Einige schauen betreten zu Boden, andere versuchen, die dröhnende Stille mit fleißigem Mitschreiben zu überspielen. Als Kubas Machthaber Miguel Díaz-Canel zur großen Selbstkritik ausholt, herrscht Schweigen im Saal. „Wir müssen anfangen, darüber nachzudenken, dass das, was in Kuba schlecht läuft, vielleicht auch unsere Schuld als Partei ist“, sagt der Parteichef und Präsident Kubas in Personalunion vor wenigen Tagen.

Offenbar hat es sich inzwischen bis ganz nach oben im Machtapparat von Kubas alleinherrschender Kommunistischer Partei herumgesprochen, dass sich die schwere volkswirtschaftliche, politische und soziale Krise nicht mehr auf das US-Handelsembargo schieben lässt, unter dem die Insel seit Jahrzehnten leidet.

Der Hauptverantwortliche für Staat und Partei ist allerdings Díaz-Canel höchstpersönlich. Sein Eingeständnis ist angesichts der Drohungen aus Washington ein riskanter Drahtseilakt: Er will der wütenden Bevölkerung Entgegenkommen signalisieren, riskiert aber gleichzeitig, dass sich seine Kritiker ermutigt fühlen.

Hinzu kommt, dass er der erste nach der Revolution geborene kubanische Machthaber ist und ihm damit die „revolutionäre“ Aura der jahrzehntelang regierenden Castro-Brüder Fidel und Raúl fehlt.

Auf Kuba herrscht Endzeitstimmung. Denn der ideologische Riese ist volkswirtschaftlich ein Zwerg, der seine Bevölkerung nicht mehr versorgen kann – oft fällt tagelang der Strom aus, es fehlen Lebens- und Arzneimittel. Die Bürger sind wütend und verlieren allmählich die Angst vor den mächtigen kommunistischen Eliten.

US-Präsident Donald Trump wittert diese Schwäche des kommunistischen Erzfeindes vor der Haustür und fordert Kuba zur Einigung auf, „bevor es zu spät ist“. Wie diese Einigung aussehen könnte, sagt er nicht, findet aber die Idee prima, dass Außenminister Marco Rubio, der in den USA geborene Sohn kubanischer Einwanderer, Präsident Kubas werden solle.

Trump kündigt an, es werde „kein Öl und kein Geld mehr“ aus Venezuela geben. Vor allem die subventionierten Öllieferungen aus Venezuela sind aber für die Energieversorgung Kubas überlebenswichtig.

Ob Öl aus Mexiko diese Lücke schließen kann, ist fraglich. Mexikos linksgerichtete Präsidentin Claudia Sheinbaum zeigt sich jedenfalls solidarisch mit Kuba und riskiert dadurch einen Streit mit der Trump-Administration.

Zudem kann Washington noch eine zweite scharfe Waffe einsetzen: Die Regierung kann die Auslandsüberweisungen von Exil-Kubanern aus den USA in die Heimat stoppen. Unabhängigen Schätzungen zufolge machten die Überweisungen zwischen 2005 und 2020 sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) der Insel aus.

„Die kubanische Wirtschaft ist bankrott, sie erlebt ihre schlimmsten Zeiten. Die politische Lage könnte nicht schlechter sein“, sagt José Daniel Ferrer im Gespräch mit WELT. Der Gründer der offiziell verbotenen Oppositionspartei Unión Patriótica de Cuba ist der international bekannteste Dissident Kubas.

Der 55-Jährige verbrachte die vergangenen Jahre in Haft und wurde dort nach eigenen Angaben verprügelt und gefoltert. Im Oktober stimmte er unter diesem Druck einer Zwangsausbürgerung in die USA zu. WELT erreicht ihn telefonisch in Miami.

Die Hoffnung in Reihen der Opposition, dass es nun mit einer Demokratisierung, klappt, ist groß: „Wir träumen von einem Übergang nach tschechoslowakischem Vorbild“, sagt Ferrer. In dem Land gelang 1989 die friedliche Transformation von einer kommunistischen Diktatur zu einer Demokratie.

Ferrer sieht die Opposition, obwohl sie in keiner offiziellen kubanischen Institution vertreten ist, in der Lage, die Macht im Land zu übernehmen: „Auch wenn es nicht so scheint, gibt es in den Reihen der Opposition genügend Werte, menschliche Qualitäten, genügend Wissen und Erfahrung, sowohl bei den Oppositionellen, die noch in Kuba leben, als auch bei vielen im Exil lebenden Oppositionellen.“

Ferrer ist sich sicher, dass „die prodemokratischen Kräfte eine entscheidende, führende Rolle bei der Demokratisierung und dem Wiederaufbau unserer Nation spielen können“.

Eine entscheidende Rolle soll dabei auch Marco Rubio bekommen: „Wir halten ihn für einen großen Freund des kubanischen Volkes, für einen sehr fähigen, sehr intelligenten Politiker, der wie kaum ein anderer die Realität Kubas versteht.“ Rubios Traum ist auch der vieler Republikaner in den USA: ein vom kommunistischen Regime befreites Kuba. Aktuell scheint sich dafür ein Fenster aufzutun.

Die Entmachtung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro durch die USA hat Kuba wirtschaftlich getroffen, aber auch politisch. Denn die US-Militäroperation hat gezeigt, dass die zum Schutz von Maduro entsandten kubanischen Agenten ihn nicht schützen konnten. Zum anderen ist damit die Lüge beider Regime widerlegt, Maduro habe gar keine kubanische Leibgarde gehabt. Die offiziell bis dato nicht existierenden Leibwächter werden jetzt in Särgen nach Havanna zurückgebracht.

„Trump verleiht seinen Drohungen Nachdruck“

Zudem hat Washington damit sein Drohpotenzial erhöht. „Präsident Trump versteht, dass seine Drohungen nicht nur in Venezuela an Glaubwürdigkeit gewonnen haben. Er versucht nun, den anderen Drohungen, die er ausgesprochen hat, Nachdruck zu verleihen“, sagt Evan Ellis, Professor für Lateinamerika-Studien am U.S. Army War College, im Gespräch mit WELT. Das gelte für Kuba genauso wie für Grönland.

Eine Invasion hält Ellis für unwahrscheinlich, obwohl das US-Militär in der Karibik vor der Tür stehe. Es sei nicht einmal klar, ob die USA in Venezuela wirklich das Sagen hätten, und ob eine militärische Intervention der USA das kubanische Regime überhaupt im traditionellen Sinne stürzen würde.

„Eine Verschärfung des Drucks ist möglich, aber wir sind noch weit von einer größeren militärischen Intervention der USA in Kuba entfernt“, sagt Ellis. Wahrscheinlicher sei eine wie auch immer geartete Kooperation mit dem Machtapparat Kubas. Der könnte dann allerdings Díaz-Canel zum Opfer fallen.

Tobias Käufer ist Lateinamerika-Korrespondent. Im Auftrag von WELT berichtet er seit 2009 über die Entwicklungen in der Region.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke