Das Nützliche mit dem Angenehmen und Aufregenden verbinden – das ist das Leitmotiv der 1986 in Kentucky geborenen Brüder Gilbertson. Eric ist Professor für Maschinenbau an der Universität von Seattle, sein Zwillingsbruder Matthew arbeitet als Maschinenbauingenieur bei Lockheed Martin. Während ihrer Studienzeit am renommierten MIT (Massachusetts Institute of Technology) entwickelten die Zwillinge auch noch ein lebhaftes Interesse am Bergsteigen und schlossen sich dem MIT Outing Club an.

Schon damals fassten die beiden den Entschluss, sämtliche Gipfel im US-Bundesstaat New Hampshire zu besteigen, die höher waren als 1200 Meter. Die Herausforderung gefiel ihnen, und so beschlossen sie, auch noch die höchsten Berge sämtlicher Bundesstaaten zu erklettern.

Gesagt, getan – und prompt nahmen sie sich die nächste Etappe vor: die höchsten Berge aller Länder der Welt. Mittlerweile haben Eric und Matthew insgesamt 149 Berggipfel bestiegen – manche allein, manche gemeinsam.

Auf ihrer Homepage ist zu lesen: „Zu den Vereinten Nationen gehören 193 Staaten sowie zwei Nicht-Mitgliedstaaten mit Beobachterstatus (Der Vatikan und Palästina) sowie die Antarktis – unsere Liste umfasst also 196 Berggipfel. Wir definieren diese als die höchsten Punkte eines nationalen Gebietes, ohne ausländische Enklaven. So ist der höchste Berggipfel der Niederlande etwa der Mount Scenery auf der Insel Saba in der Karibik“. „Country Highpoints“ nannten die Brüder ihr Projekt.

Das große Abenteuer der beiden Ingenieure wäre vielleicht nur eine Art Randnotiz geblieben, wenn die Gilbertsons ihre Expeditionen nicht dazu genutzt hätten, die exakte Höhe der bestiegenen Berggipfel (neu)zu messen. Dabei kam einiges an überraschenden Erkenntnissen ans Licht: So ist etwa der East Crestone in Colorado um fast zehn Zentimeter höher als der rund 120 Meter entfernt liegende Crestone Peak, den man bislang für den höchsten Berggipfel in dem Bundesstaat gehalten hatte.

Noch interessanter: Der höchste Berg Saudi-Arabiens ist nicht der Jabal Sawda, den man den Messungen per Satellit entsprechend dafür gehalten hatte, sondern der Jabal Ferwa, der drei Meter höher ist.

Satelliten helfen bei der exakten Höhenmessung

Auch bei den Höhenangaben des Mount Rainier und des Luna Peak in den USA entdeckten sie Ungereimtheiten. In Kolumbien fanden sie heraus, dass nicht der Pico Colón, sondern der Pico Bolívar der landeshöchste Berg ist. In Usbekistan löste der Alpomish den Khazret Sultanals als höchsten Berg des Landes ab. Auch noch in den afrikanischen Ländern Togo und Gambia – wo sie betonten, keinerlei Termitenhügel mitberechnet zu haben –  stellten sie bisherigen Höhenangaben infrage.

„In drei weiteren Ländern – Australien, Dänemark und Großbritannien – haben wir jeweils den kontinental höchsten Gipfel erstiegen, nicht aber die nationalen, denn diese befinden sich außerhalb des Kernlandes auf Heard Island, in Grönland, und Tristan da Cunha“, schreiben die Brüder.

Abgesehen von den Details und der Infragestellung der nationalen Angaben gelang es den beiden Gilbertsons vor allem, die Präzision neuer Technologien unter Beweis zu stellen. „Für diese topografischen Vermessungen wurden professionelle sogenannte differenzielle GNSS-Geräte eingesetzt. Die Daten wurden dann grundsätzlich von professionellen Vermessungsingenieuren verarbeitet und überprüft und die Ergebnisse in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht.“

Vor allem in Bezug auf die Grundlagen und Anwendungen der Kartografie sind ihre Erkenntnisse interessant. Traditionell wurden Höhenmessungen mithilfe von barometrischen Methoden wie Luftdruckmessung durchgeführt, unterstützt von Bildern aus der Luft, bevor man zu der präziseren geodätischen Triangulation, Laserscans mit Drohnen sowie Satellitenbildern überging, bis zu der GNSS-Methode, bei der mit den Signalen mehrerer Satelliten gleichzeitig gearbeitet wird und die derzeit wohl die genaueste ist.

Meeresspiegel ist als Referenz nicht genau genug

Allerdings müssen auch bei dieser verbesserten Präzision noch verschiedene Parameter berücksichtigt werden: Veränderungen der Schneedecke auf verschneiten Gipfeln, tektonische Bewegungen und der Meeresspiegel. Denn es hat den Anschein, als sei auch dieser absolute Bezugspunkt, also Null Meter über dem Meeresspiegel, je nach Region unterschiedlich. Sogar von Land zu Land. Tatsächlich variiert dieser Nullmeterpunkt, der ja als Richtwert dient, je nach Meer, das als Referenz dient und der Art seiner Gezeiten und der Wellen, die dort auftreten.

Dadurch entstehen Unterschiede wie zwischen dem Gezeitenmesser in Marseille, der offiziell als Gradmesser für Frankreich gilt, dann Korsika (etwa zehn Zentimeter Unterschied) sowie zwischen Frankreich und Deutschland (dessen Referenz die Ostsee ist) und so weiter. Es sind Nuancen, die vor allem dann eine Rolle spielen können, wenn es durch die globale Erwärmung um die Berechnung des durchschnittlichen Anstiegs des Meeresspiegels geht. Im Idealfall wären also eine gemeinsame Methode sowie universell geltende Referenzen notwendig, um die exakte Höhe jedes einzelnen Berges zu berechnen.

Das Projekt der Brüder Gilbertson mag zunächst kurios anmuten, doch das wissenschaftliche Interesse an der Neuvermessung von Bergen ist durchaus groß. Wobei es nicht nur die moderne Technik ist, die zu Korrekturen der Höhenangaben führt. So wurde erst kürzlich bekannt, dass der höchste Berg in Europa, der Mont Blanc in den französischen Alpen, langsam schrumpft.

Die alle zwei Jahre durchgeführten Messungen französischer und italienischer Forscher zeigen, dass der Mont Blanc aktuell nicht mehr 4810, sondern „nur“ noch 4807,3 Meter hoch ist. Zu erklären ist die Veränderung mit der Eiskappe auf dem Gipfel. Sie ist derzeit 21,3 Meter dick, droht aber im Zuge des Klimawandels weiter abzuschmelzen. Sollte das Gletschereis verschwinden, wäre der Mont Blanc nur noch 4786 Meter hoch.

Auch zur Höhe der Zugspitze, des höchsten Berges in Deutschland, gab es verschiedene Messungen mit zum Teil schwankenden Angaben. Sie reichten von 2960 und 2970 Metern. Inzwischen stellte das bayerische Landesvermessungsamt offiziell fest: Der Gipfel liegt 2962 Meter über Normalnull. Allerdings schrumpft der Gletscher der Zugspitze. 2007 war er noch 52 Meter mächtig und hat sich seither mehr als halbiert.

Dieser Artikel erschien zuerst im belgischen „Le Soir“, wie WELT Mitglied der „Leading European Newspaper Alliance“ (LENA). Aus dem Französischen übersetzt von Bettina Schneider, redaktionell bearbeitet von Claudia Ehrenstein.

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