Seen werden zu Salzwüsten, Flüsse verlieren ihre Form und ihre Lebewesen, das Grundwasser sinkt – und zwar unumkehrbar, wie ein aktueller Bericht der United Nations University warnt.

Große Teile der Erde steuerten demnach auf eine stille Katastrophe zu: den „Wasserbankrott“. Petra Döll, Professorin am Institut für Physische Geografie der Universität Frankfurt, warnt, dass diese Entwicklung keine vorübergehende Krise und Deutschland längst Teil des Problems ist.

WELT AM SONNTAG: Was hat Sie an dem Bericht am meisten schockiert?

Petra Döll: Nichts. Ich wusste um die prekäre Lage beim Wasser.

WAMS: Große Teile der Welt stehen demnach kurz vor dem „Wasserbankrott“. Was bedeutet das?

Döll: Dass mehr Wasser verbraucht wird, als sich erneuert. Wie eine Firma, die mehr ausgibt, als sie einnimmt. Geht sie dadurch bankrott, gibt es sie nicht mehr. Bislang sprach man beim Wasser noch von einer Krise. Doch das suggeriert, man könne sich von ihr erholen. Inzwischen ist aber klar, dass sich die Veränderungen nicht mehr vollständig rückgängig machen lassen.

WAMS: Warum?

Döll: Zum einen durch den unumkehrbaren Klimawandel, der überall stark den Abfluss beeinflusst, also die Wassermenge, die übrig bleibt, wenn man vom Niederschlag das abzieht, was verdunstet. Gletscher würden auch dann weiter schmelzen, wenn sich die globale Temperatur stabilisiert. Zum anderen durch die extreme Übernutzung des verfügbaren Wassers. Deutlich macht das etwa der Aralsee. Weil seine Zuflüsse über Jahrzehnte für die Baumwollplantagen abgezweigt wurden, ist er nahezu verschwunden. Heute ist dort eine Salzwüste. Wind und andere Prozesse haben den Seeboden, die gesamte Morphologie und Vegetation so verändert, dass es seine Form nicht mehr gibt. Selbst, wenn jetzt wieder Wasser da wäre, was nicht der Fall ist, ließe sich das ursprüngliche Gewässer nicht wiederherstellen. Ein See ist kein Bottich, der auch ohne Wasser stehenbleibt und wieder gefüllt werden kann. Besonders tragisch ist diese übermäßige Nutzung im Iran.

WAMS: Das müssen Sie erklären.

Döll: Dort lag einst der größte Binnensee des Nahen Ostens, der Urmiasee, der zehnmal so groß wie der Bodensee war. Im Herbst ist er das erste Mal vollständig ausgetrocknet. Auch dort wurde die Landwirtschaft in den vergangenen zwanzig Jahren massiv ausgeweitet, vor allem mit wasserintensiven Kulturen wie Zuckerrohr und Sonnenblumen. Für die Bewässerung wurden etliche Staudämme und Kanäle gebaut und so die ursprünglichen Zuflüsse umgeleitet. Weil das Wasser knapper wurde, bohrten die Bauern immer tiefere Brunnen, die Grundwasserspiegel sanken, die Flamingos und Pelikane verschwanden. Dort und auch am Aralsee leiden viele Menschen inzwischen an Krankheiten, die von den Stäuben aus dem ausgetrockneten Seebett ausgelöst werden.

WAMS: Welche Regionen sind noch besonders vom Wasserbankrott bedroht?

Döll: Der Westen der USA, Teile Australiens, der Nahe Osten, Teile Chinas, Pakistans und Indiens, aber auch der Süden Spaniens. Also die halbtrockenen Gebiete der Erde, in denen wenig Niederschlag fällt und gleichzeitig viel Wasser verbraucht wird, insbesondere für die Landwirtschaft.

WAMS: Warum ist die Landwirtschaft so entscheidend?

Döll: Wegen der Bewässerung. 70 Prozent des weltweiten Süßwasserverbrauchs werden für die Bewässerung von Nahrungsmitteln und Baumwolle verwendet. Entnimmt man Wasser im Haushalt, gelangt etwa die gleiche Menge wieder in die Flüsse, nur verschmutzter. Nutzt man es aber auf den Feldern, verdunstet ein großer Teil und ist vor Ort verloren. Der Wasserdampf wird in der Atmosphäre verteilt und regnet an anderer Stelle wieder ab. 

WAMS: Man könnte doch Meerwasser nutzen?

Döll: Israel und einige andere Länder machen das. Doch das braucht sehr viel Energie, für die Entsalzung selbst, und weil das Wasser ins Landesinnere gepumpt werden muss. Das macht es teuer und klimaschädlich, wenn der Strom nicht aus erneuerbaren Energien kommt. Hinzu kommen die Umweltprobleme. Denn das hoch salzige Abwasser, die Sole, wird meist zurück ins Meer geleitet und kann dort die Ökosysteme schädigen.

WAMS: Wird es durch knappes Wasser mehr Migration geben?

Döll: Das ist wahrscheinlich. Fällt den Menschen ihre Nahrung und ihr Einkommen weg, fliehen sie in andere Regionen. Auch die großen Migrationsströme in und aus Syrien werden zum Teil auf fehlendes Wasser zurückgeführt. Das Land erlebte zwischen 2006 und 2010 eine der schwersten Dürren überhaupt, die Ernten brachen ein. Die Welternährungsorganisation schätzt, dass über 1,3 Millionen Menschen aus ländlichen Gebieten in die Städte zogen, wo es wiederum zu Spannungen kam.

WAMS: Schon in den 1990ern hieß es, Kriege der Zukunft würden nicht mehr ums Öl geführt, sondern ums Wasser. Stimmt das?

