„Damit ich jemanden töte“ – Wie die Mafia mit Gewaltverherrlichung ihren Nachwuchs sucht
Ein Video einer Autofahrt durch das nächtliche Wohngebiet einer süditalienischen Stadt: Die Scheinwerfer streifen parkende Autos, Wohnungen und eine Kirche. Dazu tönt eine aufputschende Elektromusik mit Gesang auf Italienisch. So weit, so unspektakulär.
Wäre da nicht die Schrift, die über dem Video liegt. Dort steht: „Das ist das Lied, das in meinem Kopf spielt, wenn die Ehrenwerte Gesellschaft mich anruft, damit ich jemanden töte🩸⛓️🥷“. Der Begriff Ehrenwerte Gesellschaft ist eine verherrlichende Selbstbezeichnung der Mafia. Und für alle, die das nicht wissen sollten, hat der Nutzer noch das Hashtag #mafia unter das Video gesetzt.
Veröffentlicht wurde es von einem anonymen Profil auf der Plattform Tiktok. In knapp drei Monaten ist es rund 84.000 Mal angeschaut worden und hat 4283 Likes eingesammelt. Ob es sich dabei um eine Inszenierung oder die Realität handelt, ist letztlich egal. Denn, wie eine Nutzerin kommentiert: „Kriminell zu sein, ist eine Mode geworden.“
Was in Mafiafilmen wie „Der Pate“ aufwendig inszeniert wird, macht die italienische Mafia in den sozialen Netzwerken in unzähligen Videos nun selbst. Sie zeigt das Leben von Kriminellen als scheinbar coolen Lifestyle. Mafiosi verbreiten vor allem über Tiktok ihre Symbole und Rituale, zeigen sich mit Ferraris, Louis-Vuitton-Taschen oder Stapeln von Geldbündeln und lassen die Marke Mafia so für manche Zuschauer erstrebenswert erscheinen.
Die Studie „Die Mafia im digitalen Zeitalter“, die Marcello Ravveduto von der Universität Salerno kürzlich herausgegeben hat, analysiert das Phänomen. Sie beschreibt unter anderem, wie Länder wie die Schweiz in dem Milieu als Kulisse genutzt werden, um Reichtum zu demonstrieren.
So postete etwa der 32-jährige „Danilone“ aus der süditalienischen Stadt Reggio Calabria auf Facebook Fotos des Luxushotels Kempinski Engadin – nur um wenig später für Straftaten im Zusammenhang mit Online-Wetten festgenommen zu werden.
Ravveduto sagt: „In Zeiten, in denen Aufmerksamkeit eine Währung geworden ist, sind auch die Mafiosi in das Geschäft eingestiegen.“ Die Prinzipien dieser Plattformen begünstigen dabei die Sichtbarkeit der mafiösen Inhalte: Je aufsehenerregender ein Post ist, desto häufiger wird er angeschaut und weiterverbreitet.
Dabei erstellen die Mafiosi ihre Inhalte oft für Nutzer aus ihrem Umfeld und geben sich nicht unbedingt eindeutig zu erkennen. Doch die Ästhetik spricht auch andere Nutzer an, die die Beiträge anschauen und weiterverbreiten – teils ohne den Hintergrund zu kennen.
Das galt etwa für den Fall des Kalabriers M. G., der in Muri im Kanton Aargau ein Restaurant betrieb und dessen Facebook-Profil laut dem Bericht „eine fast vollständige Zusammenfassung der zeitgenössischen kriminellen Ästhetik“ bot: eine weiße Limousine vor seinem Restaurant, Ferraris, einen muskulösen Bizeps, Löwen-Tattoos und Verweise auf seine vermeintliche Gottesfurcht.
2024 wurde er in Italien zu siebzehn Jahren Haft verurteilt, unter anderem wegen des Besitzes von zwanzig illegalen Pistolen, die in seinem Haus und im Restaurant in Muri sichergestellt wurden. Hinzu kommen sogenannte Mafiofili: Nutzer, die nicht zu einer kriminellen Organisation gehören, jedoch die Ästhetik nachahmen.
Die verstärkte Sichtbarkeit der Mafia in sozialen Netzwerken hat verschiedene Effekte. Der Wichtigste ist die Normalisierung des Milieus, was auch dazu führt, dass Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen in der Mafia eine Aufstiegsmöglichkeit sehen. Im Internet wird so indirekt Nachwuchs rekrutiert.
Doch die verschiedenen kriminellen Organisationen breiten auf diesem Weg gleichzeitig ihre Einflusssphäre aus: Denn auch online können Rivalen abgeschreckt und Kritiker eingeschüchtert werden. Zudem legitimieren die Mafiosi sich selbst, indem sie sich als loyal, mutig und ehrenvoll präsentieren.
Dabei formen sie ihre eigene Version der Realität, in der eine Haftstrafe nichts ist, wofür man sich schämt. Vielmehr posten Nutzer auf Tiktok Szenen ihrer eigenen Festnahme. Ravveduto erklärt: „Gefängnisaufenthalte gelten als Teil eines Wachstumsprozesses und als Zeichen von Authentizität.“ Sie seien ein integraler Teil des Lebens eines Mafioso, das aus Tod, Gefängnis und Reichtum bestehe.
Auch die Frauen spielen in den sozialen Netzwerken eine wichtige Rolle. Da ist etwa Tina Rispoli, die Witwe eines wichtigen Camorra-Bosses, die sich als Luxuslifestyle-Influencerin eine Anhängerschaft aufgebaut hat. Die Studie nennt Rispolis Fall ein Paradebeispiel für „glamouröses Storytelling, das den wirtschaftlichen Erfolg und die soziale Achtbarkeit“ hervorhebt und dabei eine Distanz zur negativen Konnotation von Kriminalität aufbaut.
Diese positive Umdeutung vollziehen auch die Ehefrauen von Inhaftierten, die auf Tiktok zeigen, wie sie Proviantpakete voller Schinken, Käse und Chips ins Gefängnis bringen und ihren „Freundinnen“, die sich in der gleichen Lage befinden, „eine gute Besuchszeit“ wünschen.
Wie erfolgreich dieses Narrativ in der breiten Bevölkerung verfängt, zeigt ein aktueller Trend auf Tiktok. Viele Nutzer posten dort Videos, die sie dank eines KI-Filters, also einer Videobearbeitung mit künstlicher Intelligenz, so aussehen lassen wie einen Mafia-Chef in Aktion.
So geht etwa eine normale junge Frau durch eine Tür und wird plötzlich von zwei Rottweilern und drei Hubschraubern flankiert. Sie zückt eine Pistole und schießt auf den Betrachter. Für wie normal die Nutzer den Effekt halten, zeigt, dass eine andere Nutzerin ihn auf ein Video ihres wenige Monate alten Kindes angewendet hat. Mit Schnuller im Mund und Rottweiler an der Seite feuert das Kind die Waffe ab.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke