt im Verteidigungsministerium in Vilnius. Auf einem Tisch ist eine Karte Litauens ausgebreitet. Darauf eingezeichnet sind die Standorte deutscher und amerikanischer Soldaten nahe der Grenze zu Belarus. Vaiksnoras deutet auf einzelne Punkte, erklärt, wo Nato-Kräfte präsent sind – und wo Litauen weitere Stationierungen plant. Für das Gespräch nimmt sich der Generalstabschef eine Stunde Zeit. Vaiksnoras ist seit 2024 Oberbefehlshaber der litauischen Armee und damit ranghöchster Soldat.
WELT: Litauen liegt zwischen dem zu Russland gehörenden Kaliningrad und Belarus. Nur der schmale Suwalki-Korridor verbindet das Baltikum auf dem Landweg mit dem restlichen Nato-Gebiet, und er gilt als militärisch verwundbar. Welche Maßnahmen ergreift Litauen zu dessen Schutz?
Raimundas Vaiksnoras: Nach dem Nato-Beitritt Finnlands und Schwedens haben wir nun bessere Möglichkeiten, Verstärkung über die Ostsee nach Litauen zu bringen. Aber der Weg ist immer noch weit und sehr verwundbar, denn dort operiert auch die russische Ostseeflotte. Mit Polen haben wir einen Plan namens Orsha zur Integration und Synchronisierung unserer Kräfte. Nächste Woche wird es eine Übung im Raum Marijampole nahe dem Korridor geben.
WELT: Zurzeit planen Sie an der Grenze zu Belarus mit amerikanischen Kräften und der deutschen Brigade. Wollen Sie weitere Soldaten schicken?
Vaiksnoras: Wir haben beschlossen, ein weiteres Übungsgebiet für litauische Kräfte sehr nahe am Suwalki-Korridor einzurichten, mit Manövermöglichkeiten in Brigadegröße, inklusive Schießen mit Panzern und Haubitzen. Wir verhandeln derzeit mit der lokalen Bevölkerung über Entschädigungen für das Land, wir wollen das einvernehmlich regeln. Die Kommunen unterstützen unser Vorhaben – Soldaten bringen Arbeitsplätze, Infrastruktur, Straßen, Brücken und Dienstleistungen.
WELT: Wie lange wird eine solche Stationierung dauern?
Vaiksnoras: Unser Parlament wird darüber im Frühling entscheiden. Momentan signalisieren die politischen Parteien Zustimmung. Ich rechne grob mit zwei bis drei Jahren.
WELT: Viele Experten sagen, im Fall eines russischen Angriffs wäre Kaliningrad ein zentrales Ziel für einen Gegenangriff der Nato. Dort sind russische Luftabwehrsysteme und nuklearfähige Raketen stationiert. Wie lange würde es dauern, Kaliningrad im Ernstfall unschädlich zu machen?
Vaiksnoras: Die Nato spielt in Wargames verschiedene Szenarien durch und bereitet sich vor. Wir wollen keinen Krieg, aber wir müssen Russland abschrecken. Unter bestimmten Bedingungen müssten wir zurückschlagen – vielleicht in Kaliningrad, vielleicht woanders, ich will nicht spekulieren. Wenn Russland die Nato herausfordern will, sollte es zweimal nachdenken.
WELT: Sprechen wir bei der Frage nach einem Gegenschlag auf Kaliningrad von Stunden oder Tagen?
Vaiksnoras: Wir haben verschiedenste Mittel zur Verfügung. Kampfjets der fünften Generation, weitreichende Präzisionsraketen, Spezialkräfte mit Ziellisten. Unser Ansatz ist multidimensional: Land, See, Luft, Weltraum, Cyber. Wir entwickeln neue Systeme, auch auf Grundlage der Lehren aus der Ukraine und planen Beschaffungen von Systemen mit größerer Reichweite. Gleichzeitig entwickeln wir Prototypen für unbemannte Bodenfahrzeuge. Aber wie gesagt: Wir wollen Frieden. Der Ball liegt bei Russland.
WELT: Weitreichende Raketensysteme wie Taurus oder Himars sind von deutschen beziehungsweise amerikanischen Softwares und Genehmigungen abhängig. Die Ukraine hat daher begonnen, eigene Systeme zu entwickeln. Wäre das auch für Litauen eine Alternative?
