Peter Ostendorf sagt, er könne sich noch gut an einen seiner ersten Patienten erinnern: „Das war 2013 ein deutscher Architekt, der an einem großen Bauvorhaben gescheitert war. Er war in die Insolvenz gerutscht und konnte sich die Krankenkassenbeiträge nicht mehr leisten. Das ging lange gut, er war ja völlig gesund – bis zehn Jahre später ein Tumor entdeckt wurde. „Der Mann wäre in kürzester Zeit gestorben, wenn wir ihn nicht behandelt hätten“, erzählt der 87-jährige pensionierte Arzt. Denn in seiner Praxis in Hamburg werden ausschließlich Menschen ohne Krankenversicherung behandelt.

Dass es eines solchen Ortes trotz der seit 2009 geltenden allgemeinen Versicherungspflicht offenbar bedarf, wirft Fragen auf: Wie viele Unversicherte leben in Deutschland? Was ist der Grund dafür, dass sie keine Krankenversicherung haben? Und wie könnten Lösungen für dieses augenscheinliche Problem aussehen?

Laut Statistischem Bundesamt waren im Jahr 2023 rund 72.000 Menschen in Deutschland nicht krankenversichert. Davon waren 61 Prozent Männer und 75 Prozent Nichterwerbspersonen wie unter anderem Rentner und außerdem Studenten ab dem 26. Lebensjahr. „Über diese Zahl kann ich mich nur wundern“, sagt Ostendorf und fährt fort: „Allein, wenn wir uns an der Zahl der Obdach- und Wohnungslosen orientieren, können wir von mindestens 400.000 bis 500.000 unversicherten Deutschen ausgehen.“

Die meisten seiner Patienten seien Migranten ohne Papiere oder Menschen aus EU-Staaten ohne Aufenthaltsgrund. Früher seien sie hauptsächlich aus Rumänien und anderen osteuropäischen Staaten gekommen, heute vor allem aus Schwarzafrika. Deutsche machten etwa zehn Prozent seiner Patienten aus, sagt Ostendorf. Er nennt sie „Einzelkämpfer“, denn häufig kämen sie erst nach Jahren, wenn ihre jeweilige Erkrankung schon stark fortgeschritten sei. „Sie schämen sich, dass sie so arm geworden sind, dass sie unsere Praxis aufsuchen müssen“, sagt der Arzt.

Auch Jürgen Wasem, Politikberater und Professor für Medizinmanagement an der Universität Duisburg-Essen, kritisiert die offiziellen Daten des Statistischen Bundesamtes: Diese seien nur eine Hochrechnung – „wer unter der Brücke lebt, nimmt aber nicht am Mikrozensus teil“, so Wasem. Beziehe man zusätzlich zur Obdachlosigkeit noch die Migration ein, käme man wahrscheinlich auf eine halbe bis eine Million unversicherte Menschen in Deutschland.

Besonders stark betroffen seien auch Selbstständige: „Wenn der Frittenbuden-Besitzer an der Ecke vor der Wahl steht, ob er sich ein neues Frittenbuden-Gerät kauft oder seinen Beitrag zahlt, und er halbwegs gesund ist, ist die Entscheidung eigentlich klar“, sagt Wasem. Hinzu kämen Menschen, die aus dem Ausland ohne Versicherung nach Deutschland zurückkehrten. Wie man allerdings durch den sogenannten Notlagentarif rutschen könne, bliebe auch für ihn ein „Faszinosum“.

„Vielen könnten Anspruch auf Basistarif haben“

„Der Notlagentarif wurde für Privatversicherte mit vorübergehenden Zahlungsschwierigkeiten eingeführt, zum Beispiel Selbstständige mit einer Auftragslücke“, erklärt Dominik Heck, Sprecher des Verbandes Privater Krankenkassen. Durch den vergünstigten Tarif sollten Rückstände weniger stark wachsen – dafür seien die Leistungen limitiert. Bei den gesetzlichen Krankenkassen sei das ähnlich. „Diese Grundabsicherung beinhaltet nur die Behandlung von akuten Erkrankungen und Schmerzzuständen sowie bei Schwangerschaft. So soll verhindert werden, dass Menschen dauerhaft keine Beiträge zahlen, weil ihnen der Notlagentarif ausreicht“, so Heck. Die durchschnittliche Verweildauer in diesem Tarif habe zuletzt 18 Monate betragen.

Auch abseits des reduzierten Notlagentarifs dürfe in Deutschland niemand hilfebedürftig werden, weil er seine Krankenversicherung bezahlen muss. Selbst wenn Menschen nicht akut bedürftig seien, gebe es deswegen oft die Möglichkeit für einen Zuschuss, erklärt Heck weiter. „Viele derer, die in einer ‚Praxis ohne Grenzen‘ behandelt werden, könnten Anspruch auf Aufnahme in den Basistarif haben, aber sind entweder von der Bürokratie überfordert oder kennen ihre Rechte nicht“, so Heck. Für Menschen, die zum Beispiel Grundsicherung beziehen, springe ein entsprechender Träger wie das Jobcenter ein.