Döll: Ein Bericht der Unesco macht klar, dass schrumpfende Wasserressourcen politische Instabilität, Migration und Gewalt fördern können. Sie allein lösen zwar bislang keinen Krieg aus, können aber Zusatzstress erzeugen, der Konflikte wiederum wahrscheinlicher macht. Zudem wird der Zugang zu Wasser laut dem Fachmagazin „Water“ zunehmend zum taktischen Mittel in bestehenden Konflikten.

WAMS: Wie lässt sich der drohende Wasserbankrott abwenden?

Döll: Die betroffenen Länder müssten sich wirtschaftlich unabhängiger von der Landwirtschaft machen, andere Einkommensquellen schaffen. Weltweit gäbe es außerhalb dieser halbtrockenen Regionen genügend Flächen, auf denen Nahrung angebaut werden kann. Dafür braucht es aber auch den politischen Willen. Im Süden Spaniens etwa, in Almeria, gibt es sehr viele illegale Brunnen. Die Gegend ist eigentlich europaweit eine der trockensten, hat sich aber wegen der vielen Sonnenstunden, milden Winter und staatlichen Förderungen zu einem der produktivsten Anbaugebiete Europas entwickelt. Dadurch wird dort so viel Wasser entnommen, dass der dortige Doñana-Nationalpark mit seinem Kaiseradler und Pardelluchs stark bedroht ist. Hier müsste man viel stärker eingreifen. Klar ist aber auch: Deutschland ist für diese weltweite Lage mitverantwortlich.

WAMS: Inwiefern?

Döll: Wir importieren Produkte, deren Herstellung sehr viel Wasser verbraucht. Man sollte sich also fragen: Braucht es wirklich die Erdbeeren aus Almeria und ständig neue billige Kleidung, die aus Baumwolle in wasserknappen Ländern hergestellt wird. Und natürlich das Fleisch und andere tierische Lebensmittel: Ein Kilo Brot verbraucht im Schnitt nur ein Zehntel so viel Wasser wie die gleiche Menge tierischer Produkte.

WAMS: Droht auch Deutschland ein Wasserbankrott?

Döll: Nicht, was die Menge betrifft. Zwar gibt es im Sommer zunehmend Probleme, auch wegen der steigenden Bewässerung. Trotzdem ist das Land noch wasserreich, es regnet verhältnismäßig viel. Was sich aber auch hier unumkehrbar verändert hat, sind die Wasserqualität und die Flüsse.

WAMS: Was heißt das genau?

Döll: Inzwischen sind das Grundwasser und die Gewässer vielerorts mit Stoffen wie PFAS, Arzneimitteln und Mikroplastik verschmutzt. Laut einer aktuellen Studie der Uni Bonn schwimmen allein im Rhein jeden Tag mehr als 50.000 Müllteile an Köln vorbei, die größer als Mikroplastik sind. Eigentlich sieht die EU-Wasserrahmenrichtlinie vor, alle Gewässer wieder in einen guten ökologischen Zustand zu bringen. Das ist aber nicht möglich, die Stoffe gehen nicht mehr raus, viele verlorene Tiere und Pflanzen kommen nicht wieder, veränderte Flussbetten lassen sich nicht einfach zurückverschieben. Man sollte daher alles, was noch naturnah ist, in seinem Zustand erhalten. 

WAMS: Klärwerke sollen EU-weit künftig auch Medikamente und andere Mikroschadstoffe aus dem Abwasser holen. Ist das nicht eine Lösung?

Döll: Nur teilweise. Selbst mit immer mehr Technologie lassen sich viele Stoffe nicht vollständig entfernen. Hinzu kommt, dass verschmutztes Wasser nicht nur über Kläranlagen in die Flüsse gelangt. Auch über die Felder wandern Pestizide und Düngemittel ins Grundwasser, das wiederum die Flüsse speist. Für vollkommen unbelastete Quellen müsste man also Trinkwasser aus Tiefen gewinnen, die noch nie Menschen berührt haben. In Deutschland wird das Trinkwasser zwar sehr gut aufbereitet. Je mehr Stoffe jedoch im Wasser sind, umso teurer wird es.

WAMS: Welche Folgen hat diese schlechtere Wasserqualität noch?

Döll: Einige Arten in den Gewässern verschwinden, etwa Muscheln, die das Wasser reinigen. Sinkt die Artenvielfalt insgesamt, macht das die Gewässer anfälliger, insbesondere gegenüber dem Klimawandel, aber auch Schadstoffen. Es kann schneller zu Algenblüten oder Fischsterben kommen.

Der Wasserbericht im Überblick

Mehr als die Hälfte der großen Seen weltweit haben laut dem Bericht der United Nations University seit den 1990er-Jahren große Mengen ihres Wassers verloren. Zwei Drittel der großen Grundwasserleiter gehen deutlich zurück. Zunehmend mehr Flüsse fließen jedes Jahr zeitweise nicht mehr bis ins Meer, ein Drittel der Gletscher ist seit den 1970er-Jahren verschwunden. Etwa vier Milliarden Menschen leiden mindestens einen Monat im Jahr unter schwerer Wasserknappheit, drei Milliarden leben in Gebieten, in denen die gesamten Wasservorräte schrumpfen. 

Petra Döll ist Professorin für Hydrologie an der Universität Frankfurt und erforscht, wie Klimawandel und menschliche Nutzung die Verfügbarkeit von Süßwasser auf der Erde verändern. Sie war als Leitautorin maßgeblich an den Sachstandsberichten des Weltklimarats IPCC beteiligt.

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