Nach Monaten des kriegsbedingten Exils in Rom kehrt das Theologische Studienjahr nach Jerusalem zurück. Es ist der 53. Jahrgang. Doch vieles hat sich verändert. Ein Gespräch mit den verantwortlichen Professoren, Friederike Eichhorn-Remmel und ihrem Mann Daniel, der per Videokonferenz zugeschaltet werden musste, da er zu einer Konferenz in Deutschland weilte.

WELT: Frau Professorin Eichhorn-Remmel, Herr Professor Remmel, beginnen wir konkret: Was erleben Ihre Studierenden hier in Jerusalem während des theologischen Studienjahrs?

Friederike Eichhorn-Remmel: Ein zentrales Element sind die Exkursionen, mit denen wir das Land und seine religiösen Kontexte wirklich „zu Fuß“ erschließen. Dazu gehört eine achttägige Wüstenexkursion durch den Negev bis nach Eilat, mit Rucksack, unter freiem Sternenhimmel, und am Ende mit einem Sprung ins Rote Meer zum Schnorcheln.

Daniel Remmel: Daneben gibt es eine große Galiläa-Exkursion mit Fokus auf biblische Archäologie, frühjüdische und byzantinische Orte und antike Synagogen, dazu eine Mittelalter-Exkursion mit Schwerpunkt Kreuzfahrerzeit und islamische Geschichte sowie eine mehrtägige Fahrt nach Jordanien.

Friederike Eichhorn-Remmel: Ergänzt wird das durch zahlreiche Tagesexkursionen, etwa in und um Jerusalem, sowie ein intensives Lehrprogramm mit Schwerpunkten in Bibelwissenschaft, Archäologie, Ostkirchenkunde, Judaistik und Islamkunde bzw. islamischer Theologie.

Daniel Remmel: Ein Highlight sind aber auch die exklusiven Begegnungen: Unsere Studierenden waren etwa heute beim griechisch-orthodoxen Patriarchen zu Gast und konnten in kleinem Rahmen mit ihm sprechen – eine Möglichkeit, die man praktisch nie bekommt.

WELT: Wer organisiert dieses Programm, und wie ist es institutionell verankert?

Daniel Remmel: Wir sind die Studiendekane des Theologischen Studienjahrs Jerusalem und organisieren hier vor Ort das akademische Programm für deutschsprachige Studierende der katholischen und evangelischen Theologie, das grundsätzlich auch für andere christliche Theologien offen ist.

Friederike Eichhorn-Remmel: Gefördert wird das Ganze durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst, unsere akademische Institution ist die Päpstliche Universität Sant’Anselmo in Rom, und lokal sind wir an die Benediktinerabtei Dormitio auf dem Zionsberg angebunden.

WELT: An wen genau richtet sich das Angebot – wer kann zu Ihnen kommen?

Friederike Eichhorn-Remmel: Bisher haben vor allem Vollzeitstudierende der Theologie teilgenommen, also etwa im Magisterstudium oder im gymnasialen Lehramt. Jetzt öffnen wir das Programm deutlich: für alle Lehramtsstudiengänge, für Theologie im Nebenfach und erstmals auch für orthodoxe Theologiestudierende.

Daniel Remmel: Damit erschließen wir einen großen neuen Kreis an potenziellen Bewerberinnen und Bewerbern, weil wir überzeugt sind, dass das Studienjahr vielen unterschiedlichen theologischen Biografien etwas zu bieten hat – nicht nur denen mit klassischer Sprachausbildung in Griechisch und Hebräisch.

WELT: Wie viele Plätze stehen zur Verfügung – und wie haben sich die Bewerberzahlen nach fünf Jahren Krisen, von Corona bis zum Krieg nach dem 7. Oktober, entwickelt?

Daniel Remmel: Wir haben ungefähr 25 Plätze vor Ort. Früher war es kein Problem, diese komplett zu füllen, inzwischen liegen die Bewerberzahlen leider deutlich darunter.

Friederike Eichhorn-Remmel: Das hängt nicht nur mit Corona und der Sicherheitslage nach dem 7. Oktober zusammen, sondern auch damit, dass die Zahl der Theologiestudierenden im deutschsprachigen Raum insgesamt massiv rückläufig ist.

WELT: Wenn ich nun Theologie studiere und mir denke: „Das könnte was für mich sein“ – wie läuft der Weg von der ersten Idee bis zur Aufnahme?

Friederike Eichhorn-Remmel: Zuerst laden wir ein, sich gründlich zu informieren – über unsere Homepage und einen digitalen Infoabend, den wir jetzt im Dezember anbieten. Danach beginnt das formale Bewerbungsverfahren über den DAAD: mit Antragsformular, Zeugnissen, einem Gutachten und einem Motivationsschreiben.

Daniel Remmel: Anschließend folgt ein Auswahlgespräch in Bonn. Dort wurde bislang Hebräisch und Griechisch geprüft, dazu ein Fachkolloquium in Altem und Neuem Testament, Ostkirchenkunde, Politik (auf Englisch) sowie Religionskunde mit Schwerpunkten auf Judentum und Islam.

Friederike Eichhorn-Remmel: Neu ist: Wer im eigenen Studiengang kein Hebräisch oder Griechisch hat, kann eine Ersatzprüfung in Form einer Präsentation machen. In dieser Präsentation müssen die Bewerbenden zeigen, warum ihr persönliches Studienprofil sinnvoll und passend für das theologische Studienjahr ist – das ganze Verfahren ist damit deutlich kompetenzorientierter ausgerichtet.

WELT: In Ihrem Fall gibt es eine Besonderheit: Sie teilen sich die Stelle – und Sie sind ein Ehepaar. Wie genau sieht diese Konstellation aus?

Daniel Remmel: Wir teilen uns die Stelle des Studiendekans jeweils zur Hälfte und sind beide in Rom zu Professoren ernannt worden. Wir sind mit unseren drei Kindern nach Jerusalem gekommen und leben hier als Familie.

Friederike Eichhorn-Remmel: Inhaltlich bilden wir gemeinsam die zwei Schwerpunkte des Studienjahrs ab: Ich komme aus der neutestamentlichen Exegese und habe in den letzten Jahren stark religionspädagogisch gearbeitet, Daniel aus der Systematischen Theologie – so decken wir ökumenische und biblische Theologie in doppelter Perspektive ab.

WELT: Frau Eichhorn-Remmel, Sie haben selbst eine Geschichte mit diesem Programm.

Friederike Eichhorn-Remmel: Ja, ich war Teil des 35. Theologischen Studienjahrs – das liegt rund 15 Jahre zurück. Dieses Jahr hat meinen Lebens- und Studienweg, aber auch meinen Blick auf die Welt ganz entscheidend geprägt.

Daniel Remmel: Für die allermeisten Teilnehmenden ist es horizonterweiternd: Man lernt, die eigenen theologischen Fragen neu zu stellen, weil man mitten im Heiligen Land, in dieser religiösen Dichte, lebt und studiert.

WELT: Sie haben angekündigt, dass Sie das Programm inhaltlich und strukturell verändern wollen. In welche Richtung geht das?

Daniel Remmel: Einerseits wollen wir das Programm für neue Bewerbergruppen attraktiv machen – also für Studierende ohne klassische Sprachausbildung, für verschiedene Lehramtsstudiengänge und für orthodoxe Theologie. Andererseits passen wir das Programm so an, dass diese Vielfalt kompetenzorientiert aufgefangen wird.

Friederike Eichhorn-Remmel: Konkret bedeutet das, dass wir neue Praxiselemente integrieren: Schulpraktika in Jerusalem, Praktika im Bereich der Ökumene, in Bildungseinrichtungen und in politischer Bildungsarbeit. Zugleich bündeln wir das klassische Profil – Bibelwissenschaft, Archäologie, intensive Textarbeit mit Hebräisch und Griechisch – in einer dreiwöchigen „Masterclass“ für diejenigen, die wirklich in die Tiefe wollen.

WELT: Jerusalem gilt vielen als Labor der Ökumene – weit vor dem, was in Europa möglich scheint. Wie reagieren Ihre Studierenden, wenn sie das später nach Hause „mitnehmen“?

Friederike Eichhorn-Remmel: Ein früherer Teilnehmer hat das wunderschön „selbstverständlich toleranzfähig“ genannt: Die Stadt bringt Menschen dazu, sich selbst zu verändern, weil man in diese religiöse Polyphonie eintaucht – der Muezzinruf, die Kirchenglocken, jüdische Gebete im Hintergrund.

Daniel Remmel: Wenn man dieses Nebeneinander als Orchester versteht, verändert sich die eigene Haltung, und genau diese Haltung – ein erweiterter Horizont – tragen die Studierenden später in Schulen, Gemeinden und Bildungseinrichtungen weiter.

Friederike Eichhorn-Remmel: Ökumene wird hier nicht nur gelehrt, sondern gelebt: im gemeinsamen Gottesdienstbesuch, in einer selbstverständlichen Gastfreundschaft über Konfessionsgrenzen hinweg und im Alltag, vom Esstisch bis zum Streit über die Tagesgestaltung.

WELT: Seit dem 7. Oktober und dem Krieg um Gaza stellt sich die Sicherheitslage noch einmal anders dar als zuvor. Wie erleben Sie das im Alltag – für sich selbst, Ihre Familie und das Programm?

Daniel Remmel: Unser eigenes Ankommen als Familie, aber auch das der Studierenden, war stark von Sicherheitsfragen geprägt. Wir haben erlebt, wie es ist, nachts in den Schutzraum zu gehen – das kann belastend sein, aber es hilft, zu wissen, dass die Infrastruktur vor Ort darauf vorbereitet ist.

