In Nordrhein-Westfalen wird es im nächsten Jahr insgesamt etwa 44.000 Abiturienten weniger geben als in diesem Jahr, als noch ungefähr 76.000 Schüler ihr Abitur absolvierten. Hintergrund ist die anstehende Umstellung der Gymnasien von der acht- auf die neunjährige Regelschulzeit – also von G8 zurück auf G9. Welche Auswirkungen hat das für Ausbildung- und Arbeitsmarkt?

Eine WELT-Recherche zeigt: Arbeitgeber, Universitäten und Berufsschulen müssen 2026 mit weniger Bewerbern rechnen. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Aachen vermutet vor allem in kaufmännischen und IT-Berufen weniger Bewerber auf Ausbildungsplätze in NRW als sonst.

Die IHK Aachen ruft Arbeitgeber aufgrund der wenigen Abiturienten in Nordrhein-Westfalen dazu auf, sich frühzeitig um die Bewerberauswahl für Ausbildungsplätze zu kümmern und in diesem Jahr mehr davon anzubieten, um den Einschnitt im nächsten Jahr abzufedern. „Wir rechnen mit einem Rückgang der Bewerberzahlen, insbesondere in abituraffinen Ausbildungsberufen“, sagt Ulrich Ivens, stellvertretender Bereichsleiter Bildung, WELT.

Die IHK Aachen geht davon aus, dass sich die Suche der Unternehmen nach Auszubildenden im nächsten Jahr noch verschärfen werde. Schon für den kommenden Jahrgang 2025/26 seien bei der IHK-Ausbildungsplatzbörse immer noch 300 Stellen unbesetzt. Unternehmen sollten daher aktiv Praktika anbieten, neue Azubi-Zielgruppen wie etwa Studienabbrecher oder Migranten ansprechen und neue Ausbildungsmodelle testen, zum Beispiel eine Teilzeitberufsausbildung für bereits Berufstätige.

Die Landespolizei hat sich vorgenommen, in den kommenden zwei Jahren jeweils 3000 Polizeibeamte und weitere 3000 Polizeikommissar-Anwärter einzustellen, wie ein Sprecher des nordrhein-westfälischen Innenministeriums auf WELT-Anfrage mitteilt. Das Erreichen dieses Ziels werde 2026 aber eine große Herausforderung, da Abiturienten stets die größte Gruppe an Bewerbern ausmachten. Trotzdem werde es „keine Herabsetzung der Anforderungen“ an die Polizeibewerber geben, so der Sprecher. Die Polizei möchte nun verstärkt ausscheidende Soldaten und Studenten mit dem Wunsch eines Ausbildungswechsels ansprechen.

Und wie sieht es an den Universitäten aus? Die Kultusministerkonferenz rechnet für das kommende Jahr mit deutschlandweit fast 22.600 weniger Studienanfängern als 2022. Die Universität zu Köln geht aufgrund des absehbaren Bewerberrückgangs davon aus, dass es in einigen Studiengängen mit der Zulassungsbeschränkung Numerus clausus – Zugang nach Abiturnote – leichter sein werde, einen Studienplatz zu bekommen.

Wie stark sich die geringere Anzahl an Abiturienten auf die Studienplatzvergabe auswirkt, sei aber unterschiedlich, wie ein Sprecher auf WELT-Anfrage mitteilt. Die Bewerberzahlen bei Psychologie und Medizin seien sowieso deutlich höher als die Anzahl der Studienplätze, weshalb hier die Chancen auf einen Studienplatz voraussichtlich nicht steigen würden. In den Lehramt-Studiengängen hingegen könnten 2026 wahrscheinlich sogar Studienplätze freibleiben.

Die Universität Münster überlege derzeit, für einige Studiengänge die Zulassungsbeschränkung sogar aufzuheben, sagt ein Sprecher. Zudem gebe es Vorschläge für eine neue Marketingkampagne, um Studenten anzulocken. Die Universität Duisburg-Essen hat schon für das Wintersemester 2025/26 die Zulassungsbeschränkung einiger Studiengänge aufgehoben.

