Er verstehe die „komplette Realitätsverweigerung“ der vielen Boomer nicht, sagt Fratzscher
Ein Sozialjahr für alle Rentner – mit dieser Idee sorgte Marcel Fratzscher jüngst für Diskussionen. Als der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) am Freitagabend aus jenem Teil seines neuen Buches vorliest, in dem der Vorschlag vorkommt, ist der Applaus verhalten. Eine Minderheit klatscht. Die Mehrheit schweigt. Und doch sind sie an diesem Abend alle gekommen, um sich die vielleicht provokanteste Idee aus Fratzschers Werk „Nach uns die Zukunft“ anzuhören. Der Vorschlag war zuvor auf viel Kritik gestoßen.
Neben Fratzscher im Berliner Pfefferberg Theater vor rund 200 Zuschauern auf der Bühne: Klimaaktivistin Luisa Neubauer. Warum ausgerechnet die deutsche Mitbegründerin von Fridays for Future den Abend an der Seite des Ökonomen bestreitet, wird nur vage angerissen. Moderatorin Julia Friedrichs stellt sie als „die wohl bekannteste deutsche Klimaaktivistin“ und als Kolumnistin des neuen Wirtschaftsmagazins „Surplus“ vor.
Fratzscher erzählt zu Beginn, dass er nach Bekanntwerden seines Vorstoßes für ein Rentner-Pflichtjahr innerhalb von zwei Tagen rund 2000 Mails erhalten habe. „Sehr viele Boomer, sehr viele böse Boomer“, erzählt er. Rund zehn Prozent derjenigen, die ihm geschrieben haben, begrüßten seinen Vorschlag. „Die meisten sagen, ich habe mein Leben lang hart gearbeitet, jetzt soll ich noch mehr tun?“, fasst Fratzscher die Nachrichten seiner Kritiker zusammen. In einer Welt ohne Klimakrise, soziale Konflikte oder Krieg könne er diesen Reflex nachvollziehen. „So aber überrascht mich die komplette Realitätsverweigerung immer wieder.“
Luisa Neubauer zeigt sich als Unterstützerin des Vorschlags, er sei eine „wahnsinnig gute Idee.“ Eigentlich sei es eine Ehre, wenn so viele Menschen wegen etwas „Dahingesagtem ausrasten“ würden. „Das weist dich als sehr mächtigen Menschen in diesem Land aus“, sagt sie zu Fratzscher.
Ihr erster Gedanke, als sie über ein Pflichtjahr für Rentner nachgedacht habe, sei „romantisch“ gewesen. Junge und ältere Menschen hätten oftmals kaum noch Kontakt zueinander. Bei Älteren gebe es ein Gefühl der „Vereinsamung, das Gefühl, nicht mehr wirksam zu sein.“ „Vor allem dachte ich aber, vielleicht kommen wir mal wieder ins Gespräch und erleben, dass wir füreinander da sein können.“ Auch wirtschaftlich sei die Debatte wichtig.
Neubauer vermutet tieferen Konflikt hinter Diskussion
Sie vermute, der Vorschlag werde vor allem deshalb von vielen abgelehnt, weil der Begriff Pflicht eine Kränkung dieser Generationen offenlege. „Diese Pflichtvokabel kommt mit einer Abwertung einher.“ In Deutschland gebe es ein Kränkungsproblem: Jede Generation sei von der anderen ein Stück weit enttäuscht. Jüngere von ihren Eltern, Ältere von den Jüngeren. Deshalb gehe es in der Debatte weniger um das Pflichtjahr selbst, sondern um „diesen emotionalen Klotz, vor dem wir stehen.“
Ökonom Fratzscher betont, es sei ihm ernst. Er wolle nicht provozieren, sondern einen Dialog anstoßen. Viele ältere Menschen engagierten sich bereits ehrenamtlich, aber es brauche mehr. Das Modell stelle er sich wie den früheren Zivildienst vor, es sei auch in Teilzeit denkbar.
