Joschka Fischer im Wahlkampf: Das Comeback der Rampensau
Der Ehrengast erhebt sich, geht leicht nach vorne gebeugt in Richtung Bühne. Die sechs schwarzen Treppenstufen nimmt er vorsichtig, eine nach der anderen. Man kannte diesen Mann als übergewichtigen Genussmenschen, der mit Helmut Kohl um den rundesten Bauch konkurrierte, genauso wie als hageren Läufer, der beim New-York-Marathon mitrannte. Jetzt ist er einfach ein älterer Herr, sein gemessener Schritt zelebriert gleichermaßen Würde und Last eines 77-Jährigen.
So beginnt an diesem Aschermittwoch ein bemerkenswertes Comeback. Joschka Fischer kehrt zurück in den Wahlkampf, der Ex-Außenminister, der Deutschland in manche Kriege geführt und aus anderen herausgehalten hat, der einstige Frontmann der Grünen, ein politisches Vieh, die begabteste Rampensau, die seine Partei je hatte.
Eine Mischung aus Ehrfurcht und Erwartung liegt in der Luft der Biberacher Stadthalle. 1100 Leute sind da, volles Haus. Noch mehr Menschen wollten kommen und mussten draußen bleiben. Als er das Rednerpult erreicht hat, sagt Fischer fast leise: „Grüß Gott.“ Er ist gekommen, um Cem Özdemir im Wahlkampf zu helfen.
Der grüne Spitzenkandidat für die Wahl am 8. März hat Rückstand auf die CDU, aber nicht mehr so viel wie es schon mal war. Deshalb mobilisiert Özdemir dieser Tage, was geht, vorzugsweise Leute, die weit über die Grünen hinaus populär wurden. Zuletzt ließ er sich von Tübingens umstrittenem Oberbürgermeister Boris Palmer trauen, der inzwischen sogar als möglicher Minister gehandelt wird. Özdemirs zweite Frau ist auch nach Biberach gekommen und hört, wie nun Joschka Fischer sagt, Özdemir, sei „der beste Kandidat, den ich mir vorstellen kann“.
Joschka Fischer im Wahlkampf: Kann er es noch?
Fischer war ein leidenschaftlicher Wahlkämpfer. Die letzten Reden hielt er 2005. Seine Bustour damals endete nach 14.000 Kilometern quer durch Deutschland, mehr als 70 Auftritten und literweise Salbeitee für die geschundene Stimme. Zwischendurch flog er noch kurz vor dem Wahltag zur Generalversammlung der Vereinten Nationen nach New York. Die Grünen holten ein ordentliches Ergebnis, aber Rot-Grün war vorbei. In der ersten Fraktionssitzung verzichtete Fischer auf jegliches Führungsamt („Ich will meine Freiheit wiederhaben“) und verabschiedete sich an der Fahrstuhltür im Bundestag von den Journalisten mit den Worten: „Ciao, ragazzi.“ Im Juni 2006 gab er auch sein Bundestagsmandat ab. In einem Interview sagte er zuvor: „Ich war einer der letzten Live-Rock-’n’-Roller der deutschen Politik.“
Jetzt also, nach mehr als 20 Jahren, lässt er sich noch mal in die Pflicht nehmen. Journalisten sind auch wieder da. Und Fischer macht einen auf Mick Jagger, aber nur ausnahmsweise. Kann er’s noch?
„Du sprichst das schönste Schwäbisch“, sagt Fischer zu Özdemir. Er vermag das zu beurteilen, denn auch wenn er als Frankfurter Straßenkämpfer bekannt wurde, ist Fischer doch in Gerabronn geboren und in Nordwürttemberg aufgewachsen. Wie gut das Schwäbisch seines Gegenkandidaten Manuel Hagel von der CDU sei, wisse er nicht, sagt Fischer. Er habe ihn „noch nie gehört, aber auch nicht das Gefühl, etwas versäumt zu haben“. Das kommt an im Saal.
Fischer würdigt Winfried Kretschmann, den ersten Ministerpräsidenten der Grünen, der nun nach 15 Jahren abtritt. Er sitzt auch im Saal. Kretschmann und Fischer kennen sich seit Mitte der 80er-Jahre des vorigen Jahrhunderts, Kretschmann war Referent im Büro des hessischen Umweltministers Fischers. „Du kannst stolz sein auf Dich. Du hast Unmögliches vollbracht“, sagt Fischer mit Blick auf Kretschmanns 15 Jahre an der Regierung, „und das mit einer Partei, die nicht immer einfach war“. Er wisse, wovon er rede, sagt Fischer, der die Grünen stets führte, aber nie ihr Vorsitzender war, und der seine Popularität auch der Tatsache verdankte, dass er gerne demonstrativ leidend an seiner Partei verzweifelte.
Der Moment, in dem niemand klatscht
Ein bisschen was von dieser Partei hat sich erhalten, auch hier in Biberach. Ein Dritte-Welt-Laden verkauft faire Schokolade mit Holunderblüten und Minze, das Friedensbündnis Biberach hat ein Plakat aufgehängt: „Kriegsdienstverweigerung ist ein Menschenrecht.“ Fischer hat jüngst in einem Interview gesagt: „Als junger Mann würde ich mich freiwillig zum Wehrdienst melden.“ Später wird er in seiner Rede mahnen, die Mütterrente sei in diesen Zeiten die falsche Priorität, es gehe jetzt darum, die Verteidigungsfähigkeit zu stärken. Es ist die einzige Stelle in Fischers Rede, an der niemand klatscht. Einige nicken immerhin.
Beim Konkurrenz-Bashing läuft es bedeutend besser. Dass der CDU-Kandidat Hagel das Erbe des populären Ministerpräsidenten Kretschmann für sich reklamiere, nennt Fischer Erbschleicherei. Allmählich legt sich wieder das Krächzen in die Stimme, das seinen Reden früher einen leicht aggressiven Unterton gab. Der Kandidat, sagt Fischer, habe allenfalls Anspruch auf das Erbe von Stefan Mappus. Gejohle im Saal. Mappus war der vielleicht ehrgeizigste, ganz sicher aber glückloseste Ministerpräsident Baden-Württembergs. Der CDU-Mann ging 2011 zwischen der Atomkatastrophe von Fukushima und dem Streit um den Bahnhof Stuttgart 21 nach nur 15 Monaten im Amt sang- und klanglos unter.
Natürlich darf auch ein außenpolitischer Teil nicht fehlen. Er sei ja immer ein Pessimist gewesen, sagt Fischer. Aber selbst seine Fantasie habe nicht gereicht, sich vorzustellen, dass ein amerikanischer Präsident die Zerstörung der Europäischen Union betreiben, die Nato infrage stellen und die Ukraine zugunsten des Aggressors Wladimir Putin verraten könne. „Macht Euch da keine Illusionen, wir gehen durch eine schwere Zeit“, sagt Fischer.
Den innenpolitisch größten Gegner sieht er in der AfD. Sie wolle ein anderes Deutschland und „zurück hinter Adenauer“. Gegen Trump und die AfD müsse man an der Westintegration und an der EU festhalten. „Ohne dieses Europa sind wir nichts“, sagt Fischer. „Das muss in die Köpfe rein.“
20 Minuten – dann ist er fertig
Fischer tänzelt ein wenig auf dem schmalen Grat zwischen politischer Erfahrung und persönlichem Alter. Einmal bezeichnet er sich selbst als „alten Gaul, der nicht loslassen kann“. Einmal beginnt er einen Satz mit den Worten: „Mich als alten Mann treibt um …“.
Es ist keine Rede wie früher, wie könnte sie es auch sein. Aber sie erfüllt ihren Zweck. 20 Minuten redet Fischer. Dann ist das Comeback Geschichte. Viele wird es nicht mehr geben.
Der Ehrengast geht unter Applaus zurück zu seinem Platz. Die Leute im Saal erheben sich.
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