Vaiksnoras: Ja. Die Ukrainer sind gut, sie haben bereits einige Systeme mit großer Reichweite entwickelt – Palianytsia, Liutyi, FP-5 „Flamingo“. Wir prüfen solche Möglichkeiten.
WELT: Dabei handelt es sich um Langstreckendrohnen und Marschflugkörper, mit denen die Ukraine Ziele im russischen Hinterland treffen kann.
Vaiksnoras: Einige Systeme, die wir bereits besitzen oder anschaffen werden, haben sogenannte „Kill Switches“, die die GPS-Verbindung unterbrechen oder stören können. Manche Systeme schließen möglicherweise Ziele in bestimmten Gegenden aus. Eigene Fähigkeiten zu besitzen, die wir selbst kontrollieren, ist eine Priorität – möglicherweise gemeinsam mit der Ukraine oder durch Übernahme ihrer Technologie. Das wäre ein Abschreckungsinstrument. Nichtsdestotrotz sind wir als kleines Land auf unsere Verbündeten angewiesen.
WELT: WELT hat ein Wargame durchgeführt, um die deutschen Entscheidungswege im Ernstfall zu testen. Es zeigte sich, dass Deutschland politisch zögerlich reagieren würde, insbesondere wenn es keine klare US-Führung gäbe. Beunruhigt Sie das?
Vaiksnoras: Vielleicht muss Deutschland seine Hausaufgaben machen und politische Entscheidungsprozesse beschleunigen. Aber nach meinen Gesprächen mit dem Kommandeur der 45. Brigade, General Huber, bin ich überzeugt: Was auch immer geschieht – die Bundeswehrsoldaten werden sich uns anschließen und kämpfen. Wir sind die Nato, wir unterstützen einander. Natürlich gibt es immer Dinge zu verbessern. Aber insgesamt fühle ich sehr deutlich, dass wir starke Verbündete an unserer Seite haben – deutsche, norwegische, niederländische und amerikanische Truppen hier in Litauen. Die deutsch geführte Brigade ist für uns nicht nur militärisch, sondern auch politisch von großer Bedeutung. Dass Deutschland hier Führungsverantwortung in der Nato übernommen hat, ist ein wichtiges Signal, auch an unsere Bevölkerung.
WELT: In dem besagten Planspiel wurde ein Szenario mit einer asymmetrischen Truppenkonzentration nahe der litauischen Grenze auf belarussischer Seite durchgespielt. Wie würden die litauischen Streitkräfte in einem solchen Fall reagieren?
Vaiksnoras: Das war ein interessantes Planspiel, aber aus unserer Sicht hat es nicht alle Faktoren berücksichtigt. 15.000 oder 20.000 Soldaten sind für uns keine große Zahl – egal ob auf belarussischer oder russischer Seite. Unsere Nato-Warnsysteme zeigen uns in der Regel frühzeitig, was vor sich geht. Mit moderner Technologie ist es sehr schwierig, Truppenkonzentrationen zu verbergen. Wir beobachten Bewegungen, Eisenbahnknotenpunkte, logistische Aktivitäten. Die Verlegung von Bataillonen oder Brigaden dauert Zeit und ist sichtbar. Bei der Zapad-Übung im vergangenen Jahr wussten wir bereits etwa einen Monat im Voraus, wo trainiert wird und welche Kräfte beteiligt sind. Auch Lukaschenko sprach offen darüber. Wir beobachten das und reagieren entsprechend unserer Warnindikatoren.
WELT: Indem Sie was genau tun?
Vaiksnoras: Wir organisieren eigene Übungen mit gleich starken oder sogar stärkeren Kräften. Wir spiegeln die Bewegungen der anderen Seite. Seit über zehn Jahren verfügen wir über schnelle Eingreifkräfte in Litauen: Mehr als 2000 Soldaten sind täglich einsatzbereit. Diese Kräfte wurden nach der Annexion der Krim 2014 aufgestellt, als die „grünen Männchen“ auftauchten. Wir haben unsere Gesetzgebung angepasst. Als Oberbefehlshaber kann ich die Bereitschaft erhöhen, mobilisieren und Truppen verlegen, um Grenzschutz und Polizei zu unterstützen und gegen hybride Bedrohungen vorzugehen.