„Viele ehemals privat versicherte Patienten haben das Pech, dass die Kassen erwarten, dass alle nicht gezahlten Beiträge beglichen werden, bevor der Patient zum Normaltarif zurückkehren kann“, erklärt Arzt Ostendorf einen weiteren möglichen Grund. Schon als er noch Chefarzt am Marienkrankenhaus in Hamburg gewesen sei, habe er regelmäßig Unversicherte behandelt – „für die seelische Hygiene“, wie es ein Kollege einmal genannt habe. Nach seiner Pensionierung habe er zwar keine zehn Stunden am Tag mehr arbeiten, aber auch nicht untätig sein wollen – und deshalb die „Praxis ohne Grenzen“ gegründet und damit der Gesellschaft etwas zurückgeben wollen.

„Wir müssen niemanden zum Facharzt überweisen, weil wir alle im Haus haben“, sagt Ostendorf. Sie müssten sich dabei weder um Geld noch die Kassenärztliche Vereinigung kümmern und hätten Zeit für alles, was in einer normalen Praxis aufgrund übermäßiger Belastung nicht möglich sei. Einer seiner Kollegen habe deswegen vor kurzem gesagt, so habe er sich die Arbeit in der Medizin immer vorgestellt. Einmal wöchentlich behandelten er und sein Team auf vier Etagen zwischen 120 und 160 Patienten in ihrer Poliklinik, sagt Ostendorf. Die Arbeit der 52 Ärzte und 24 medizinischen Fachangestellten werde ausschließlich durch Stiftungen und Spenden finanziert. Jährlich müssten dafür etwa 400.000 Euro aufgebracht werden.

Für viele normale Krankenhäuser sei die Vergütung von Unversicherten hingegen ein Problem, erklärt Professor Wasem: „In Deutschland besteht eine vergleichsweise strikte Behandlungspflicht. Einen Behandlungsbedürftigen können sie nicht so leicht wieder nach Hause schicken.“ Das führe dazu, dass Krankenhäuser und Arztpraxen Patienten behandeln müssten, für die sie kein Honorar erhalten. Die Kosten müssten sie selbst tragen – und die seien häufig überdurchschnittlich hoch: „Solange du den Kopf nicht unter dem Arm hast, wirst du nicht behandelt. Aber wenn du den Kopf unter dem Arm hast, musst du dringend behandelt werden – und der Kopf unter dem Arm ist teurer als der Kopf auf dem Rumpf“, sagt Wasem.

Er erzählt, er habe deswegen schon vor Jahren als Teil einer Arbeitsgruppe mit dem Bundesgesundheitsministerium gefordert, einen Finanzierungspool einzurichten, über den man betroffene Häuser zumindest teilweise vergüten könne. Diese Überlegungen seien beim Wechsel von der ersten schwarz-roten Merkel-Koalition auf Schwarz-Gelb 2009 aber eingestellt worden. Außerdem sei ein Kontrollmechanismus, ähnlich wie für Schwarzarbeit, vorstellbar – um zumindest einen besseren Überblick zu bekommen.

Angebote wie die „Praxis ohne Grenzen“ fände er gut, sagt Wasem – auch, wenn es besser wäre, eine systemische Lösung zu finden, statt auf private Initiativen angewiesen zu sein. Beim Thema Unversicherte gebe es aber leider immer einen Zielkonflikt: „Wer längere Zeit lang unversichert ist und sich wieder versichern will, muss normalerweise die Beiträge mehrerer Jahre nachzahlen. Das hält viele davon ab, das zu tun. Wenn das aber nicht so wäre, würde jeder von uns warten, bis er krank wird, und sich dann erst krankenversichern. Davor muss die Solidargemeinschaft geschützt werden.“

„Wir können nicht erreichen, dass alle Menschen – auch die, die ohne Papiere in Deutschland leben – krankenversichert werden. Das ist politisch nicht umzusetzen“, stellt Arzt Ostendorf fest. Er fährt fort: „Wir fordern aber, dass alle Kinder, die länger als sechs Monate in Deutschland leben, in eine gesetzliche Krankenkasse aufgenommen werden.“ Kinder machten etwa zehn Prozent seiner Klientel aus – dabei könnten sie nichts dafür, wenn sie nach Deutschland gebracht würden und unter medizinischen Problemen litten, häufig, weil notwendige Vorsorgeuntersuchungen oder Impfungen im Herkunftsland nicht möglich gewesen seien.

Falls Sie sich für die „Praxis ohne Grenzen“ interessieren, finden Sie auf dieser Website weitere Informationen.

Politikredakteurin Uma Sostmann schreibt über gesellschaftspolitische Themen.

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