Forscher warnt vor „Migrantisierung sozialer Fragen“
Vor rund zehn Jahren sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel den berühmten Satz „Wir schaffen das“ in Bezug auf die Aufnahme und Integration von Geflüchteten. Vor dem Hintergrund des Jahrestags und der Debatte über Sozialstaatsreformen hat der Migrationsforscher Hannes Schamman nun vor der „Migrantisierung sozialer Fragen“ gewarnt. „Migration wirkt wie ein Brennglas, unter dem Probleme, die wir als Gesellschaft ohnehin haben, noch größer erscheinen. Aber Migration ist nicht ursächlich für die Probleme“, sagte Schammann im Interview mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (NOZ). Letztlich lenke das Thema Migration „von Verteilungsfragen in der Gesellschaft ab“.
Weiter sagte der Politikwissenschaftler, der an der Universität Hildesheim lehrt: „Wenn Klassenzimmer überfüllt sind oder Wohnraum fehlt, wird gern Migration als Ursache benannt“. Dabei würde aber verkannt, dass in der Vergangenheit viele politische Fehler gemacht worden seien, die überhaupt nichts mit Migration zu tun hätten. „Wir haben ja nicht die Probleme im Bildungssystem wegen der Zuwanderung. Die Strukturen im Bildungswesen stimmen nicht, da kommt Migration nun noch obendrauf“.
Schammann warnte in der „NOZ“ vor dem Irrglauben, allein mit einer schärferen Migrationspolitik die AfD bekämpfen zu können. „Die aktuellen Asylzahlen sind rückläufig und sie werden vorerst wohl weiter sinken – und zwar unabhängig davon, ob der eingeschlagene Weg einer schärferen Politik wirkt. Deshalb wählen offenbar aber nicht weniger Menschen die AfD, wie wir in Umfragen sehen. Wir haben längst eine Entkopplung von Migrationsdebatte und Migrationsmanagement“, betonte der Forscher.
An die Adresse der schwarz-roten Koalition sagte Schammann: „Wenn wir glauben, wir könnten mit Migrationspolitik die AfD verhindern, dann machen wir zwei entscheidende Fehler. Erstens ignorieren wir, dass es auch andere Gründe gibt, warum Menschen die AfD wählen. Und zweitens ignorieren wir die echten migrationspolitischen Herausforderungen, die mit der Integration der Menschen verbunden sind“.
Der „NOZ“ sagte Schammann: „Die Sorgen bei manchen Bürgern vor Überfremdung, die ganze identitätspolitische Debatte hat Merkel weggewischt; davon wollte sie nichts wissen. Merkel hat verkannt, dass es einen Raum braucht, in dem diese Debatte geführt wird, weil ein großer Teil der deutschen Bevölkerung offenbar an einem eher völkisch geprägten Ideal von Zugehörigkeit festhält“. Und das sei Deutschland „auf die Füße gefallen“.
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