WELT: Der amerikanische General Ben Hodges sagt, im Falle eines russischen Angriffs müssten die baltischen Staaten im schlechtesten Szenario zwei Wochen allein kämpfen, bis Verstärkung aus anderen Nato-Ländern eintrifft. Das ist eine lange Zeit.
Vaiksnoras: Ja. Aber es befinden sich bereits 3000 Soldaten anderer Nato-Länder in Litauen, hinzu kommt die Luftraumüberwachung und Schiffe. Wir setzen in Litauen auf ein Konzept der Gesamtverteidigung. Gesellschaftliche Resilienz ist entscheidend, es kommt auf Energie, Versorgung und Logistik an. In der Ukraine wird ein Soldat von neun Zivilisten unterstützt. Jeder Bürger muss vorbereitet sein. Unser Schützenbund hat 18.000 Mitglieder.
WELT: Eine Art staatlich unterstützte paramilitärische Einrichtung. Wir haben mit einigen Vertretern gesprochen …
Vaiksnoras: Der Schützenbund hat fast so viele Mitglieder, wie die Armee in Friedenszeiten Soldaten hat. Sie haben das Recht, eine Waffe zu tragen, und es gibt gemeinsame Übungen. Wir integrieren sie; sie schließen die Lücken. Außerdem gibt es seit vergangenem Jahr den Kommandanturdienst. Zivilisten, die keinen Militärdienst geleistet haben, können zwei Wochen Grundausbildung erhalten. Im Krisen- oder Kriegsfall übernehmen sie Aufgaben in Kommunen, sichern Infrastruktur und die öffentliche Ordnung. Im Ernstfall soll jeder Bürger kämpfen können.
WELT: Wie bewertet Litauen die Bedrohungslage an den Grenzen zu Belarus und Kaliningrad?
Vaiksnoras: Aktuell beobachten wir keine größeren militärischen Bewegungen, weil Russland im Krieg gegen die Ukraine gebunden ist. Viele Einheiten der Landstreitkräfte, die zuvor sehr nah an unseren Grenzen stationiert waren, wurden in den vergangenen Jahren in die Ukraine verlegt, teils dort getötet, verwundet oder anderweitig kampfunfähig gemacht. Aber wir dürfen uns nichts vormachen. Russland regeneriert sich, und die Luftwaffe, Luftverteidigung und Marine sind weiterhin einsatzfähig. Sie operieren im Baltikum – man erinnert sich an die Vorfälle im vergangenen Jahr mit schleppenden Ankern der sogenannten Schattenflotte, die Unterseekabel beschädigt haben. Hybride Aktivitäten laufen permanent.
WELT: Sollte es zu einem Waffenstillstand kommen – insbesondere zu einem, der für Kiew ungünstig ausfällt – während Europa militärisch noch im Aufbau ist: Entsteht dann aus Ihrer Sicht ein gefährliches Zeitfenster?
Vaiksnoras: Ja. Zwar hat Russland seine Eliteeinheiten weitgehend verloren. Aber nach einem Waffenstillstand könnten andere kampferprobte Einheiten in ihre Garnisonen zurückkehren – nach Kaliningrad, Leningrad, Moskau. Die Kriegswirtschaft läuft. Die Russen produzieren schneller als wir Europäer gemeinsam. Unsere Industrie hat nach vier Jahren noch nicht genug hochgefahren. Vielleicht, weil manche denken, nach einem Waffenstillstand in der Ukraine würde niemand mehr Rüstungsgüter kaufen. Ich sage offen, dass meine Nachfrage die kommenden zehn Jahre auf dem aktuell hohen Niveau bleiben wird. Meine Lager sind fast leer, also produziert schneller! Tut, was für die Stärkung unserer Verteidigung nötig ist! Russland greift keine starken Staaten an. Es greift an, wenn man schwach ist. Wir müssen stark sein.
Carolina Drüten ist International Security Correspondent. Sie berichtet über sicherheitspolitische Themen in Europa und darüber hinaus. Zuvor war sie für WELT mehrere Jahre Korrespondentin mit Sitz in Athen und Istanbul.
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