Dass trotz der landesweiten Umstellung auf G9 immer noch 32.000 Schüler Abitur schreiben, liegt hier vor allem an den vielen verschiedenen Bildungswegen: Im kommenden Jahr werden Schüler in NRW an einem verbleibenden G8-Gymnasium, an G9-Versuchsgymnasien, Aufbaugymnasien, Gesamtschulen, Berufskollegs, Weiterbildungskollegs und Waldorfschulen ihr Abitur absolvieren. An Gesamtschulen dauert der Weg zum Abitur ohnehin seit jeher neun Jahre.

Hinzu kommen 95 sogenannte Bündelungsgymnasien. Diese richteten für das Schuljahr 2023/24 eine zusätzliche Jahrgangsstufe ein, um Sitzenbleiber und Schüler, die von einer anderen Schulform fürs Abitur aufs Gymnasium wechselten, zu versammeln. Ulrich Meyer, Schulleiter am Stiftischen Gymnasium Düren (NRW), sagt WELT: „Aus Sicht der meisten Schulen war dieses Hin und Her zwischen G8 und G9 völlig überflüssig.“

Als Hauptargument für die zwischenzeitliche Umstellung von der neun- zur achtjährigen Gymnasiallaufbahn galt die vergleichsweise lange Dauer der Schulzeit im Vergleich zur Studienzeit: Die Abiturienten sollten durch die Verkürzung ein Jahr länger im Arbeitsmarkt verbringen und somit früher Steuern und Sozialabgaben zahlen. Politiker versprachen sich davon eine Entlastung des Sozialstaats.

An der Qualität des Abiturs und der Gesamtzahl an Schulstunden sollte sich aber nichts ändern. Die Schüler mussten somit anstelle von durchschnittlich 30 Wochenstunden im G9-System auf einmal bis zu 36 Wochenstunden im G8-System mit regelmäßigem Nachmittagsunterricht belegen. Das stellte sich als große Belastung für die Schüler und die Personalkapazitäten der Schulen heraus, weshalb einige Bundesländer wieder zu G9 zurückkehrten.

Den Umgang mit dem acht- oder neunjährigen Weg zur Hochschulreife handhaben die Bundesländer weiterhin unterschiedlich. Neben NRW wird es auch an den meisten Gymnasien in Schleswig-Holstein im Frühjahr keinen Abiturjahrgang geben. In dem Bundesland wird 2026 nur an 16 der 99 Gymnasien, an Gemeinschaftsschulen, Berufsoberschulen und beruflichen Gymnasien Abitur geschrieben. Das führt dazu, dass es im kommenden Jahr voraussichtlich nur etwa 3800 anstatt 10.600 schleswig-holsteinische Abiturienten geben wird.

Gymnasien in Berlin, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen bieten aktuell G8 an. In Bayern und Niedersachsen beträgt die Gymnasialzeit neun Jahre. In Rheinland-Pfalz bieten 15 Gymnasien G8 an, die anderen 137 haben sich für G9 entschieden, denn das Land überlässt ihnen die Abiturzeit-Entscheidung selbst. In Hessen können die Gymnasien und Gymnasialzweige der kooperativen Gesamtschulen G8, G9 oder beides an ihrer Schule anbieten.

An den saarländischen Gymnasien wird 2030 der erste G9-Jahrgang wieder das Abitur absolvieren, derzeit gilt dort noch G8. Auch Baden-Württemberg kehrt bis 2031 von G8 zu G9 zurück. Theoretisch dürften die Gymnasien weiterhin einen Antrag stellen, unter bestimmten Voraussetzungen G8 anzubieten, bisher hat das aber nur das Karls-Gymnasium in Stuttgart geschafft.

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