Spektakel, Chaos, Happy End – der BVB ist sich selbst ein Rätsel
Ein Feierbiest ist Marcel Sabitzer nicht unbedingt, doch wenn es sein muss, lässt er sich nicht lange bitten. Gleich mehrere seiner Kollegen schoben den Mittelfeldspieler nach vorn, damit er sich die verdienten Ovationen von den 25.000 Fans auf der Südtribüne abholen kann. Trotzdem wollte Sabitzer, der Borussia Dortmund mit seinem perfekten Freistoßtor in der Nachspielzeit doch noch ins Achtelfinale des DFB-Pokals geschossen hatte, nicht zu euphorisch werden.
„Wir spielen ja schon in 72 Stunden wieder“, sagte der Oberösterreicher – und bekräftigte in der trockenen Art, die für Menschen aus diesem Landstrich nicht untypisch ist, dass er auch in seiner alten Wahlheimat gewinnen will. „Spitzenspiel. Sehr, sehr enges Spiel. Wir wollen da natürlich etwas mitnehmen. Werden uns darauf vorbereiten“, erklärte Sabitzer, der von 2021 bis 2023 für die Münchener gespielt hatte – beinahe so, als wolle er ein Telegramm aufgeben, das nach Anzahl der Wörter abgerechnet wird.
Genau 92 Stunden werden zwischen dem Geniestreich von Sabitzer, der den Schlusspunkt beim turbulenten 3:2 (2:0) gegen Werder Bremen am Dienstag setzte, und dem Anstoß zum sogenannten deutschen Klassiker am Samstag liegen. Dann wird der BVB beim FC Bayern antreten (18.30 Uhr/live Sky und im WELT‑Liveticker). Es wird, zumindest tabellarisch, ein Duell auf Augenhöhe. Die Bayern haben wie die Dortmunder 17 Punkte, allerdings ist die Tordifferenz der Münchener mehr als doppelt so gut (+19 gegenüber +8). Dennoch: So eng waren die beiden Vorzeigeklubs lange nicht beieinander.
Die Frage, die sich die Borussen stellen, lautet allerdings: Welcher BVB wird in der Allianz-Arena auflaufen? Der, der gegen phasenweise überforderte Bremer eine Halbzeit lang Hochgeschwindigkeitsfußball zelebrierte und schon wie der sichere Sieger aussah? Oder der, der in der zweiten Halbzeit beinah alles verspielte, weil plötzlich alles, aber auch wirklich alles, was vorher so gut funktionierte, nicht mehr zu klappen schien? Es war ein Drama.
Der BVB brillierte – dann brach das Chaos aus
„Die erste Halbzeit war richtig gut. Das haben wir klasse gemacht, wir haben den Gegner hinten reingedrückt“, sagte Trainer Niko Kovac. Es gab Spielzüge und Tore zu sehen, die es in dieser Form von den Dortmundern lange nicht mehr gegeben hatte. Wie Felix Nmecha aus dem Mittelfeld anschob, Maxi Beier auf der linken Seite steil schickte. Dessen scharfe Hereingabe ließ Julian Ryerson, der von seiner rechten Seite bis zum Elfmeterpunkt gesprintet war, für Guirassy abtropfen – und der Goalgetter vollendete perfekt (6. Minute). „Ein Sensationstor“, schwärmte BVB-Sportchef Lars Ricken.
Carney Chukwuemeka erhöhte elf Minuten später mit einer starken Direktabnahme auf 2:0. Der BVB, dem oftmals nachgesagt wurde, er spiele zu mutlos, brillierte mit Spielwitz, zeigte Offensivgeist, eroberte reihenweise Bälle im Pressing und Gegenpressing. Für den Gegner war das alles viel zu schnell.
