„Bei dieser Absence-Form ist es sehr wahrscheinlich, dass noch andere Anfallstypen auftreten“
Fußballstar Jamal Musiala hat seine jüngsten Aussetzer mit „Absencen“ – zurückzuführen auf eine „neurologische Dysfunktion“ – erklärt. Professor Rainer Surges, Direktor der Klinik für Epileptologie am Universitätsklinikum Bonn, erklärt im Gespräch mit WELT, was sich hinter der Diagnose des Nationalspielers des FC Bayern verbirgt.
WELT: Herr Surges, der Profifußballer Jamal Musiala leidet nach eigenen Angaben unter Absencen. Was versteht man darunter?
Prof. Rainer Surges: Absencen sind eine Form von epileptischen Anfällen. Kurz zusammengefasst kommt es dabei zu einer plötzlich auftretenden Funktionsstörung des Gehirns, genauer gesagt zu einem krankhaft gesteigerten, gleichzeitigen Feuern von Nervenzellen in beiden Hirnhälften.
WELT: Wie äußert sich diese Erkrankung?
Surges: Typisch für Absencen ist, dass Betroffene von der Umwelt sekundenlang abgeschottet sind. Ihr Bewusstsein ist gestört, sie bekommen ihr Umfeld nicht mit und können in der Regel auch nicht gut darauf reagieren. Sie verharren stattdessen in einer Position oder in dem, was sie gerade machen. Manchmal schmatzen sie dabei ein wenig oder „fummeln“ leicht mit den Händen. Das Besondere an diesen Funktionsstörungen ist, dass sie ganz abrupt einsetzen und nach einigen Sekunden bis zu einer halben Minute spontan wieder enden. In der Regel sind Betroffene kürzester Zeit danach wieder „wie immer“. Als Betroffener würde man das vielleicht als kurzes Blackout beschreiben: Man hat einfach eine Lücke, es fehlen einem ein paar Sekunden.
Professor Rainer SurgesWELT: Wie viele Menschen sind davon in Deutschland betroffen?
Surges: Für europäische Länder gibt es Schätzungen von 0,6 bis 1 Prozent der Bevölkerung. Wenn man für Deutschland konservativ 0,6 bis 0,7 Prozent ansetzt, sind das rund 600.000 Menschen. Bei rund 15 bis 20 Prozent der Menschen mit Epilepsie besteht wiederum eine sogenannte genetische generalisierte Epilepsie, zu der auch die Absence-Epilepsien gezählt werden.
WELT: Wer ist davon in der Regel betroffen?
Surges: Absence-Epilepsie kann in unterschiedlichen Lebensaltern auftreten. Im Alter von etwa vier bis zehn Jahren spricht man von kindlicher Absence-Epilepsie. Dann gibt es die juvenile Absence-Epilepsie, die etwa zwischen dem 13. und 20. Lebensjahr auftritt. Ich sehe aber tatsächlich ein- bis zweimal im Jahr sogar Erwachsene, die 50 Jahre oder älter sind und bei denen zum ersten Mal Absencen aufgefallen oder aufgetreten sind. Deswegen spricht man von einem variablen Altersbeginn.
WELT: Welchen Unterschied macht das für die Prognose?
Surges: Die kindliche Form kann sich quasi „auswachsen“. Die juvenile Absence-Epilepsie wächst sich in der Regel nicht aus. Die relevantere Frage ist in diesem Zusammenhang: Wie funktioniert die Behandlung dieser Epilepsieform und wie reagiert sie auf Medikamente? Die wichtigste Säule in der Behandlung von Epilepsien sind Medikamente. Erfreulich ist, dass sich die juvenile Absence-Epilepsie sehr gut mit Tabletten behandeln lässt. Etwa 80 Prozent der Patienten werden durch die Medikamente anfallsfrei. Wenn man diese Diagnose erhält, hat man also erst einmal eine gute Prognose.
WELT: Bevor wir später noch einmal auf die Behandlung kommen. Woran merken Eltern, dass ihr Kind nicht nur träumt, sondern Absencen hat?
Surges: Bei der unbehandelten kindlichen Absence-Epilepsie treten diese – ich nenne sie einmal „Aussetzer“ – sehr häufig auf: meist täglich, und dann bis zu 50 Mal oder häufiger. Die Absencen bei Kindern sind ganz kurz, dauern etwa fünf bis zehn Sekunden. Aufgrund der Häufigkeit fällt die Erkrankung den Eltern normalerweise auf, das ist nämlich tatsächlich keine Träumerei mehr. Bei der jugendlichen oder später auftretenden Absence-Epilepsie ist die Häufigkeit der Absencen geringer: vielleicht einmal pro Tag oder noch seltener. Es gibt noch einen anderen großen Unterschied: Bei der juvenilen Absence-Form ist es sehr wahrscheinlich, dass noch andere Anfallstypen auftreten, und zwar solche, die man als Laie vielleicht kennt.
