Nur die „Zehn-Prozent-Bubble“ der Männer ist überdurchschnittlich attraktiv
Erst kürzlich hat Eugen Wassiliwizky vom Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik in einer großangelegten Studie nachgewiesen, dass die Gesichter von Frauen deutlich attraktiver bewertet werden als die von Männern, und zwar über Kulturen, Altersgruppen und sexuelle Orientierungen hinweg. Die Wissenschaft spricht bei dieser Kluft zwischen den Geschlechtern von einem „Gender Attractiveness Gap“.
Nun hat sich Wassiliwizky die Bewertung männlicher Schönheit genauer angeschaut. Im Fachmagazin „Current Opinion in Psychology“ berichtet er von einer überraschenden Beobachtung. „Obwohl männliche Gesichter insgesamt niedrigere Attraktivitätsbewertungen erhalten, erkennen wir überproportional viele besonders attraktive Männer“, heißt es in der Studie.
„Frauen gelten als das schöne Geschlecht“, sagt Wassiliwizky im Gespräch mit WELT. „Für Männer ist es schwieriger, herauszustehen. Trotzdem gelingt es einigen von ihnen offensichtlich.“
Die Annahme, dass weibliche Schönheit der männlichen überlegen sei, stehe im Widerspruch zu der herausragenden Rolle, die männliche Schönheit in der gesamten menschlichen Kulturgeschichte eingenommen habe, heißt es in der Studie. „Über Jahrtausende hinweg wurden männliche Körper und Gesichter in Skulpturen, Gemälden, Literatur und populären Medien dargestellt, idealisiert und gefeiert.“
Ein wichtiger Unterschied zwischen den Geschlechtern wird jedoch erst sichtbar, wenn man nicht nur auf die Mittelwerte, sondern auf die gesamten Verteilungen schaut, erklärt Wassiliwizky. Die Bewertungen der Attraktivität weiblicher Gesichter sind annähernd normalverteilt – die Verteilung ähnelt also einer symmetrischen Glockenkurve.
Die meisten Gesichter erhalten Bewertungen im mittleren Bereich. Nur vergleichsweise wenige Gesichter befinden sich an den beiden äußeren Enden der Verteilung – die als sehr wenig attraktiv (linke Seite) oder eben als besonders attraktiv (rechte Seite) bewertet werden.
Aber: „Der Durchschnitt erzählt nur einen Teil der Geschichte“, sagt Wassiliwizky. Die Bewertung männlicher Gesichter weicht offensichtlich von der Normalverteilung ab. Die Verteilung ist insgesamt in Richtung niedrigerer Attraktivitätswerte verschoben.
Das Überraschende: Am rechten Ende der Verteilung männlicher Gesichter gibt es einen, wie es in der Studie heißt, überproportional hohen Anteil außergewöhnlich attraktiver Personen. Von den rund 8000 männlichen Gesichtern im untersuchten Datensatz gehören etwa zehn Prozent zu dieser besonders attraktiven „Bubble“. Diese Auffälligkeit der Verteilung, so Wassiliwizky, beschränkt sich nicht auf einzelne Studien oder bestimmte Gruppen, sondern findet sich über zahlreiche Datensätze hinweg.
Die prominente Rolle männlicher Schönheit in der Kunst sei daher möglicherweise weniger paradox als zunächst angenommen, schlussfolgert Wassiliwizky. „Künstlerische Darstellungen scheinen überproportional stark auf den extremen Bereich der männlichen Attraktivitätsverteilung zurückzugreifen.“
Beim Menschen gelten Frauen als das „schöne Geschlecht“, während in der Tierwelt oft die Männchen auffälliger sindÜber die Gründe, warum sich die Attraktivitätsverteilungen von Männern und Frauen so stark unterscheiden, kann Wassiliwizky bislang nur spekulieren. Eine Erklärung könnten die unterschiedlichen Fortpflanzungsstrategien der Geschlechter sein.
Bei Männern spielt körperliche Attraktivität bei der Wahl einer Partnerin eine größere Rolle, während bei Frauen aufgrund ihrer höheren biologischen Investition in den Nachwuchs stärker auch andere Merkmale in den Vordergrund rücken, wie etwa Ressourcen, sozialer Status und Verlässlichkeit.
In klassischen Erklärungen männlichen Fortpflanzungserfolgs (Parental-Investment-Theorie) steht außergewöhnliche körperliche Attraktivität daher als eigenständiger Erfolgsweg eher nicht im Vordergrund. Die Zehn-Prozent-Bubble könnte auf einen bislang wenig beachteten, spezialisierten Weg innerhalb des Spektrums männlicher Fortpflanzungsstrategien hinweisen, mutmaßt Wassiliwizky. Das könne Männern, denen Attraktivität wichtig ist, Hoffnung machen, zu jenen zehn Prozent zu gehören.
Bemerkenswert ist, so das Fazit der Studie, dass diese „Attraktivitätslücke“ trotz jahrzehntelanger Forschung bislang weitgehend unbeachtet blieb. Es ergeben sich daraus nun neue Ansätze zur Erforschung des Zusammenhangs zwischen Attraktivität, sexueller Selektion und alternativen Fortpflanzungsstrategien.
Sicherlich spiegelt sich in der Bewertung von Attraktivität auch nicht allein sexuelle Anziehung wider. Das könnte die Art und Weise verändern, wie künftig die Attraktivität von Männern und Frauen untersucht wird.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke