Ist "Sondervermögen" tatsächlich ein Unwort?
Pro: Schulden sollten Schulden genannt werden
Was denken Sie, wenn Sie an Vermögen denken? An das Geld, das sie gerne auf dem Konto hätten? An die Ferienwohnung in der Toskana, die sie dem Nachbarn neiden? Oder den Picasso, den sie gerne auf ihrem Dachboden fänden?
Wer weiß. Die individuellen Umstände und Wünsche sind verschieden. Woran Sie aber bestimmt nicht denken: an den Dispositionskredit. An die Hypothek auf das Haus. An den Ratenkredit für Ihr Auto.
Doch genau das ist es, was Regierungen in Deutschland seit Jahrzehnten suggerieren, ob nun im Bund oder in den Ländern: Sie sprechen von "Sondervermögen" – und meinen doch Sonderschulden. Deshalb hat die Marburger Sprachjury den Begriff zu Recht zum "Unwort des Jahres 2025" gekürt.
Natürlich ist "Sondervermögen" erst einmal ein Fachterminus, eine technische Umschreibung für einen abgetrennten Bereich in einem öffentlichen Haushalt, der einem bestimmten Zweck gewidmet ist. Das Geld muss gar nicht aus Krediten stammen, sondern kann auch aus dem Etat oder aus eigenen Einnahmen kommen.
Doch inzwischen sind alle sogenannten Sondervermögen, die in der Öffentlichkeit debattiert werden, vor allem oder ausschließlich aus Krediten finanziert. Es sind schlicht Schuldentöpfe – die, das ist das Praktische an ihnen, von der Schuldenbremse ausgenommen werden können.
Nachdem 2022 der Bundestag ein "Sondervermögen" für die Bundeswehr in Höhe von 100 Milliarden Euro schuf, beschloss er im vergangenen Jahr die Kreditaufnahme von 500 Milliarden Euro für Investitionen.
Die halbe Billion Euro, also die größte Schuldenaufnahme in der Geschichte der Bundesrepublik, wurde nach der Bundestagswahl mal eben von den alten Mehrheiten des de facto abgewählten Parlaments beschlossen und war ein glatter Bruch des Wahlversprechens der Union. Mehr noch: Ein großer Teil davon dürfte in laufende Ausgaben fließen. Die Schulden, die für Investitionen vorgesehen waren, werden für Wahlgeschenke verfrühstückt.
Die "Unwort"-Jury schreibt, dass viele Bürgerinnen und Bürger nicht mit der Spezialbedeutung des Begriffs "Sondervermögen" vertraut seien und sich an der Alltagsbedeutung orientierten. Das verleihe dem Wort eine "irreführende, euphemistische Bedeutung".
Das ist noch freundlich formuliert. In einer Demokratie müssen die Regierenden ihre Handlungen transparent kommunizieren, sonst sinkt das Vertrauen der Regierten. Dazu gehört auch eine transparente Sprache.
Das bedeutet auch: Schulden müssen Schulden genannt werden. Übrigens auch von uns Journalistinnen und Journalisten.
Contra: "Sondervermögen" ist kein Unwort – sondern die Wahrheit
Mit der Wahl erweisen die Sprachhüter der politischen Kultur einen Bärendienst. Statt einen Beitrag zu einer aufgeklärten politischen Debatte zu leisten, fallen sie zurück in ein Denkmuster, das Deutschland seit mindestens zwei Jahrzehnten schadet und lähmt.
Zumal die Begründung allzu wohlfeil daherkommt. Der Bürger könne den Fachbegriff falsch verstehen, heißt es in der Jury-Begründung. Der "Gebrauch des Technizismus in der öffentlichen Kommunikation" verdecke, was gemeint sei. Lachhaft.
Die Debatte zum Sondervermögen ging hoch und runter. Nicht einmal die oft bemühte schwäbische Hausfrau dürfte noch glauben, dass es sich bei einem Sondervermögen um Reichtümer handelt, die dem Staat irgendwie zugeflogen sind.
Es ist ein rechtlicher Kniff, eine dieser typisch deutschen Verrenkungen, zu denen die hiesige Politik dank dogmatischer Fiskalregeln immer wieder gezwungen ist und die Europa im internationalen Wettbewerb immer weiter zurückfallen lassen.
Es war ein Befreiungsschlag, dass die neue Koalition aus Union und SPD im Frühjahr 2025 ihre jahrelangen Grabenkämpfe um die Schuldenbremse im Grundgesetz überwunden und endlich mehr Investitionen in die Bundeswehr und die Modernisierung der öffentlichen Infrastruktur angeschoben hat. All die täglichen Missstände im Land, kaputte Straßen, marode Schulen, eine Bahn, die nicht kommt, gehen auch auf fehlende Investitionen und einen übertriebenen Sparwahn zurück.
Die eigentliche Schwäche der Jury-Entscheidung liegt aber woanders: Der Begriff Sondervermögen ist gar nicht irreführend, sondern entlarvt vielmehr die stereotype Debatte in Deutschland über den Sinn von Schulden.
Idealerweise ist der volkswirtschaftliche Gewinn aus dieser verbesserten Infrastruktur sogar höher als die Zinsen, die das Land für die neuen Schulden bezahlen muss. Dann wären sie sogar ein gutes Geschäft. Das zeigen alle einschlägigen Studien.
Dass also hier Schulden als Vermögen deklariert werden, ist nicht zwingend eine Beschönigung, sondern ein Beitrag zur wirtschaftlichen Aufklärung. Ärgerlich ist allenfalls, dass viele Milliarden nicht in die Infrastruktur fließen werden. Das ändert aber nichts daran, dass man mit Schulden, wenn man es richtig macht, auch ein Vermögen aufbauen kann.
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