Hausarzt zu Telemedizin: "Wegen Schnupfen 20 Kilometer fahren, muss nicht sein"
- Telemedizin fristet in Deutschland ein Nischendasein, zum Beispiel finden weniger als ein Prozent aller Arztbehandlungen per Video statt.
- Fachleute sehen in der Telemedizin enorme Chancen, das Gesundheitssystem effizienter aufzustellen.
- Digitale Instrumente könnten insgesamt helfen, die Versorgung gerade in ländlichen Gebieten abzusichern.
Dr. Robin John betreut regelmäßig Patientinnen und Patienten per Videocall.Bildrechte: Hausarztteam MVZ SchönebeckHausarzt Robin John ist per Video zum Gespräch mit MDR AKTUELL zugeschaltet. Das passt zum Thema. Denn auf diese Weise spricht der Hausarzt, der mit einem Dutzend Kolleginnen und Kollegen in einem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) zusammenarbeitet, auch mit vielen seiner Patientinnen und Patienten. "Wir haben regelmäßig am Vormittag Online-Gespräche. Da ist dann immer ein Arzt, der sich dem widmet. Und die Patienten sind nach meiner Einschätzung mit den üblichen Krankheitsbildern in der Videosprechstunde genauso gut versorgt wie in der Live-Sprechstunde."
John nennt als Beispiel Erkältungen und Magen-Darm-Erkrankungen oder "alles, was ungefährlich und zeitlich begrenzt ist." Der Mediziner sieht vor allem zwei Vorteile. Das Infektionsgeschehen in der Praxis wird abgemildert und die Patientinnen und Patienten sparen sich den Weg. "Wir sind hier ja ein bisschen ländlich. Da kommen die Leute teilweise aus 15, 20 Kilometern Entfernung angefahren für einen Erkältungsschnupfen. Das muss einfach nicht sein."
Telemedizin kaum verbreitet
Fünf bis zehn Prozent der Behandlungen erfolgen in dem MVZ schätzungsweise per Videosprechstunde. Damit sind John und seine Kollegen Vorreiter. Denn Telemedizin ist in Deutschland eine Ausnahme. Nach Angaben des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV) wurden 2024 rund 2,7 Millionen Videosprechstunden durchgeführt. Im Verhältnis zur Gesamtzahl von rund 578 Millionen Behandlungsfällen in den Praxen der deutschen Kassenärzte entspricht das einem sehr geringen Anteil von circa 0,5 Prozent.
Gesundheitswissenschafler Joachim Kugler nennt kulturelle Gründe für die geringe Nutzung der Telemeidzin. Technisch gäbe es keine großen Hürden mehr.Bildrechte: TU Dresden/Stephan WiegandIn der Corona-Pandemie nutzten Ärzteschaft und Patienten die Möglichkeit schon einmal häufiger. Über 3,5 Millionen Videosprechstunden gab es 2021. Dass das Interesse an der Telemedizin danach wieder schwand, führen Fachleute auf traditionelle Vorstellungen zurück. Joachim Kugler, Professor für Gesundheitswissenschaften an der TU Dresden, bezeichnet Arztromane und die Schwarzwaldklinik als prägend für unser Verständnis des Arzt-Patienten-Verhältnisses: "Wir stellen uns ein ärztliches Gespräch immer Aug' in Aug' vor. Auf der anderen Seite ist das Gleiche auf Seite der Ärzte zu finden. Die sehen auch den Patienten eigentlich eher dann als Patient an, wenn er ihnen gegenübersitzt."
Per digitaler Sprechstunde zur Ersteinschätzung
In Zeiten des Ärztemangels, insbesondere auf dem Land, sei es aber immer weniger leistbar, dass jeder schnell einen persönlichen Termin beim Arzt in der Nähe bekomme, sagt Kugler weiter. Die Telemedizin könne an der Stelle helfen, die Versorgung effizienter zu machen: "Den ersten Vorteil sehe ich darin, dass man mit seinem Anliegen erst mal schnell einen Ansprechpartner bekommt, der einen beraten kann, ob man nun ein Notfall ist oder jemand, der schnell einen Termin braucht oder wo man den Patienten auch beruhigen kann und sagen kann, nach den Daten, die da sind, kann man das Ganze auch noch später machen."
Die Techniker Krankenkasse (TK) denkt ebenfalls in diese Richtung, allerdings radikaler. Sie forderte jüngst, das Gesundheitssystem nach dem Prizip "Digital vor ambulant vor stationär" aufzustellen. Wer sich behandeln lassen will, soll demnach die Möglichkeit bekommen, eine Art digitalen Fragebogen ausfüllen, um eine medizinische Ersteinschätzung zu erhalten. Auch die passende Anlaufstelle für die Behandlung soll vermittelt werden, samt angeschlossener Online-Terminvergabe.
Steffi Suchant, Leiterin der Techniker Krankenkasse in Sachsen-Anhalt, setzt auf digitale Lösungen im Gesundheitssystem.Bildrechte: TK Sachsen-AnhaltSteffi Suchant, Leiterin der TK-Landesvertretung Sachsen-Anhalt, erklärt das im Gespräch mit MDR AKTUELL so: "Wir könnten uns vorstellen, dass egal ob ich auf dem Sofa sitze, egal ob ich jetzt in eine Hausarztpraxis gehen möchte, egal ob ich in die Notaufnahme gehe, ich teile mein medizinisches Anliegen erstmal mit dem Ersteinschätzungstool, damit ich von Anfang an auch in die richtige Versorgungsebene komme." Im Ergebnis könnten Patienten zum Beispiel direkt an Fachärzte vermittelt und Hausärzte entlastet werden.
Ärzte durch digitale Instrumente entlasten
Solche digitalen Instrumente könnten Ärzte nicht ersetzen, aber sie extrem entlasten, sagt Suchant. "Und deswegen darf das keine Begleiterscheinung sein, digitale Elemente einzubinden. Sondern es muss einen festen Platz in der Versorgung finden, dass digitale Therapien, digitale Diagnosen gleichwertig in der Versorgung ihren Platz finden wie jetzt aktuell der Präsenzaustausch." Die Telemedizin müsse eine große Säule im Gesundheitssystem werden, wegen des demografischen Wandels insbesondere in Flächenländern wie Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.
Hausarzt Robin John aus Schönebeck möchte in seinem Versorgungszentrum die Videosprechstunde gerne ausbauen. Er sieht etwa bei der Besprechung von Laborbefunden noch Potenzial. John betont aber, dass die Videosprechstunde seiner Meinung nach nur Teil der Versorgung sein kann und regional angeboten werden muss: "Wichtig ist, dass diejenigen, die Videosprechstunde machen, dann auch sagen können: 'Komm mal vorbei, wir müssen uns das nochmal besser angucken.'"
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke