Wie Spionage die Wirtschaft der DDR brummen ließ – und was das heute für den Umgang mit China heißt
Die DDR hat einer neuen Studie zufolge in erheblichem Maße von wirtschaftlicher Spionage im Westen profitiert. Dadurch sei die Wirtschaftsleistung des Landes um 7,4 Prozent gesteigert worden, wie aus einer Analyse der Rockwool Foundation Berlin (RFBerlin) hervorgeht. Die Wertschöpfung der Industrie war demnach aufgrund der Spionage sogar um 22,3 Prozent höher, was 20,2 Milliarden Ostmark oder 4,1 Milliarden Euro in Preisen von 2020 entspräche. Alle Zahlen gelten für das Jahr 1988, das Jahr vor dem Mauerfall.
„Die Spionage der Stasi stärkte die Position der DDR innerhalb des sozialistischen Blocks. Sie verbesserte jedoch nicht wesentlich den Erfolg auf West-Märkten“, sagte RFBerlin-Projektleiter Albrecht Glitz von der Universität Pompeu Fabra in Barcelona. „Und Unternehmen, die wertvolle Informationen erhielten, hatten dann auch bessere Chancen, den Übergang zur Marktwirtschaft nach der Wiedervereinigung zu überstehen.“
Betriebe mit nützlichen Spionage-Informationen verzeichneten der Untersuchung zufolge ein schnelleres Produktivitätswachstum. Sie investierten zudem stärker in ihren Kapitalstock, stützten sich stärker auf Vorleistungen und spezialisierten sich mehr auf ihre Kernprodukte. Diese Vorteile verbreiteten sich über Lieferanten- und Kundennetzwerke und verstärkten so die gesamtwirtschaftlichen Gewinne.
Jede zusätzliche wertvolle Information erbrachte einen geschätzten jährlichen wirtschaftlichen Ertrag von rund 330.000 Euro in Preisen von 2020 oder 1,64 Millionen Ostmark, sagte Glitz.
Während des Kalten Krieges betrieb die DDR den Angaben nach eines der weltweit größten Wirtschaftsspionageprogramme und sammelte wissenschaftliche und technische Informationen von Unternehmen und Forschungseinrichtungen im Westen. Anhand bisher unzugänglicher Geheimdienstarchive sowie neu digitalisierter Unternehmensunterlagen konnten die Autoren eigenen Angaben zufolge Spionageinformationen von ihrer Quelle im Westen bis zum Endempfänger in der ostdeutschen Wirtschaft verfolgen.
Laut dem Co-Autor Adrian Lerche vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg haben die Erkenntnisse aus der Untersuchung einen aktuellen Bezug. „Obwohl unsere Studie Ereignisse aus dem Kalten Krieg untersucht, sind die zugrunde liegenden Fragen auch heute von hoher Bedeutung im Hinblick auf Exportkontrollen, die Industriepolitik, den Schutz geistigen Eigentums und den technischen Wettbewerb“, sagte Lerche.
China wurde in der Vergangenheit immer wieder vorgeworfen, seinen Aufstieg zur Technologie- und Wirtschaftsmacht zum Teil auch Industriespionage und dem Diebstahl geistigen Eigentums zu verdanken.
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