Sabotageakte, Cyberangriffe und Desinformationskampagnen werden in der deutschen Sicherheitsplanung erstmals ausdrücklich als mögliche Vorstufe eines Krieges eingeordnet. Das geht aus einem vertraulichen Regierungsdokument hervor, das „Politico“ vorliegt. Diese Einschätzung ist im Operationsplan Deutschland (OPLAN) festgehalten — einer zentralen Blaupause dafür, wie Berlin im Nato-Bündnisfall die Verteidigung des deutschen Territoriums organisieren würde.

Der neue Teil-OPLAN richtet sich gezielt an Länder sowie Kommunen und legt den Fokus auf die zivile Verteidigung. Er soll Schnittstellen zwischen militärischen und zivilen Akteuren klären — etwa beim Schutz kritischer Infrastruktur, bei Transport und Logistik sowie bei der Aufrechterhaltung staatlicher Handlungsfähigkeit. Damit wird deutlich: Hybride Angriffe gelten nicht mehr als Begleiterscheinung, sondern als integraler Bestandteil militärischer Eskalation.

Wörtlich heißt es in dem Dokument, hybride Maßnahmen könnten „grundsätzlich der Vorbereitung einer militärischen Auseinandersetzung dienen“. Cyberoperationen, Sabotage oder Einflusskampagnen würden damit in die gleiche strategische Logik eingeordnet wie konventionelle militärische Schritte.

Die Neubewertung hat konkrete Folgen. Der OPLAN beschreibt Deutschland als zentrale „Drehscheibe“ der Nato — als Operationsbasis und Transitland für den Aufmarsch alliierter Truppen an der Ostflanke. Gerade deshalb sei die Bundesrepublik ein besonders wichtiges Ziel russischer Aktivitäten.

Russland werde, so heißt es im Plan, zunächst „verdeckt“ mit hybriden Angriffen agieren, um den Nato-Aufmarsch zu behindern oder zu verzögern. Erst später sei mit offenen militärischen Angriffen zu rechnen. Deutschland werde im Konfliktfall zu einem „priorisierten Ziel konventioneller Angriffe mit weitreichenden Waffensystemen“ — gegen militärische wie zivile Infrastruktur, heißt es in dem 24-seitigen Papier.

Als hybride Angriffe nennt der OPLAN unter anderem Spionage, Sabotage von Energienetzen, Rechenzentren, Bahn- und Verkehrsinfrastruktur, Flughäfen und Häfen, Desinformationskampagnen, Cyberangriffe sowie den Einsatz sogenannter „Low-Level-Agents“ oder angeworbener Kleinstkrimineller.

Der Plan ist die sicherheitspolitische Antwort auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und die wachsende Zahl hybrider Vorfälle in Deutschland. Er bildet die Grundlage für den integrierten deutschen Verteidigungsplan im Rahmen der Nato.

„Zahlreiche Aufgaben erfordern zivile Unterstützung“

Neu ist vor allem eine stärkere Einbindung ziviler Akteure. Der militärische Kern des OPLAN liegt seit März 2024 in hoch eingestufter Form vor. Das neue Papier gilt als „Light-Version“ und soll Länder und Kommunen in die Lage versetzen, ihren Beitrag zur Gesamtverteidigung zu leisten. Ohne zivile Unterstützung sei Verteidigung nicht möglich, heißt es. Transport, Energieversorgung, Gesundheitswesen und private Dienstleister gelten als unverzichtbar. „Zahlreiche Aufgaben erfordern zivile Unterstützung.“

Der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, Thomas Röwekamp (CDU), begrüßt die Erweiterung auf zivile Verteidigung in dem Papier aus dem Verteidigungsministerium: „Hybride Angriffe zielen darauf ab, Gesellschaft und Staat bereits vor einer militärischen Eskalation zu destabilisieren; deshalb sind leistungsfähige Heimatschutzkräfte und eine robuste zivile Verteidigungsfähigkeit ein entscheidender Faktor, um Deutschlands Sicherheit zu gewährleisten und unsere Rolle als verlässlicher Nato-Partner erfüllen zu können.“

Der OPLAN arbeitet mit einem Fünf-Phasen-Modell — von früher Bedrohungserkennung über nationale und kollektive Verteidigung bis zur Stabilisierung nach einem Konflikt. Deutschland befinde sich derzeit in der ersten Phase. Zugleich erhält die Bundeswehr im Inland eine größere Rolle. Heimatschutzkräfte sollen kritische Infrastruktur sichern, Truppenbewegungen schützen und staatliche Funktionen absichern.

Die Bedrohungslage ist dabei längst real. Sicherheitsbehörden registrieren eine Zunahme russischer Spionage-, Cyber- und Einflussoperationen. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt sprach zuletzt davon, Deutschland sei ein „tägliches Ziel hybrider Kriegsführung“.

Die Konsequenz des Plans ist klar: Der Krieg beginnt nicht erst mit militärischen Angriffen — sondern lange zuvor.

Rixa Fürsen ist Head of Podcast „Politico“ Deutschland.

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