Roboter entfernt Prostatakrebs – ein Patient berichtet von seiner Heilung
Als er gehört habe, dass er mithilfe eines Roboters operiert werde, sei das für ihn sehr beruhigend gewesen, sagt Gerd Grötzschel. „Ich bin von Beruf Musiker und weiß, wie schnell es geht, einen Millimeter daneben zu liegen zwischen dem, was man möchte, und dem, was geschieht.“ Da reichte ein Zucken im Arm oder ein Niesreiz aus, um abzuweichen.
Grötzschel hat mehr als 30 Jahre als Solo-Bratscher im HR-Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks gespielt. Trotz Ruhestands musiziert er bis heute als Gast im Beethoven-Orchester der Stadt Bonn. Sachsen ist inzwischen wieder seine Heimat. Deshalb hat er sich wegen eines Prostatakarzinoms auch am Dresdner Universitätsklinikum in die Hände der Spezialisten um Christian Thomas begeben. Der Professor leitet hier die Klinik und Poliklinik für Urologie.
Seit 20 Jahren sind hier Robotiksysteme am OP-Tisch im Einsatz. Dresden war damals bundesweit eine der ersten Unikliniken. Mehr als 4100 Operationen stehen hier bislang zu Buche.
Anfangs war es nur ein Robotiksystem namens DaVinci. 2023 kam Hugo dazu. Die Nutzung von zwei Varianten gibt die Chance, beide Systeme unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten zu vergleichen, und steigert zugleich die Attraktivität der Uniklinik als Ausbildungsort.
Für Experten wie Christian Thomas steht fest, dass Roboter die Zukunft bei Operationen bedeuten. Natürlich bleibt immer der Mensch im eigentlichen Sinne des Wortes am Hebel, der Roboter unterstützt lediglich. Er ermöglicht aber auch präzises Operieren auf kleinstem Raum.
Am meisten werden sie heute bei der Teilentfernung der Niere und bei der kompletten Resektion der Prostata verwendet. Letztere war lange Zeit eine Domäne der „offenen Operationstechnik“ – also der konventionellen Chirurgie mit Hautschnitt. Inzwischen werden schon mehr als 95 Prozent der sogenannten Prostatektomien am Uniklinikum Dresden mit Robotern bewältigt.
Hightech ersetzt Chirurgen nicht
Trotz aller Vorteile der Robotik sei es wichtig, auch die „offene Operationstechnik“ zu beherrschen, sagt der 49 Jahre alte Professor. „Allerdings gibt es einige Eingriffe, die zunehmend robotisch erfolgen. Hier wird die offen-operative Ausbildung des Nachwuchses zunehmend schwierig.“
Dennoch würden beide operativen Verfahren auch fortan eine Rolle spielen. „Am Ende ist es wichtig, dass der Patient entsprechend seiner Vorerkrankungen und Voroperationen gut und risikoarm operiert wird. Da ist manchmal die offene Operation zu präferieren.“
Neben der hohen Präzision hat die operative Robotik noch einen weiteren großen Vorteil: Sie garantiert ein schonendes Verfahren. Die Patienten können sich wegen der minimalinvasiven Methode ziemlich schnell wieder erholen. Auch bei Gerd Grötzschel war das so. Seine OP fand Ende Januar statt. Inklusive Reha sei er sechs Wochen „außer Betrieb“ gewesen, sagt der Musiker. „Mir geht es hervorragend. Ich sitze wieder im Orchester und mache Musik.“
Für ihn sei entscheidend gewesen, den Krebs zu besiegen, betont Grötzschel. Zudem hatte ihn die Befürchtung geplagt, ein Kontinenzproblem zu bekommen. Für einen Musiker, der bei Sinfoniekonzerten lange Zeit an seinem Pult sitzen muss, eine Horrorvorstellung. Zehn Jahre zuvor hatte er sich schon einmal eine gutartige Vergrößerung der Prostata entfernen lassen. „Ich wollte immer nur in den Orchestergraben oder auf die Bühne zurück.“
„In keiner anderen medizinischen Fachrichtung ist die Robotik derart fest implementiert wie in der Urologie“, berichtet Professor Thomas. Der hohe Bedarf lasse sich auch an den Fallzahlen verdeutlichen. In Deutschland erfolgten jedes Jahr rund 25.000 radikale Prostatektomien, also die vollständige chirurgische Entfernung der Prostata. In etwa einem Viertel aller Fälle komme der Tumor wieder, 75 Prozent der Patienten seien dauerhaft geheilt.
Thomas sieht in den Robotern auch einen Vorteil in eigener Sache – die Ergonomie. „Man sitzt angenehm“, bringt er die „Haltungsnote“ auf den Punkt. Denn wenn man von morgens bis abends am OP‑Tisch steht, hinterlässt das im Nacken und anderswo schon Spuren.
Robotern fehlt noch Fingerspitzengefühl
Das Einzige, was der Roboter bisher nicht könne, sei das „taktile Feedback“ – etwa das Gefühl für Druck oder Widerstand. „Wenn ich mit dem Roboter greife, spüre ich nicht, ob es weich oder hart ist.“ Deshalb sei trotz Hightech viel Erfahrung nötig.
„Die Medizin der Zukunft ist maßgeblich bestimmt vom Einfluss der Digitalisierung und von operativer Robotik“, sagte Uwe Platzbecker, Medizinischer Vorstand des Dresdner Uniklinikums. Durch die Etablierung eines Zentrums für operative Robotik noch in diesem Jahr wolle man dem gerecht werden und eine noch intensivere Verschmelzung zwischen den verschiedenen Fachbereichen, die damit arbeiten, sowie der Wissenschaft erreichen.
Auch anderswo sind Roboter-Assistenten bei Operationen nicht mehr wegzudenken. Das Klinikum Chemnitz hat unlängst die Marke von 1.000 Operationen mit dem System Versius überschritten.
Beim „Jubiläumseingriff“ wurde eine Ektomie zur Behandlung von Speiseröhrenkrebs vorgenommen. „Im Gegensatz zu konventionellen Robotersystemen besteht Versius aus mobilen Einheiten und kann damit noch flexibler bei einer Vielzahl von chirurgischen Eingriffen zum Wohl der Patienten eingesetzt werden“, hieß es.
„Die Marke von 1000 robotischen Operationen am Klinikum ist für uns erst der Anfang. Die Zukunft liegt in der Symbiose aus menschlicher Erfahrung und technologischer Präzision“, sagt Yusef Moulla, kommissarischer Chefarzt der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie. Als Referenzzentrum werde man das erworbene Wissen weitergeben und Chirurgen aus ganz Europa in Chemnitz ausbilden.
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