Nichtwissen muss eine Option bleiben
Die Polysomnografie ist eigentlich ein Test zur Diagnose von Schlafstörungen. Registriert werden etwa Gehirnaktivität, Augenbewegungen, Herzfrequenz, Blutdruck, Sauerstoffsättigung, Atemmuster und Muskelbewegungen.
Mit ebendiesen Daten hat nun ein Team der Universität Stanford eine Künstliche Intelligenz trainiert. Herausgekommen ist ein KI-Modell, das mit großer Präzision das individuelle Risiko für 130 Krankheiten vorhersagen kann, wie die Forscher im Fachmagazin „Nature Medicine“ berichten.
Für das Training nutzten sie Schlafdaten von 65.000 Patienten. Das waren rund 600.000 Stunden, die der KI zum Lernen zur Verfügung standen. Zusätzlich hatten die Forscher Zugriff auf die langfristigen Gesundheitsverläufe dieser Patienten. Dadurch konnte die KI bestimmte Muster mit einzelnen Krankheiten in Verbindung bringen.
Eine einzige Nacht im Schlaflabor soll jetzt künftig ausreichen, um das Risiko eines Menschen etwa für Krebs, Demenz, Parkinson, Myokardinfarkt, Herzinsuffizienz, chronische Nierenerkrankung, Schlaganfall oder Vorhofflimmern zu ermitteln – und das, bevor überhaupt erste Symptome auftreten. Ist der Mensch dann schon krank, ohne es zu wissen?
Natürlich eröffnet ein solches KI-Modell neue Ansätze für die medizinische Forschung und macht Hoffnung, die Krankheiten zu vermeiden. Aber ein Risiko bedeutet ja bislang nicht, auch tatsächlich zu erkranken. Und so wirft die Möglichkeit der Vorhersage fundamentale Fragen auf.
Wie umgehen mit dem Wissen? Ab welchem Risiko soll eine Prävention beginnen? Wie sinnvoll ist es dann, vorsorglich Medikamente zu nehmen. Und vor allem: Wenn jeder weiß, welche Krankheiten im Laufe seines Lebens auf ihn zukommen, wer kann sich dann überhaupt noch gesund fühlen?
Sich testen zu lassen, mag verlockend sein, weil natürlich jeder hofft, nicht betroffen. Doch bei 130 Krankheiten ist die Wahrscheinlichkeit eher groß, von einem Risiko zu erfahren. Könnten Krankenkassen angesichts steigender Kosten im Gesundheitswesen solche Test möglicherweise sogar verlangen, um die Prävention zu verbessern? Was aber, wenn eine Krankheit nicht vermeidbar ist?
Schon als erste Gentests verfügbar waren, um das Risiko für bestimmte Krankheiten zu ermitteln, wurden diese Fragen diskutiert. Was, wenn man von seinem Krankheitsschicksal nichts wissen will und einfach versucht, gesund zu leben: auf die Ernährung achten, sich ausreichend bewegen, möglichst wenig Alkohol trinken und aufs Rauchen verzichten. Nichtwissen muss eine Option bleiben.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke