Google und das US-Forschungsinstitut HHMI Janelia haben Anfang September den kompletten Schaltplan des Nervensystems einer Fruchtfliege veröffentlicht: 166.700 Nervenzellen, rund 125 Millionen Verbindungen.

Zehn Jahre hat die Arbeit gedauert, die Daten sind frei im Netz. Entwickler haben den Schaltplan sofort an Computerspiele angeschlossen. Die Fliege lernt dabei erst einmal nichts. Was man sieht, sind Reflexe aus der Verdrahtung. Auch Michael Schwertel, Professor für Medienmanagement und Innovation, hat damit experimentiert.

WELT: Herr Professor Schwertel, eine Fliege spielt Doom und Beat Saber. Was haben Sie gedacht, als Sie die Videos gesehen haben?

Michael Schwertel: Mein erster Gedanke war: Wie viel wird heute einfach frei ins Netz gestellt! Jeder kann das finden und selbst damit experimentieren. Das ist eigentlich fantastisch. Vor ein paar Jahren hätte man sich das nicht vorstellen können.

WELT: Was haben die Forscher da genau gemacht und wofür ist das gut?

Schwertel: Sie haben das Gehirn einer Fruchtfliege in hauchdünne Scheiben geschnitten, ähnlich wie eine Salami. Eine KI hat dann ausgewertet, wie die Nervenzellen verlaufen; Menschen haben das von Hand nachkorrigiert. Heraus kommt ein Schaltplan des Gehirns. Damit kann man jetzt experimentieren: Man gibt vorn einen Reiz hinein und schaut, was hinten herauskommt. So lernen wir, wie ein Gehirn funktioniert, zum Beispiel wie Belohnung im Gehirn abläuft. Das verstehen wir bis heute nicht richtig. Dass Google die Daten für alle freigibt, finde ich ein tolles Geschenk.

WELT: Viele im Netz glauben, da lebt jetzt eine Fliege im Computer. Wie viel Fliege steckt tatsächlich im Computer?

Schwertel: Stellen Sie sich Frankenstein vor, mit Armen, Beinen und Augen, aber ohne Gehirn. Wenn ich ihm den digitalen Schaltplan der Fliege einsetze, passiert erst mal gar nichts. Der Plan hat kein Bewusstsein und keine chemischen Abläufe wie ein echtes Gehirn. Schicke ich aber Strom an einer bestimmten Stelle hinein, zuckt vielleicht der Arm. So können wir lernen, welche Verbindung für welche Bewegung zuständig ist. Mit Bewusstsein hat das nichts zu tun. Im Computer steckt keine Fliege, sondern nur ihr Bauplan. Ich glaube, wenn man das versteht, verliert man auch die Angst davor.

WELT: Kann man irgendwann auch das Gehirn eines Menschen so kartieren?

Schwertel: Das wird noch sehr lange dauern. Schon ein winziges Stück Mäusegehirn, etwa so groß wie ein Sandkorn, hat rund viermal so viele Verbindungen wie das ganze Gehirn der Fliege. Das menschliche Gehirn hat etwa 86 Milliarden Nervenzellen, rund 500.000-mal so viele wie das Gehirn der Fliege. Aber auch bei der Entschlüsselung der menschlichen DNA hat man anfangs ewig gebraucht, heute geht das viel schneller. Ich denke, KI wird auch hier vieles beschleunigen. Nur: Nächste Woche passiert das sicher nicht.

WELT: Sie haben selbst ein Spiel gebaut, in dem eine Fliege einen Roboter steuert. Was haben Sie daraus gelernt?

Schwertel: Mich beschäftigt gerade sehr, wie KI einen Körper bekommt, also humanoide Roboter. In meinem Spiel kämpft ein Roboter, den ein Teil des Fliegengehirns steuert, gegen einen Roboter mit klassischer KI. Das Ergebnis ist ungefähr 50 zu 50. Mal gewinnt die Fliege, mal die KI. Für mich heißt das: Roboter könnten viel von der Biologie lernen, zum Beispiel beim Gleichgewicht. Und das brauchen sie dringend. Jede Küche, jedes Wohnzimmer sieht anders aus. Wenn ein Roboter umkippt und auf ein dreijähriges Kind fällt, wäre das fatal. Ein Missverständnis, wie wir es von ChatGPT kennen, kann bei einem Roboter gefährlich werden. Jedes Experiment, das uns da weiterbringt, ist ein Gewinn.

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