• Ärzte lagern ihr Rechnungswesen häufiger an Firmen aus, um Bürokratie zu senken und schneller Geld zu erhalten
  • Gesundheitsdaten gelangen so an Finanzdienstleister und Auskunfteien, was Datenschutzprobleme verursacht.
  • Datenschützer und Informatiker empfehlen als Alternative ärztlich geleitete Vereine und digitale Lösungen

Dirk Wagner ist Zahnarzt in Magdeburg und Sprecher von Sachsen-Anhalts Zahnärztekammer. Seine Praxis schreibt ihre Rechnungen selbst. Er sagt allerdings: "Die Abrechnung wird immer komplizierter, man braucht eine entsprechende Kraft, die sich damit beschäftigt, dass die rechtlichen Voraussetzungen erfüllt werden. Und diesen bürokratischen Aufwand versuchen Zahnarztpraxen zu delegieren an entsprechende Firmen."

Ein weiterer Vorteil, wenn etwa Zahnärzte und Kieferorthopäden die Rechnungsstellung auslagern: So bekommen sie ganz bestimmt ihr Geld und das auch noch schneller. Wie viele Ärzte mit Abrechnungsfirmen zusammenarbeiten, wissen Ärztevertreter nicht. Klar sind aber die Folgen für Patienten. Sie haben Schulden bei Firmen, die für sie gar keine Leistung erbracht haben. Allerdings können Patienten ihre Zahnarztrechnung auf diese Weise in – teureren – Raten zahlen.

Gesundheitsdaten werden an einen Dritten weitergegeben. Und dieser Finanzdienstleister, der unterliegt nicht mehr einer Schweigeverpflichtung, keinem Zeugnisverweigerungsrecht, so wie es bei Ärzten ist.

Thilo WeichertEx-Datenschutzbeauftragter Schleswig-Holstein

Gesundheitsdaten liegen beim Finanzdienstleister

Die Firmen, die das anbieten, heißen Mediserv, Zahnärztliche Abrechnungsgesellschaft AG oder BFS Health Finance, die zum Beispiel zum Bertelsmann-Konzern gehört. Der ehemalige Datenschutzbeauftragte von Schleswig-Holstein, Thilo Weichert, kritisiert, dass Ärzte ihre Patienten nicht gut genug aufklären. Es gehe nicht nur um Geld, sondern auch um Daten. "Gesundheitsdaten werden eben an einen Dritten weitergegeben. Und dieser Finanzdienstleister, der unterliegt jetzt nicht mehr einer Schweigeverpflichtung, keinem Zeugnisverweigerungsrecht, so wie es bei Ärzten ist. Außerdem ist in diesen Einwilligungen regelmäßig versteckt eine Anfrage bei Auskunfteien."

Gesundheitsdaten könnten also bei der Schufa, bei InfoScore oder bei Creditreform landen. Dabei gehören Gesundheitsdaten zu den besonders geschützten personenbezogenen Daten. Außerdem problematisch: Bei Zahnspangen geht es um Gesundheitsdaten von Minderjährigen.

Klarna ist ein bekannter Factoring-Anbieter für den Handel mit Privatkunden.Bildrechte: IMAGO / CHROMORANGE

Weichert bezeichnet das Geschäftsmodell der Firmen als eine Kommerzialisierung des Gesundheitswesens, die nicht im Sinne der Patienten sei. Der Fachbegriff dafür: Factoring. Damit werden im Gesundheitswesen jährlich etwa 76 Milliarden Euro umgesetzt. Das geht aus Zahlen des Deutschen Factoring Verbands hervor. Die Umsätze stiegen stetig, teilt der Verband auf Anfrage von MDR AKTUELL mit. Aber wie viel Geld Patienten an Factoring-Unternehmen zahlen – das weiß niemand. Genauso wenig, ob die Arbeit dieser Firmen das Gesundheitswesen besser oder schlechter machen.

Vereine oder Genossenschaften sind Alternativen zum Factoring

Datenschützer Weichert sagt, Ärzte könnten ihre Abrechnungen besser über ärztlich geleitete Vereine oder Genossenschaften machen – denn diese würden der Schweigepflicht unterliegen. Das findet auch Medizininformatikerin Caroline Bönisch von der Hochschule Stralsund sinnvoll: "Denn das würde natürlich auch die Anzahl externer gewinnorientierter Akteure deutlich reduzieren und die Kontrolle über diese sensiblen Patientendaten im Gesundheitswesen selbst wieder belassen." Insgesamt sei Factoring aber eher ein Symptom struktureller Probleme, also zum Beispiel übermäßiger Bürokratie oder eben auch fehlender Digitalisierung im Gesundheitswesen als tatsächlich eine nachhaltige Lösung.

Medizininformatikerin Bönisch blickt vor allem auf digitale Abrechnungsprozesse im Gesundheitswesen. Sie sagt, Ärzte würden zwar kurzfristig entlastet, langfristig führe eine Kommerzialisierung aber zu neuen Abhängigkeiten. Bei Bönisch fällt auch das Stichwort IT-Sicherheit. Denn Gesundheitsdaten liegen durch Factoring im Gesundheitswesen mittlerweile nicht mehr nur bei Ärzten und Krankenkassen, sondern auch bei Dritten – ein weiteres mögliches Angriffsziel also für Hacker.

MDR (ala)

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