Wie eine globale Herzstudie zur Blaupause für Europa und seine Partner werden kann
Aus dem Nichts. Plötzlich ist da dieser Schmerz in der Brust. Erst Druck, dann Angst, schließlich Todesangst. Dabei ist sie 36 Jahre alt, raucht nicht und lebt gesund. Die drei großen B, Blutdruck, Blutzucker und Blutfette, sind unauffällig. Ein Herzinfarkt? Eigentlich unvorstellbar. Und doch ist es einer.
Eine der wichtigsten Ursachen für Herzinfarkte bei jüngeren Frauen ist die sogenannte „Spontane Koronararteriendissektion“, kurz SCAD. Hierbei löst sich aus bis heute nicht vollständig verstandenen Gründen die innere Schicht einer Herzkranzarterie von der Gefäßwand, und es kommt zu einer Einblutung in die Gefäßwand.
Der Blutfluss wird dadurch plötzlich eingeengt oder blockiert. Die Folge ist dieselbe wie beim „normalen Herzinfarkt“: Der Herzmuskel wird zeitweise nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Die Therapie jedoch ist alles andere als klar.
Eine Gefäßstütze? Meist nein! Eine Bypassoperation? In aller Regel nicht! Konservative Therapie? Häufig ja. Mut zum zuversichtlichen Abwarten, weil sich die Gefäßinnenhaut oft wieder an die Gefäßwand anlegt. Und Blutverdünnung? Oder besser gerade nicht? Vielleicht ist weniger mehr. Vielleicht aber auch nicht. Wir wissen es bis heute nicht sicher.
Warum wissen wir das nicht? Weil diese Erkrankung mit rund 85 Prozent überwiegend Frauen betrifft? Weil die Therapie für die Interessen von Pharma- und Medizintechnikindustrie wirtschaftlich nicht relevant ist? Weil sie insgesamt zu selten auftritt, als dass ein einzelnes Land die entscheidende Antwort allein erforschen könnte?
Alle diese Gründe treffen zu. In einer Zeit, in der unser Gesundheitssystem enorme Summen in neue Therapien investiert, um die Lebenserwartung bei manchen Erkrankungen um wenige Monate zu verlängern, wissen wir bei einer zunehmend bedeutenden Herzerkrankung junger Frauen im Kern bis jetzt nicht, welche Therapie die richtige ist. Dabei wäre die Antwort prinzipiell zu finden.
Wenn sich die nationalen Förderorganisationen von nur zehn Ländern auf ein gemeinsames Studienprotokoll einigen, nationale Eitelkeiten zurückstellen und die medizinische Lösung in den Vordergrund rücken, kann das therapeutische Rätsel in wenigen Jahren gelöst werden. Global würden alle betroffenen Patientinnen und Patienten profitieren, die Therapiekosten sind minimal, der Gewinn an gesunder Lebenszeit enorm.
Genau dafür gibt es inzwischen einen Rahmen: das „Global Cardiovascular Research Funders Forum“. Es bietet aktuell zehn Ländern eine Plattform, um die drängendsten herzmedizinischen Fragestellungen zu definieren, die nicht im Fokus der Industrie stehen, gemeinsame Protokolle zu entwickeln und zentrale Probleme der Herzmedizin weltweit zu lösen.
Das Deutsche Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) hat nun die Federführung eines solchen globalen Konsortiums übernommen. Länder wie Deutschland, Großbritannien, die Niederlande, Dänemark, Schweden, Spanien, Kanada, Neuseeland, Australien, Brasilien, Argentinien und Chile arbeiten mit einem gemeinsamen Protokoll, um die beste Therapie für junge Frauen mit dieser besonderen Form des Herzinfarkts zu finden.
Forschung im politischen Gegenwind
Was fällt auf? Ja, die USA fehlen (noch). Warum? Weil sich mit dem politischen Kurswechsel in Washington auch die Forschungsförderung durch die National Institutes of Health (NIH) mit seiner Organisationsform des National Heart, Lung and Blood Institutes (NHLBI) deutlich verändert hat. Besonders betroffen sind Projekte, die sich mit frauenspezifischer Gesundheit befassen.
Und damit kommen zu der zentralen medizinisch-wissenschaftlichen Fragestellung plötzlich zwei weitere Herausforderungen hinzu: erstens, die globale Studie auf Basis eines einheitlichen Protokolls auch ohne die USA erfolgreich umzusetzen, und zweitens, das globale Netzwerk in Zeiten der globalen Krise als Instrument zu bewahren, das neben medizinischem Fortschritt auch Humanität und das Verständnis für die Perspektiven anderer Nationen und Erdteile ermöglicht.
Warum sollte eine globale Studie ohne die Beteiligung unserer amerikanischen Freunde nicht möglich sein? Die Kühne-Stiftung ist eingesprungen und ermöglicht die erweiterte Förderung der Länder Südamerikas, welche ursprünglich der NHLBI-Förderung zugedacht war.
Alle anderen Partner stehen geschlossen hinter dem globalen Protokoll. Natürlich ist die Studie damit umsetzbar. Die fehlende Beteiligung der USA verliert an Gewicht. Bitte nicht falsch verstehen: Unsere amerikanischen Partner und Freunde sind von unschätzbarem persönlichen und wissenschaftlichen Wert. Gerade der medizinisch-wissenschaftliche Austausch bietet einen grandiosen Kanal, diese Freundschaft zu leben.
Und vermutlich zieht das NIH am Ende sogar wieder mit. Niemand steht gern an der Seitenlinie, wenn globale Wissenschaft gestaltet und Medizin geprägt wird. Wie konstruktiv ist es, weitere medizinische Fragestellungen von globaler Bedeutung gemeinsam mit unseren wissenschaftlichen und medizinischen Partnerinnen und Partnern aus dem Iran, übrigens trotz eines derzeit menschenverachtenden Regimes eine der größten Zivilisationen dieser Erde, und unseren amerikanischen Kolleginnen und Kollegen gemeinsam zu diskutieren.
Dies geschieht gerade im Rahmen des „Global Cardiovascular Risk Consortium“, kurz GCVRC. Es bleiben wenige, aber prägnante Erfahrungen. Wenn auch kleinere Nationen in weitgehender Einigkeit ein gemeinsames Ziel verfolgen – und Nationen sind nicht anonym, sondern bestehen aus Menschen –, dann können sie gestalten.
Sei es nur die längst überfällige Lösung für die Behandlung einer besonderen Form des Herzinfarkts. Medizin und Wissenschaft bieten einen Kanal für nationenübergreifende Kommunikation und gemeinsame Entwicklung. Die SCAD‑ALIGN-Studie ist zunächst eine medizinische Studie. Aber sie ist mehr als das. Sie kann als Blaupause dienen für das, was Europa und seine Partner leisten können: global und gestaltend.
Christina Magnussen ist stellvertretende Klinikdirektorin und Leiterin der Interventionellen Koronartherapie der Klinik für Kardiologie des Universitären Herz- und Gefäßzentrums am UKE Hamburg.
Stefan Blankenberg ist Ärztlicher Leiter des Universitären Herz- und Gefäßzentrums am UKE und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie. Beide leiten mit Kolleginnen und Kollegen aus Hamburg und mehr als 30 internationalen Wissenschaftlern die globale SCAD‑ALIGN-Studie.
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