„Autismus-Symptome erscheinen bei Mädchen häufig subtiler“
Autismus wird meist Jungen und Männern zugeschrieben. Dieses Bild prägt Forschung, Medizin und öffentliche Wahrnehmung. Eine neue Studie aus Schweden stellt diese Annahme jetzt infrage.
Eine im Fachjournal „The British Medical Journal“ erschienene Studie kommt zu dem Ergebnis, dass sich die Diagnosezahlen von Jungen und Mädchen bis zum Alter von 20 Jahren nahezu angleichen. Damit zeichnet sie ein anderes Bild als frühere Annahmen, nach denen Autismus-Spektrum-Störungen bei Jungen und Männern häufiger vorkommen. Mädchen könnten genauso häufig autistisch sein wie Jungen, doch Jungen erhalten in der Kindheit bis zu viermal häufiger eine Diagnose.
Die Forscher des Karolinska-Instituts in Schweden werteten Daten von mehr als 2,7 Millionen Menschen aus. Diese waren zwischen 1985 und 2020 über das schwedische medizinische Geburtenregister erfasst und teilweise über Jahrzehnte medizinisch begleitet worden. Rund 2,8 Prozent der untersuchten Personen erhielten im Alter zwischen zwei und 37 Jahren eine Autismusdiagnose.
„Unsere Ergebnisse legen nahe, dass der geschlechtsspezifische Unterschied bei der Autismus-Häufigkeit deutlich geringer ist als bisher angenommen, da Frauen und Mädchen unterdiagnostiziert oder erst spät diagnostiziert werden“, sagte die leitende Autorin Caroline Fyfe im britischen „Guardian“.
Der Zeitpunkt der Diagnose ist hierbei besonders spannend. Denn die Studie zeigt deutliche Unterschiede beim Alter: Jungen erhalten die Diagnose früher als Mädchen. Die Diagnoseraten erreichen bei Jungen ihren Höhepunkt zwischen zehn und 14 Jahren, bei Mädchen deutlich später, zwischen 15 und 19 Jahren. Im Jugendalter holen Mädchen auf, sodass sich die Diagnosezahlen zunehmend angleichen. Spätestens im jungen Erwachsenenalter ist das Verhältnis zwischen Jungen und Mädchen laut der Studie nahezu ausgeglichen.
Die Forscher sehen darin einen Hinweis darauf, dass Autismus bei Mädchen häufig lange unentdeckt bleibt. Betroffene wirken oft weniger auffällig und gelten in der Kindheit eher als schüchtern oder sozial zurückhaltend. Anzeichen der Störung können dadurch leichter übersehen oder anderen Ursachen zugeschrieben werden.
Zudem lernen viele Mädchen mit Autismus, Unsicherheiten zu überspielen, soziale Regeln gezielt zu beobachten und ihr Verhalten anzupassen – ein Phänomen, das als „Masking“ bezeichnet wird.
Fachleute weisen darauf hin, dass die Diagnostik insbesondere bei Mädchen mit weniger ausgeprägten sozialen Auffälligkeiten schwieriger sein kann. „Ihre Symptome erscheinen häufig subtiler“, sagt Sanna Stroth, Leiterin der Arbeitsgruppe Autismus-Spektrum-Störung an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, Philipps-Universität Marburg gegenüber dem „Science Media Center“. Zudem seien diagnostische Instrumente traditionell stärker an männlichen Präsentationen ausgerichtet.
Gleichzeitig ist das Bewusstsein für Autismus bei Mädchen und jungen Frauen in den vergangenen Jahren gestiegen. Experten halten es daher für möglich, dass sowohl Betroffene häufiger eine Abklärung suchen als auch Fachpersonal sensibler für entsprechende Symptome geworden ist.
Experten zufolge seien nun weitere Untersuchungen notwendig. Da sich die Forschung lange vor allem auf Jungen und Männer konzentriert hat, sei es wichtig, künftig die Besonderheiten von Mädchen und Frauen stärker zu berücksichtigen.
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