Für historische Verdienste um die europäische Einigung wird der ehemalige Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, mit dem Karlspreis 2026 ausgezeichnet. Mit dem ehemaligen italienischen Regierungschef ehre man eine Persönlichkeit, „die zielgerichtet und mit unerschütterlicher Entschlossenheit Großes für Europa geleistet hat“, begründete das Karlspreis-Direktorium seine Entscheidung.

Der Preisträger habe „in einer dramatischen Situation den Euro gerettet“, sagte der Vorsitzende des Karlspreis-Direktoriums, der frühere nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU), bei der Verkündung am Samstag in Aachen. Draghi habe zudem „Italien in einer Krisensituation stabilisiert und reformiert“.

Laschet ging in seiner Begründung vor allem auf Draghis berühmte „Whatever it takes“-Worte während der Schuldenkrise 2012 ein. Mit seiner Aussage „Die Europäische Zentralbank wird alles tun, was nötig ist, um den Euro zu schützen“ hatte der damalige EZB-Präsident die Finanzmärkte beruhigt.

„Sein Wort ‚Whatever it takes‘ gilt heute mehr denn je“, sagte Laschet. Es sei deshalb der Appell des Karlspreis-Direktoriums an die Regierungschefs Europas und die EU-Kommission: „Überwindet das Kleinklein, whatever it takes gilt jetzt für Wettbewerbsfähigkeit und Handlungsfähigkeit Europas.“ Diese müssten nun das umsetzen, was Draghi in einem im Auftrag der EU erstellten Report gefordert habe.

Draghi hatte darin gemahnt, dass die Europäische Union dringend innovativer werden müsse, wenn sie nicht den Anschluss an konkurrierende Wirtschaftsmächte wie die USA und China verlieren wolle. Das Karlspreis-Direktorium schließt sich dieser Einschätzung an: „Die Lage ist dramatisch“, schrieb es in seiner Begründung. „Europa droht zum Spielball anderer Mächte zu werden.“ Seine Handlungsfähigkeit könne Europa nur sichern, wenn es wettbewerbsfähiger werde. Wirtschaftliche Stärke sei die Basis für alles andere.

Draghi ist nach eigenen Worten „äußerst dankbar“ für die Zuerkennung des Karlspreises. „Diese Entscheidung kommt zu einer Zeit, zu der Europa viele Feinde hat – vielleicht mehr Feinde denn je, sowohl innere als auch äußere Feinde“, sagte der frühere italienische Ministerpräsident in einer eingespielten Videobotschaft während der Verkündung. Um die Europäische Union zu bewahren, müssten die Europäer enger denn je zusammenstehen, mahnte er. „Wir müssen unsere selbst verschuldeten Schwächen überwinden. Und wir müssen stärker werden: militärisch, wirtschaftlich und politisch.“

„Die Schwachstellen nehmen zu“, sagt Draghi

Draghi (78) selbst hatte sich kürzlich ernüchtert über den Stand der bisherigen Umsetzung seiner Empfehlungen geäußert. „Die Schwachstellen nehmen zu“, konstatierte er in einer Rede in Brüssel. Vor diesem Hintergrund bezeichnete das Direktorium die Zuerkennung des Karlspreises an Draghi zum jetzigen Zeitpunkt als „ein bewusst gesetztes“ Signal an die Entscheidungsträger in Brüssel: „Wir fordern die Europäische Kommission und europäischen Staats- und Regierungschefs auf, jetzt den Draghi-Report umzusetzen“, so das Karlspreis-Direktorium.

Der Karlspreis war kurz nach dem Zweiten Weltkrieg von Aachener Bürgern gestiftet worden. Er ist nach Kaiser Karl dem Großen benannt, dessen Frankenreich sich im Frühmittelalter über weite Teile Westeuropas erstreckte und der deshalb manchmal als „Vater Europas“ bezeichnet wird. Seit vergangenem Jahr ist der Karlspreis mit einem Preisgeld von einer Million Euro verbunden, gestiftet von einem Aachener Ehepaar. Dieses Geld soll proeuropäischen Projekten zugutekommen.

Zu den ersten Preisträgern gehörten Bundeskanzler Konrad Adenauer (1954) und der ehemalige britische Premierminister Winston Churchill (1955). Im vergangenen Jahr ging der Preis an EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Der letzte Italiener, der den Preis erhielt, war 2009 der Friedensvermittler und Gründer der katholischen Gemeinschaft Sant’Egidio, Andrea Riccardi.

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