Friederike Eichhorn-Remmel: In den letzten Wochen hat sich die Lage in Jerusalem deutlich entspannt; Aufenthalte im Schutzraum sind kaum noch Thema, und auch zuvor war Jerusalem trotz der Eskalation in Gaza ein Ort, an dem man sich relativ sicher bewegen und gut leben konnte.

WELT: Trotzdem: Gibt es konkrete Einschränkungen für Ihr Programm?

Daniel Remmel: Ja, lange Zeit galten für uns die Reisewarnungen des Auswärtigen Amts, sodass Besuche in den palästinensischen Gebieten, insbesondere in der Westbank, nicht möglich waren. Das hat Exkursionen, etwa nach Bethlehem, spürbar eingeschränkt.

Friederike Eichhorn-Remmel: Gemeinsam mit dem DAAD arbeiten wir daran, schrittweise wieder mehr Bewegungsräume zu öffnen – erste Lösungen zeichnen sich ab, etwa für Besuche in Bethlehem, natürlich immer in enger Abstimmung mit den aktuellen Vorgaben.

WELT: Während einer Phase der Eskalation war das Studienjahr nach Rom ausgelagert. Wie wichtig war es, das Programm wieder nach Jerusalem zurückzuholen?

Daniel Remmel: Es gab eine Zeit, in der das Studienjahr im Exil in Rom stattfinden musste – aus Sicherheitsgründen war Jerusalem damals keine Option. Akademisch ist das aber nur ein Notbehelf: Der Ort gehört zur DNA dieses Programms.

Friederike Eichhorn-Remmel: Theologisches Studienjahr „Jerusalem“ heißt: Die Themen vor Ort zu studieren, nicht im Seminarraum in Europa. Dass wir nun mit dem Programm zurückgekehrt sind, ist für die Attraktivität entscheidend, weil die Studierenden ja explizit hierher wollen – nicht nach Rom.

WELT: Was unterscheidet die Lehre hier von einer normalen Universitätsveranstaltung in Deutschland?

Daniel Remmel: Zum einen die Zusammensetzung der Lehrenden: Etwa die Hälfte kommt als Professorinnen und Professoren aus Deutschland, aus katholischer und evangelischer Theologie, sodass es zu spannenden Konfessionswechseln kommt – evangelische Studierende erleben katholische Lehrende und umgekehrt.

Friederike Eichhorn-Remmel: Zum anderen lehren hier auch Kolleginnen und Kollegen von Universitäten vor Ort sowie aus jüdischen und islamischen Kontexten – das Programm ist stark vernetzt und wirklich ökumenisch und interreligiös besetzt.

Daniel Remmel: Hinzu kommt das Wohnen unter einem Dach: Lehrende und Studierende begegnen sich nicht nur im Seminar, sondern auch am Esstisch, auf der Terrasse oder unterwegs – Theologie wird zu einer gemeinsamen Lebensform auf Zeit.

WELT: Sie haben Ihre drei Kinder mitgebracht. Wie erleben die den neuen Alltag in Jerusalem?

Friederike Eichhorn-Remmel: Unsere Kinder sind elf, neun und vier Jahre alt und besuchen eine internationale Schule. Der Anfang war nicht leicht – Tränen, Abschied von Freunden, eine neue Umgebung und Englisch als Alltagssprache.

Friederike Eichhorn-Remmel: Inzwischen sind sie aber richtig gut angekommen, die Sprache hat da Erstaunliches geleistet, und erste Freundschaften stehen.

Daniel Remmel: Es ist beeindruckend zu sehen, wie sie sich die Stadt aneignen: Sie kennen den Weg, zeigen uns die Dormitio oder die Zitadelle – kleine Stadtführerinnen und Stadtführer im Alltag.

WELT: Sie haben erwähnt, dass das Programm vom DAAD gefördert wird. Welche Rolle spielt das für die Attraktivität?

Daniel Remmel: Entscheidend ist, dass es sich um ein Vollstipendium handelt. Das heißt, wer aufgenommen wird, bekommt ein sehr umfassendes Paket an finanzieller Unterstützung und kann sich hier voll auf Studium und Leben konzentrieren.

Friederike Eichhorn-Remmel:Für viele ist das der ausschlaggebende Punkt, weil ein längerer Aufenthalt in Jerusalem sonst für Studierende kaum leistbar wäre.

WELT: Wenn Sie in wenigen Sätzen sagen müssten, was das theologische Studienjahr in Jerusalem im Kern ausmacht – was wäre das?

Friederike Eichhorn-Remmel: Es ist ein Ort, an dem man Theologie nicht nur hört, sondern sehen, riechen und greifen kann. Die Polyphonie der Religionen, die materiellen Spuren der Geschichte und das Zusammenleben im Haus verändern die eigene Haltung nachhaltig.

Daniel Remmel: Und es ist ein Raum, in dem ökumenische und interreligiöse Fragen nicht nur theoretisch diskutiert, sondern täglich gelebt werden – im Gebet, im Streit, im gemeinsamen Lachen. Wer das einmal erlebt hat, nimmt es für den Rest seines Lebens mit.

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