Einmal auf die Kanaren und zurück fliegen – das bedeutet dem Umweltbundesamt zufolge für einen Reisenden mehr klimaschädliche Emissionen als bei einem Durchschnittsnutzer von Auto, Bus und Bahn in einem ganzen Jahr.

Der weltweite kommerzielle Luftverkehr habe im Jahr 2019 rund vier Prozent des menschengemachten Beitrags zur Erderwärmung betragen, schreibt ein internationales Forscherteam um Stefan Gössling von der schwedischen Linné-Universität in Kalmar im Fachblatt „Communications Earth and Environment“.

Prognosen gehen davon aus, dass der Sektor in den nächsten 20 Jahren stabil wachsen wird. Gleichzeitig erfordert der internationale Kampf gegen die Klimakrise, dass die Emissionen drastisch sinken. In der EU soll der Luftverkehr bis 2050 klimaneutral werden. Wie passt das zusammen?

Grob zusammengefasst gibt es in der Luftfahrt dafür zwei große Hebel. Zum einen kann man mit Kraftstoffen fliegen, die klimafreundlicher sind als das übliche Kerosin. Zum anderen lässt sich bei den Routen und der Art und Ausstattung von Flugzeugen einiges so anpassen, dass weniger Kraftstoff benötigt wird und die Klimabilanz dadurch weniger negativ ausfällt.

Dieses Potenzial hat das Team um Gössling, zu dem auch Forscher aus München, Oxford und Kopenhagen gehören, genauer berechnet. Ihr Ergebnis: Das Einsparpotenzial ist enorm. Dabei gibt es mehrere große Stellschrauben.

Die Bauweise: Wie viel ein Flugzeug wiegt und wie aerodynamisch es fliegt, macht den Autoren zufolge einen großen Unterschied. Zu den effizientesten Modellen gehören demnach unter anderem die Boeing 787-9 (für Langstreckenflüge) und der Airbus A321neo (für Kurz- und Mittelstrecke). Würde man alle Flugzeuge durch diese Modelle ersetzen, würde dies 25 bis 28 Prozent der Emissionen einsparen.

Auch Auslastung und Flugroute sind entscheidend

Die Ausstattung: Im Business-Class- und Erste-Klasse-Bereich ist der CO₂-Verbrauch unter Berufung auf IATA-Angaben pro Person bis zu fünfmal so hoch wie in der Economy-Klasse. Eine Ausstattung nur mit Economy-Sitzen würde daher Emissionen senken, heißt es in der Analyse.

Die Auslastung: 2023 lag die Auslastung der geflogenen Kilometer mit Passagieren der Studie zufolge durchschnittlich bei 78,9 Prozent. Die Auslastung auf durchschnittlich 95 Prozent zu erhöhen, würde die Emissionen der Modellierung zufolge um rund 16 Prozent reduzieren.

Die Flugroute und Abfertigung: Auch bei der Optimierung der Routen, der Flughöhe und der möglichst effizienten Abfertigung am Boden gibt es demnach Möglichkeiten zur Optimierung. So sind etwa große Flughäfen im Schnitt effizienter als kleine, von denen seltener Maschinen abheben.

Die Regulierung: Subventionen machten den kommerziellen Luftverkehr weniger effizient, während alle Maßnahmen, die den Ausstoß von Emissionen verteuern, einen Anreiz zur Verringerung böten, argumentiert das Team.

Für ihre Analyse betrachteten die Autoren Daten zur CO₂-Effizienz von 27,5 Millionen Flügen im Jahr 2023, die zwischen 26.156 Städte-Paaren verkehrten. Die Daten stammen von der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation der Vereinten Nationen, der International Air Transport Association (IATA) sowie den Airlines selbst.

Würde auf den Verbindungen, auf denen mehr als eine Airline unterwegs ist, jeweils die effizienteste derzeit betriebene Flugkonfiguration für alle Flüge benutzt, ließen sich die Emissionen bereits um 10,7 Prozent reduzieren, heißt es in der Studie.

Nur halb so viele Emissionen wären möglich

Rechnet man die Maßnahmen hypothetisch weiter, eröffnet sich den Studienautoren zufolge ein noch deutlich größeres Einsparpotenzial: Würden überall die effizientesten Flugzeuge mit ausschließlich Economy-Sitzen eingesetzt und zu 95 Prozent ausgelastet, ließen sich die Emissionen demnach theoretisch um 54,5 bis 76 Prozent verringern. Dies bedeute, dass es möglich sei, die gleiche Anzahl an Passagieren auf den gleichen Distanzen mit weniger als der Hälfte des aktuellen Kraftstoffverbrauchs zu befördern, schreiben die Forscher.

„Mit unserer Studie können wir zeigen, dass es ein erhebliches Treibstoffeinsparpotenzial im globalen Flugverkehr gibt – bei konsequenter Umsetzung aller Sparmaßnahmen sind dies mindestens 50 Prozent des aktuell verwendeten Flugbenzins“, betont Gössling. „Dazu müssten allerdings a) wenig effiziente Flugzeugmodelle mit effizienten ersetzt werden, b) Sitze in Business- und erster Klasse in eine platzsparende Economy-Bestuhlung umgewandelt werden, und c) die Auslastungsrate auf 95 Prozent erhöht werden.“

Die Gruppe sieht in ihren Berechnungen einen Beleg dafür, dass es bei der Effizienz noch viel Luft nach oben gebe – anders als Airlines oft behaupteten. „Der Mythos, dass der Flugverkehr bereits sehr effizient sei, kann mit den Ergebnissen unserer Studie nicht mehr aufrechterhalten werden“, sagt Gössling.

Der nicht an der Studie beteiligte Felix Creutzig, der sich am MCC Berlin und am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung mit nachhaltiger Planung und Klimaökonomie befasst, sagt: „Einsparungen von über 50 Prozent, wie von den Autoren skizziert, sind als theoretisch mögliche Werte einzuordnen. Dennoch zeigen die Berechnungen, dass bei der Effizienz der Flüge viel zu holen ist. Kurzfristig sind Einsparungen in der Größenordnung von 10 Prozent realistisch.“

Die Studie beschreibt auch, wie sich die Effizienz des Kraftstoffverbrauchs regional unterscheidet. Am besten falle sie in Brasilien, Indien und Südostasien und generell bei Routen mit hohem Passagieraufkommen aus, am schlechtesten in Afrika, Australien und Norwegen. Im Ländervergleich liegt Deutschland im Mittelfeld: Pro Passagierkilometer fallen der Analyse zufolge im Schnitt in Deutschland 87,0 Gramm CO₂ an – in den USA sind es 96,5, in Spanien nur 75 Gramm.

Klimapolitische Maßnahmen seien bislang zu stark auf den Ersatz von Kraftstoffen fokussiert, kritisieren die Forscherinnen und Forscher. Dieser Ansatz der Transformation gehe jedoch längst nicht schnell genug. In der EU müssen etwa seit 2025 zwei Prozent nachhaltige Kraftstoffe beigemischt werden. Dieser Anteil soll schrittweise steigen, doch die verfügbaren Mengen sind begrenzt.

Nur Kraftstoffe aus Erneuerbaren sind CO₂-frei

Der ebenfalls nicht an der Studie beteiligte Klimaforscher Martin Cames vom Öko-Institut Berlin betont: „Insgesamt ist die Steigerung der CO₂-Effizienz ein wichtiger Baustein auf dem Weg zu klimaverträglichem Flugverkehr, allerdings nur als Ergänzung: Vollständige Dekarbonisierung ist ausschließlich durch den Einsatz nachhaltiger Kraftstoffe aus erneuerbaren Energien zu erreichen. Effizienzmaßnahmen können daher Strategien zur Kraftstoffumstellung nur unterstützen, nicht ersetzen.“

Das größte Potenzial sieht Cames hier bei der Umstellung auf mehr Economy-Sitze – mit denen Airlines dann jedoch höhere Margen erzielen müssten. Die Umstellung auf effizientere Flugzeuge sei kosten- und zeitintensiv. Und auch der Auslastungsfaktor könne realistischerweise wohl nur geringfügig erhöht werden, da er „historisch bereits stark gestiegen ist und im Vergleich zu anderen Verkehrsträgern bereits sehr hoch ausfällt“.

Die Forscher um Gössling sehen ihre Studie als Startschuss zum Handeln. „Ab jetzt kann jeder handeln: Reisende können effiziente Fluggesellschaften wählen, Airlines können strategisch und systematisch ihre Effizienzen erhöhen und die Politik, der die größte Verantwortung zukommt, kann gezielt Effizienz fördern“, betont Gössling.

Die relative Effizienz müsse für Reisende nachvollziehbar dargestellt werden. Airlines sollten ihre Premium-Klassen verkleinern und ineffiziente Flugzeuge aufgeben. Politisch wären etwa höhere Landegebühren für ineffiziente Flüge vorstellbar. „Sicherlich wäre es aber auch wichtig, Subventionen abzubauen, die es überhaupt ökonomisch möglich machen, viele Strecken noch zu bedienen – die unter marktwirtschaftlichen Bedingungen gar nicht erst angeboten würden“, so der Experte.

Die Gruppe um Gössling sieht allerdings Grenzen für allzu hohe Erwartungen: Die vorgeschlagenen Strategien stießen in der Realität auf ökonomische und politische Herausforderungen – in einem Umfeld, das durch Subventionen und Wachstumserwartungen geprägt sei und begrenzte Ambitionen beim Klimaschutz habe.

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