Dann wird es grundsätzlich. Die heutigen Krisen lägen auch in der Verantwortung der älteren Generation. Er nennt die Verteidigungspolitik nach 1989, als Europa seine Militärausgaben senkte und das Geld „verkonsumierte“. Nun müsse die junge Generation die Fehler korrigieren. Bei den meisten Problemen sei die Antwort der Babyboomer: „Nein, wir nicht.“ Solidarität sei aber keine „Einbahnstraße.“
Neubauer sieht diese These bestätigt. Viele junge Menschen würden der älteren Generation sagen: „Ihr habt immer gesagt, wir sollen es mal besser haben, jetzt fällt uns aber alles über dem Kopf zusammen. Und dann guckt ihr uns an und sagt, vielleicht müsst ihr ein bisschen mehr arbeiten. Bei aller Liebe, aber da stimmt ja irgendwas nicht.“ Es fühle sich an, als sei der Generationenvertrag gebrochen. Sie spüre eine Melancholie, dass es „in der politischen Realität“ eine Gemeinschaft derzeit nicht gebe. „Die Zukunft war ein Versprechen für eine Generation, die jetzt in ihrer eigenen Zukunft lebt. Für uns ist sie kein Versprechen mehr, sondern eine Androhung.“
Fratzscher betont, dass es in der Debatte um den Generationenvertrag nicht ausschließlich um Jung und Alt gehe, sondern auch um Reich und Arm. Ärmere Menschen würden im Schnitt kürzer leben und hätten auf die Lebensdauer gerechnet von der Rente entsprechend weniger. „Das war auch Teil unseres Generationenvertrages, dass die starken mehr tragen als die schwachen Schultern. Das ist heute so nicht mehr der Fall.“
Politik scheue jedoch Reformen, vor allem aus Angst, ältere Wähler zu verprellen. „Nur, je länger du wartest, desto schmerzvoller wird es“, sagt Fratzscher. Neubauer fügt hinzu, dass Politiker bei ihren Entscheidungen vor allem auch an sich selbst dächten. „Wir haben eine Politik, die im Durchschnitt deutlich näher an der eigenen Rente ist, als an einem potenziellen Pflichtjahr für junge Leute.“
Erst gegen Ende entsteht etwas Reibung
Im weiteren Verlauf dehnt sich das Gespräch auf Neubauers Lieblingsthema aus, die Klimapolitik. Neubauer sagt: „Ich hatte in meinem Kopf abgespeichert, dass es die richtig schlechten Nachrichten immer nur bei Gesprächen über das Klima gibt, aber das geht auch bei Gesprächen über Wirtschaft.“ Neubauer ist in ihrem Element. „Dass das jetzt als linkes Wohlfühl-Projekt abgestempelt wird, was man sich leisten muss oder eben nicht, das ist deprimierend.“ Teile des Publikums applaudieren.
Moderatorin Friedrichs erinnert sie daran, dass es thematisch um Generationen gehen soll. „Achso, ah, stimmt, wir machen die Generationen“, entfährt es Neubauer. Wütend sei sie bis vor einigen Jahren auf ältere Generationen gewesen. Seitdem erlebe sie aber viel Solidarität auch von älteren Menschen, als Beispiel nennt sie unter anderem die „Omas gegen rechts.“
Auffallend bleibt an diesem Abend, dass Fratzscher und Neubauer fast durchgehend einer Meinung sind. Beide antworten auf die Fragen der Moderatorin, führen dabei aber mehr einen Monolog nebeneinander als einen Dialog miteinander. Erst gegen Ende entsteht etwas Reibung. Moderatorin Friedrichs fragt Fratzscher: „Spielst du denn die Generationen nicht auch ein bisschen gegeneinander aus?“ „Überhaupt nicht“, antwortet Fratzscher. „Viele Rentner wünschen sich eine gesellschaftliche Rolle.“ Er wisse, dass der Vorschlag polarisierend sei.
Als Friedrichs halb im Scherz sagt, der Vorstoß sei gar nicht so polarisierend, sondern es seien „einfach alle dagegen“, gibt es Lacher. Fratzscher verweist darauf, dass sich bereits 40 Prozent der Rentner heutzutage engagieren würden.
Die letzten Worte des Abends hat aber Luisa Neubauer. „Stellen wir uns vor, was passiert wäre, hätte nicht ein mittelalter Mann diesen Vorschlag gemacht, sondern eine junge aktivistische Frau, dann wäre die Hölle ausgebrochen. Deswegen brauchen wir genau diese Stimmen“, sagt sie in Richtung Marcel Fratzscher. Diesmal klatscht das Publikum, was sowohl aus jung als auch als alt besteht, geschlossen.
Politikredakteur Nicolas Walter berichtet für WELT über gesellschaftspolitische Entwicklungen im In- und Ausland.
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