WELT: Welche sind das?
Surges: Das sind die Anfälle, bei denen Betroffene Schaum vor dem Mund haben. Der Körper versteift sich und zuckt anschließend rhythmisch. Das nennt man einen generalisierten tonisch-klonischen Anfall. In neun von zehn Fällen treten diese Anfälle bei der juvenilen Absence-Epilepsie auch im späteren Verlauf auf. Spätestens dann würden Sie es merken. Bei der kindlichen Form ist das viel seltener.
WELT: Wie stellt man die Diagnose?
Surges: Das ist ganz interessant: Die Diagnose einer Epilepsie kann man eigentlich nur durch Nachfragen stellen: Was ist passiert und wie sahen die Beschwerden aus? Manchmal gibt es Smartphone-Videos, die man sich gut ansehen kann. Wenn man zweimal solche Episoden hatte, bei denen bestimmte Beschwerden aufgetreten sind, kann man schon von einer Epilepsie sprechen. Dennoch wird in der Regel auch eine Kernspintomografie des Gehirns durchgeführt, um herauszufinden, ob es Auffälligkeiten gibt. Dazu wird die „Hirnspannungskurve“, das EEG, aufgezeichnet. Bei den Absence-Epilepsien ist das EEG eigentlich wegweisend, da sie eine klassische Signatur aufweisen: typische spitze Wellen, die zum Beispiel dreimal pro Sekunde auftreten.
WELT: Wie behandelt man die juvenile Form medikamentös?
Surges: Da muss man morgens und abends Tabletten einnehmen, und dafür gibt es typische Medikamente. Bei der jugendlichen Absence-Epilepsie nimmt man bei Männern Valproinsäure oder Lamotrigin. Valproinsäure ist ein altes Präparat, aber das wirksamste, da es auch gegen die „großen“ tonisch-klonischen Anfälle wirkt. Lamotrigin ist ein moderneres Präparat, ebenfalls gut wirksam, hat aber weniger mögliche nachteilige Störwirkungen. Der Hauptnachteil von Valproinsäure ist: Wenn eine Frau im gebärfähigen Alter schwanger wird, besteht ein höheres Fehlbildungsrisiko für das Neugeborene. Ansonsten ist das die Behandlung der ersten Wahl. Sie unterscheidet sich sehr von der Behandlung der kindlichen Absence-Epilepsie. Da würde man zunächst ein anderes Präparat geben, nämlich Ethosuximid.
Jamal Musiala brach erst im Testspiel gegen Leipzig zusammen, wenige Tage später geschah Ähnliches gegen HeidenheimWELT: Das Ziel der Medikamente ist also, diese Ausfälle oder Aussetzer zu verhindern, sprich die Symptome einzudämmen.
Surges: Korrekt. Man will das Risiko gegen null reduzieren, damit diese Anfälle nicht wieder plötzlich auftreten. Man stellt sich das so vor, dass die Nervenzellen, die diese Anfälle antreiben, in gewissem Maße gedämpft werden. Dabei kann man nur mit Wahrscheinlichkeiten jonglieren und nicht versprechen, dass der Patient wirklich anfallsfrei wird – und bleibt. Manchmal ist das ausgewählte Präparat für den Einzelnen doch nicht geeignet oder die Tagesdosis ist zu niedrig. Da muss man manchmal ein wenig ausprobieren.
WELT: Welche Ursache hat eine Absence?
Surges: Die Ursache von Absence-Epilepsien ist auf Veränderungen im Erbmaterial zurückzuführen. Betroffene haben von den Eltern bestimmte, oft unterschiedliche Genkopien bekommen. Wenn diese zusammentreffen, kommt es zu einer gesteigerten Hirnerregbarkeit und es entwickelt sich eine Epilepsie. Weil diese Epilepsieformen meist durch verschiedene Genkopien entstehen, ist das Risiko, sie zu vererben, relativ gering: Es wird auf fünf bis sieben Prozent geschätzt. Was die Einschränkungen von Absence-Epilepsien (und auch anderen Epilepsieformen) angeht, muss man auch auf die Auslöser epileptischer Anfälle achten. Das Risiko für einzelne Anfälle kann jedoch durch bestimmte Umstände erhöht und Anfälle durch diese ausgelöst werden.
WELT: Was kann man tun, um das Risiko von Anfällen zu verhindern oder zu vermindern?
Surges: Bei dieser Form der Epilepsie, den Absencen, sind eine gute Schlafhygiene, wenig Alkohol und der Verzicht auf Cannabis besonders wichtig; dazu die Medikamente konsequent einnehmen. Dann gibt es noch Besonderheiten: Einige Betroffene mit dieser Form der Epilepsie reagieren empfindlich auf Flackerlicht. Man denkt ja, jeder Mensch mit Epilepsie dürfe nicht mehr in die Disco gehen, aber das ist falsch. Nur bei einigen Epilepsieformen ist das Risiko erhöht, dass etwa Stroboskoplicht tatsächlich Anfälle auslöst.
WELT: Gibt es weitere Auslöser?
Surges: Ein weiterer Auslöser von Anfällen ist die Hyperventilation, also eine Mehratmung. Wenn man sehr tief und häufiger als gewöhnlich einatmet, atmet man viel Kohlendioxid aus dem Blut über die Lunge ab. Im Gehirn führt das dazu, dass das Risiko von Anfällen etwas ansteigt. Das ist ein wichtiger Aspekt im Zusammenhang mit Leistungssport; dort besteht ein etwas höheres Risiko, in eine Hyperventilation zu geraten. Leistungssportler müssen deshalb besonders auf ihre Atmung achten und notfalls ein Atemtraining machen.
WELT: Worauf muss man beim Sport noch achten?
Surges: Ein weiterer wichtiger Aspekt betrifft Sportarten, bei denen es zu direktem Kopfkontakt kommen kann. Allgemein wird empfohlen, Sportarten mit direktem Kopfkontakt zu meiden oder zumindest die Kopfkontakte auf ein Minimum zu vermindern, weil es möglicherweise das Risiko von Anfällen erhöht. Ein Kopfball im Fußball ist in der Regel ein kontrollierter Kopfkontakt, bei dem unter anderem die Nackenmuskulatur dagegenhält. Ob das einen Einfluss auf das Risiko von Anfällen hat, ist aus wissenschaftlicher Sicht nicht zu beantworten.
WELT: Wenn man medikamentös gut eingestellt ist, hat man also keine größeren Einschränkungen und muss auf nichts im Leben verzichten?
Surges: Ja und nein. Auto fahren darf man nach einer einjährigen Beobachtungszeit, in der man anfallsfrei sein muss; das regelt die Fahrerlaubnis-Verordnung. Schwimmen darf man auch, idealerweise aber mit jemandem, der einen im Ernstfall retten könnte. Wenn die Epilepsiediagnose gerade gestellt wurde und die Behandlung erst ausprobiert wird, raten wir zunächst von allem ab, was schnell ist oder mit dem Straßenverkehr zu tun hat, ebenso von Skiabfahrten. Es gibt relevante berufliche Einschränkungen bei Menschen mit Epilepsie. Tätigkeiten zum Beispiel als Pilot, das Fahren von Lkws und Personenbeförderung sind gesetzlich nicht mehr möglich.
WELT: Hat man, wenn man sich trotz der Erkrankung dem normalen Leben aussetzt, ein höheres Sterberisiko?
Surges: Bei Menschen mit Epilepsie ist das vorzeitige Sterberisiko im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung etwas erhöht. Und vor allem die „großen“, tonisch‑klonischen Anfälle können gefährlich werden und den sogenannten plötzlichen Epilepsietod verursachen. Das Risiko dafür ist insgesamt eher niedrig (1 von 1000 Menschen mit Epilepsie stirbt pro Jahr daran). Dieses Risiko kann noch weiter vermindert werden, wenn die zuvor genannten Verhaltensregeln beachtet werden. Bei einer sehr gut behandelten, juvenilen Absence-Epilepsie wird das Risiko für den plötzlichen Epilepsietod wiederum relevant vermindert.
WELT: Wie ist die psychische Belastung – Stichwort Grundvertrauen?
Surges: Ich empfehle häufig bei der Erstdiagnose einer Epilepsie im Erwachsenenalter ein begleitendes Coaching oder eine Psychotherapie zur Förderung der Krankheitsverarbeitung und -bewältigung. Viele Patienten haben zunächst Angst vor bestimmten Situationen oder davor, dass noch einmal Anfälle auftreten. Diese Angst wird immer geringer, je länger man anfallsfrei ist. Deshalb ist es so wichtig, dass man sich konsequent an die Verhaltensregeln hält. Wenn die Angst bleibt, hat man in der Tat ein Problem. Meine Empfehlung ist deshalb auch, so früh wie möglich wieder die gewohnten Tätigkeiten des Alltags aufzunehmen, damit man keine Ängste oder Sozialphobien entwickelt. Am Ende ist es auch eine Frage, welcher Persönlichkeitstyp vorliegt.
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