Martín Demichelis wirkt dünnhäutig. Als der Trainer von RB Leipzig nach dem 2:0 im Auswärtsspiel beim FC Schalke 04 gefragt wird, ob die Serie von drei Siegen in Folge eine Genugtuung sei, kontert er, warum er Woche für Woche immer dasselbe Thema besprechen müsse.

Die Antwort, die ihm in diesem Moment niemand gibt: Weil der Coach vom ersten Moment an umstritten war, es noch immer ist und ihn nur großer sportlicher Erfolg retten kann. Auch, weil es eine prominente und höchst angesehene Alternative gibt. Demichelis’ Schatten heißt Julian Nagelsmann.

Am 22. Juni wurde Demichelis als neuer RB-Trainer bekannt gegeben. Am 3. Juli trat Nagelsmann als Bundestrainer zurück. Schon zu dieser Zeit ärgerte sich der eine oder andere bei Red Bull über das Timing.

Nagelsmann wäre für manche der größere Wunschkandidat für die Nachfolge von Ole Werner gewesen. Doch dieses Szenario trat damals nicht ein – schon allein wegen der Konstellation mit Jürgen Klopp als Red-Bull-Fußball-Chef, der „Noch“-Affäre während der WM und der Rolle Klopps als designiertem Nagelsmann-Nachfolger als Bundestrainer.

Es knirscht bei RB Leipzig

Nun läuft die Saison mit Demichelis seit einigen Monaten. Es knirscht. Nüchtern betrachtet holte der Argentinier acht Siege und fünf Niederlagen. Bei der Achterbahnfahrt war von Tor-Galas über Dusel-Siege bis zu Horror-Auftritten alles dabei.

Intern heißt es, das Team liege durch die unerwartete Niederlage bei Werder Bremen (1:3) drei Punkte hinter dem Soll. Doch die Gefühle sind vor allem beim Gesellschafter Red Bull eher negativ. Dort werden souveräne Siege gegen Aufsteiger als selbstverständlich eingestuft.

Heftige Niederlagen gegen den FC Bayern (1:6), Real Madrid (1:4) oder Como 1907 (1:4), die den Rückstand auf das selbst gewählte Ziel „Top 10 in Europa“ schmerzhaft deutlich machen, wiegen immens schwer und lassen den Kredit des Trainers schwinden.

Der war ohnehin nicht groß. Denn dem Vernehmen nach drückte vor allem Klopp die Verpflichtung von Demichelis intern durch. Dafür kann der Coach nichts, und bei RB wird inzwischen der Fleiß und die akribische Arbeit von Demichelis geschätzt.

Doch man sieht auch die Schwächen. Die heftige Niederlage bei den Bayern wird dem Trainer mit schlimmen Fehlern in der Aufstellung und Spielweise angelastet. Auch auf Schalke ließ sich Demichelis taktisch überraschen und bekam erst spät die Kurve.

In der zweiten Runde des DFB-Pokals hat Union Berlin mit 0:5 in Köln verloren. Dortmund setzte sich knapp gegen Werder Bremen durch. Leipzig siegte in Essen trotz Unterzahl.

Zudem fallen sprachliche Barrieren des Argentiniers, der nur Spanisch flüssig spricht, auf. Und das, obwohl der ehemalige Weltklasse-Verteidiger viel und intensiv auf die Spieler zugeht. Doch das Alibi, dass sie ihren Trainer bei Bedarf nicht verstanden hätten, bleibt. Und so ist auch die Kommunikation nach außen stark eingeschränkt.

Kurzum: Bleiben die Ergebnisse bis zur Winterpause auf Achterbahnfahrt, wackelt Demichelis. Und Nagelsmann steht in den Startlöchern, wie diese Redaktion aus gut unterrichteten Kreisen vernimmt. Zumindest habe der frühere Bayern-Trainer bei einem informellen Austausch – einem normalen Vorgang, auch bei Bundesligaklubs, die nicht akut auf Trainersuche sind – nicht sofort abgesagt. Konkret wurde es nach Informationen dieser Redaktion aber bisher nicht.

Und so droht RB eine Klemme. Denn nicht wenige sehen Nagelsmann langfristig als erfolgversprechender als Demichelis. Auch, weil Nagelsmann eine erfolgreiche Vergangenheit in Leipzig hat. Von 2019 bis 2021 war er Coach bei RB, wurde Vizemeister und kam ins Halbfinale der Champions League. 2025 bezeichnete Red-Bull-Boss Oliver Mintzlaff die Freigabe für Nagelsmanns Wechsel zu den Bayern als „eine der größten Fehlentscheidungen“ seiner Karriere.

Ein Trainerwechsel jetzt wäre auch ein Fehlereingeständnis – und nahezu unmöglich, wenn Demichelis die Siegesserie fortsetzt. Doch der Druck könnte in den nächsten Wochen aus externen Gründen steigen.

Trainer Martin Demichelis beim Training in Leipzig. Früher spielte er für den FC Bayern

Denn auch Manchester United beschäftigt sich mit Nagelsmann als neuem Trainer. Der schlingernde englische Rekordmeister (nur ein Sieg in neun Ligaspielen) ist aber auch noch nicht konkret geworden. Passiert das, muss Leipzig entscheiden, ob aus einem Schatten Realität wird.

Der Text wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“ , „Sport Bild“ ) verfasst und zuerst in der „Sport Bild“ veröffentlicht.

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