Doch dann brach – warum auch immer – Chaos aus. Nachdem Chukwuemeka, bis dahin bester Mann auf dem Platz, die Chance zum 3:0 leichtfertig vertändelt hatte, ging der Spielrhythmus verloren. „Das ist mir dann alles zu viel gewesen, so stelle ich mir das nicht vor“, so Kovac, der beinah entsetzt zusehen musste, wie ein Ball nach dem anderen verloren ging – und dann schließlich auch die Ordnung. Erschwerend kam ein böses Déjà-vu hinzu: Ausgerechnet Niclas Füllkrug, der den Dortmundern bereits im Bundesligaspiel vor gut zwei Wochen mit einem Kopfballtor den Sieg geraubt hatte (2:2), traf doppelt – erst per Foulelfmeter (65.), dann nach einem Konter (69.). Die Folge war ein totaler Stimmungsbruch: von Euphorie hin zu lähmendem Entsetzen.
Niclas FüllkrugPlötzlich funktionierten nicht einmal mehr einfachste Dinge: Nmecha und Jobe Bellingham gaben ihre Positionen auf, für den Gegner taten sich riesige Räume auf. Kovac versuchte zu retten, was noch zu retten war, stellte das System von 5-3-2 auf 5-4-1 um, ließ defensiver agieren. „Das ist so semi bis gar nicht gelungen“, räumte er ein. Deshalb sei er ja „total unzufrieden“.
Dem BVB fehlt es noch an Reife für eine Topmannschaft
Das teilte er den Spielern auch unmittelbar nach Schlusspfiff mit. Gleich in der Kabine sprach der Coach die Defizite an – die wieder einmal belegten, wie schwierig die Transformation ist, die Kovac und die BVB-Verantwortlichen mit der Mannschaft planen: weg von dem eher pragmatischen Stil der Vorsaison, hin zu einer attraktiven, offensiven Spielweise. Die birgt Risiken, wenn nicht alle Spieler wissen, wie sie sich in welcher Spielsituation zu verhalten haben. Davor hatte der Trainer immer wieder gewarnt. Doch die Ungeduldigen unter den Fans – und auch den Vereinsverantwortlichen – hatten es nicht wahrhaben wollen. Am Dienstag gab es den finalen Beweis: Dem BVB fehlt es noch an Reife, um eine Topmannschaft zu sein – individuell wie taktisch.
„Es gibt viele Gründe“, sagte Abwehrchef Waldemar Anton, als er auf den Bruch im Spiel angesprochen wurde. „Wir machen nicht mehr die Meter, die wichtig sind. Wir verlieren die Bälle und gehen nicht mehr auf die zweiten Bälle. Das darf uns nicht passieren“, sagte er. Der Nationalspieler wollte die Häufung von Nachlässigkeiten auch nicht als singuläres Ereignis abtun. Schon „in den vergangenen Spielen“ hätte der BVB „hochkarätige Chancen“ nicht genutzt, um Spiele zu entscheiden. All dies müsse „dringend abgestellt“ werden. Ob das jedoch bis zum Samstag, wenn es zum Kräftemessen mit dem Branchenprimus kommt, gelingt, darf bezweifelt werden.
Marcel Sabitzer jubelt mit seinen Teamkollegen über seinen Treffer zum 3:2Andererseits hat die Mannschaft aber auch ihr Potenzial gezeigt – wenn auch nur 45 Minuten lang. Doch das Spiel bis zum Pausenpfiff hatte viel von dem, wovon die Fans schon lange geträumt haben. Was ebenfalls Mut macht: Selbst nach dem fast fatalen Zusammenbruch meldete sich der BVB zurück. In der Schlussphase hatte das Kovac-Team das Spiel wieder im Griff. An Mentalität, was den Dortmundern in den vergangenen Jahren oftmals unterstellt worden war, fehlt es nicht – an Glück allerdings auch nicht.
Jedenfalls war es gut, dass Sabitzer, als er sich den Ball kurz vor Schluss zurechtlegte, nicht auf Nico Schlotterbeck hörte – sondern auf Kovac. Schlotterbeck hatte gefordert, dass Daniel Svensson den Freistoß ausführt, um eine Flanke zu schlagen. Kovac bekam das mit und brüllte hinein: „Sabi, schieß bitte!“ Sabitzer schoss – und der Ball landete im Torwinkel. Sollten alle BVB-Spieler am Samstag in München auf ihren Trainer hören – es könnte die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass es tatsächlich ein enger Klassiker wird.
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