Der neue Chef hatte in der ersten Hälfte der Woche viel zu besprechen. Jürgen Klopp unterhielt sich in den vergangenen Tagen mit seinem Stab und führte zahlreiche Telefonate. Für den Fußball-Bundestrainer sind es intensive Tage – er stellt zum zweiten Mal in dem Amt einen Kader zusammen. Und muss sein Aufgebot im Vergleich zum ersten Mal deutlich reduzieren, von XXL auf Normalgröße. Klopp wird den Kader beinahe halbieren.

Am Donnerstagvormittag wird der Deutsche Fußball-Bund (DFB) verkünden, auf welche Spieler der 59-Jährige in den abschließenden Gruppenspielen in der Nations League in Belgrad gegen Serbien (13. November) und in Berlin gegen die Niederlande (16. November) setzt. Klopp muss dabei gleich mehrere brisante Personalien lösen. Einige Gespräche in dieser Woche dürften weniger launig gewesen sein als die vor Klopps Premiere im vergangenen September.

Damals hatte Klopp 44 Profis in zwei separate Kader berufen, es kam zu überraschenden Nominierungen für teils noch recht unbekannte Spieler. Dieses Mal muss Klopp vielen absagen, er hat nur 23 Einladungen zu verteilen. Eventuell wird sein Aufgebot um einige Ergänzungsspieler aufgestockt. Das Reglement des europäischen Verbandes Uefa lässt 23 Spieler pro Spieltagskader zu. Jetzt muss Klopp zeigen, auf wen er beim Neuaufbau wirklich setzt.

Mit vielen prominenten Rückkehrern ist nicht zu rechnen. Stürmer Deniz Undav antwortete nach dem 0:2 seines VfB Stuttgart in der Champions League bei Galatasaray Istanbul auf die Frage, wie groß seine Hoffnung auf eine Nominierung sei: „Gar nicht.“ Danach gefragt, wie er seine Einschätzung begründe, ergänzte er: „Was soll ich sagen? Ohne Tore schwer dabei zu sein, oder?“ Auch Offensivprofi Leroy Sané von Galatasaray Istanbul wird Klopp aller Voraussicht nach nicht nominieren, Mittelfeldspieler Leon Goretzka kam nach Knieproblemen erst zuletzt wieder zu Einsätzen bei Aston Villa.

„Das ist nicht meine Schuld“, sagt Jürgen Klopp

Dafür könnte Niclas Füllkrug von Werder Bremen dabei sein. Experten und Fans debattieren seit Wochen über die Personalie. „Niclas Füllkrug schießt in der Bundesliga ein Tor nach dem anderen, aber ist 33. Das ist nicht meine Schuld“, sagte Klopp kürzlich bei DAZN. Sprich: Füllkrug ist seiner Ansicht nach zu alt. Ebenfalls unsicher scheint, ob Nick Woltemade von Juventus Turin dabei ist.

Beim 2:0 gegen die TSG 1899 Hoffenheim erzielte Füllkrug im siebten Spiel nacheinander mindestens einen Treffer und stellte damit den Rekord von Werder-Legende Rudi Völler ein, der das in der Bundesligasaison 1982/83 gelungen war. Füllkrug ist topfit und in Bestform, mit neun Toren nach acht Spieltagen führt er die Torjägerliste der Bundesliga an. Und der Sturm war zuletzt Klopps Problemposition.

Niclas Füllkrug ist zu Werder Bremen zurückgekehrt und trifft und trifft und trifft

In den ersten vier Länderspielen unter ihm gelang keinem Stürmer ein Treffer. Bis auf Kai Havertz vom FC Arsenal scheint im Angriff kein Spieler für den Kader gesetzt. Um den Abstieg aus der Nations League zu vermeiden, braucht Deutschland Siege. Füllkrugs Quote von 14 Toren in 24 Länderspielen spricht zusätzlich für ihn. Rekordnationalspieler Lothar Matthäus beschrieb eine Nominierung Füllkrugs in seiner Sky-Kolumne zuletzt als nahezu alternativlos.

„Ich bin nicht der Meinung, dass wir nur noch auf junge Spieler setzen müssen. Wir sollten auf Spieler setzen, die sich mit starken Leistungen auf dem Platz empfehlen, egal, welches Alter sie haben“, schrieb der 65-Jährige. „In anderen Ländern gibt es auch Spieler, die mit 33 Jahren noch für ihre Nationalmannschaft auflaufen und bei Welt- und Europameisterschaften eingesetzt werden.“ Harry Kane, Starstürmer des FC Bayern, sei schließlich auch 33, Englands Nationaltrainer Thomas Tuchel „lädt ihn trotzdem ein“.

Werder-Wahnsinn bei Borussia Dortmund. In den letzten Minuten machen die Bremer beim BVB aus einem 0:2 noch ein 2:2. Ausgerechnet Ex-Dortmund-Stürmer Niclas Füllkrug sorgt in der Nachspielzeit für den Ausgleich.

Es ist eine schwierige Entscheidung für Klopp. Immerhin hat er den Neuaufbau ausgerufen. „Wir haben eine Gegenwart, eine mittelfristige Zukunft und eine langfristige Zukunft“, sagte der Bundestrainer kürzlich. „In der Gegenwart kann es natürlich funktionieren, mittelfristig unter Umständen auch. Langfristig, ja, also da müssen wir jetzt mal sehen …“

Klopp setzt auf Tempo-Fußball, auf Pressing. So herausragend Füllkrugs Form ist – es gibt schnellere Angreifer. Mit Blick auf eine möglicherweise ausbleibende Nominierung sagte Füllkrug neulich im ZDF: „Da verstehe ich das dann, wenn das der Fall sein sollte. Und wenn nicht, dann können wir immer noch darauf reagieren.“

Ein junger Offensivprofi hat gute Chancen

Younes Ebnoutalib hat eine gute Perspektive, kam in seinem Klub zuletzt auf zehn Torbeteiligungen. Der 23-jährige Profi von Eintracht Frankfurt war einer von Klopps zehn Länderspieldebütanten. Dazu zählten zum Beispiel auch Mika Baur, Vitaly Janelt, Bambasé Conté und Yannick Engelhardt. Die meisten der Neulinge werden jetzt wohl nicht mehr dabei sein. Felix Keidel überzeugte bei der SV Elversberg zuletzt mit fünf Torbeteiligungen, darunter zwei verwandelte Freistöße. Er hat gute Chancen, zu Klopps Kader zu gehören.

Da Klopp auf sein 4-3-3-System setzt, steigen auch die Chancen von Derry Scherhant, Flügelspieler des SC Freiburg, auf eine erneute Zusage. Auch der 20-jährige Offensivprofi Paris Brunner von AS Monaco darf auf eine Nominierung hoffen. Jungstar Lennart Karl, der die WM verletzt verpasste, dürfte nach seiner zuletzt deutlich verbesserten Form und seinem Tor beim 2:0 des FC Bayern in der Champions League bei Atlético Madrid dabei sein.

Bayerns Spielgestalter Jamal Musiala hat seit seiner Muskelverletzung Ende September nicht mehr gespielt und wird im Aufgebot voraussichtlich fehlen. Auch sein Münchner Klubkollege Serge Gnabry muss wieder einmal verletzt passen, Angelo Stiller vom VfB Stuttgart ist ebenfalls verletzt. Ein Fragezeichen gibt es noch hinter dem Freiburger Philipp Treu, der als Neuling hinten rechts überzeugte und zuletzt wegen einer Knöchelverletzung pausieren musste.

Spannend bleibt die Torwartfrage. Entscheidet sich Klopp auch längerfristig für eine Nummer eins oder ruft er einen Zweikampf aus? Routinier Marc-André ter Stegen von Ajax Amsterdam oder Jonas Urbig vom FC Bayern? Der Bundestrainer muss eine Richtung vorgeben. Im vergangenen September hatte er gesagt, ter Stegen sei zumindest „für den Moment“ die Nummer eins.

Torwart Jonas Urbig im Training des FC Bayern

Die beiden Torhüter Finn Dahmen (Augsburg) und Noah Atubolu (Frankfurt) kamen in den ersten Wochen unter Klopp auf keinen Einsatz. Der Bundestrainer dürfte diesmal Urbig, ter Stegen und Alexander Nübel von Besiktas Istanbul nominieren.

Der Auftakt in die Nations League verlief durchwachsen. Deutschland gewann nur gegen Serbien, spielte gegen die Niederlande 1:1, verlor das Hinspiel gegen Griechenland und kam im Rückspiel nicht über ein 0:0 hinaus. Für das Erreichen des Viertelfinales in der Nations League braucht Deutschland dringend Punkte.

Im schlechtesten Fall droht die Relegation oder sogar der direkte Abstieg in die B-Liga. Tabellenplatz vier muss zudem unbedingt vermieden werden, sonst wäre Deutschland bei der Auslosung der EM-Qualifikationsgruppen nicht einmal im Topf der zwölf Top-Mannschaften.

„Wenn die Spieler beim nächsten Mal ankommen, wird die DFB-Nationalmannschafts-Fußball-Festplatte nicht leer sein“, hatte Klopp nach seiner ersten Reise als Bundestrainer Anfang Oktober gesagt. „Wir müssen nicht bei null anfangen.“

Der Bundestrainer und seine Mannschaft stehen vor wichtigen Wochen.

Julien Wolff ist Redakteur im Sportkompetenzcenter. Er berichtet für WELT seit vielen Jahren über den FC Bayern, die Nationalmannschaft sowie über Fitness-Themen.

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