„Ich wurde einmal gemeinsam mit meinem Freund Max Kruse betrogen“
Der Unternehmer Jan-Peter Jachtmann, 58, ist seit über zwei Jahrzehnten im Pokerzirkus unterwegs, spielt weltweit bei den größten Turnieren. Er wurde 2012 in Las Vegas Weltmeister in der Spielvariante Pot-Limit Omaha und schaffte 2023 den 4. Platz beim Main Event der World Series of Poker. Seit mehr als 20 Jahren gehört er zu den konstantesten und besten Spielern Deutschlands. WELT AM SONNTAG erreichte ihn per Video-Telefonat in seinem Hamburger Haus.
WELT AM SONNTAG: Herr Jachtmann, wenn Sie an Lucky Luke und den Wilden Westen denken: Welche Rolle spielt Poker in dieser Welt?
Jan-Peter Jachtmann: Poker gehört für mich untrennbar zu diesem Bild. Über die tatsächlichen historischen Ursprünge des Spiels gibt es unterschiedliche Erzählungen; in seiner heute bekannten Form wurde Poker aber vor allem in den USA populär – und damit auch im Wilden Westen. Glücksritter saßen in Saloons zusammen, spielten um Geld und manchmal wohl auch um ihren Stolz und ihre Ehre. Colts auf dem Tisch und harte Typen am Pokertisch sind natürlich Klischees, aber genau dieses Bild haben viele Menschen im Kopf.
WAMS: Sie haben sich immer wieder gegen dieses Image ausgesprochen. Was stört Sie daran?
Jachtmann: Ich habe schon vor Jahren im Vorwort zu dem Buch „111 Gründe, Poker zu lieben“ dafür geworben, dass Spieler offen zu ihrem Pokerhobby stehen, und das scherzhaft als „Poker-Coming-out“ bezeichnet. Wenn jemand sagt „Du spielst Poker?“, sollte man ruhig antworten: „Ja, ich spiele begeistert Poker.“ Dazu gehört beim Poker immer auch ein Einsatz! Der muss eine Bedeutung haben, sonst fehlt ein wesentlicher Teil der Entscheidung. Wenn es einem völlig egal ist, ob man den Einsatz verliert, verändert das das Spiel. Ich selbst habe mich mittlerweile im Turnierbereich auf einem Niveau eingependelt, bei dem die Buy-ins meist zwischen 1000 und 10.000 Euro liegen.
WAMS: Wie sind Sie überhaupt zum Pokern gekommen?
Jachtmann: Ich habe während meiner Schulzeit in Reinbek angefangen. In Freistunden und Pausen spielte ich mit Mitschülern aus dem Matheleistungskurs Poker, damals Seven Card Stud. Wir waren interessiert an den mathematischen Zusammenhängen: Wie stark ist meine Hand? Welche Karten können noch kommen? Wie verändern sich dadurch meine Gewinnchancen? Natürlich spielten wir nur um kleine Beträge – zunächst um Pfennige, später auch einmal um ein paar Mark. Es war vor allem ein großer Spaß, aber ich habe dabei früh gelernt, über Wahrscheinlichkeiten nachzudenken. Während meines Studiums absolvierte ich dann eine studentische Ausbildung zum Croupier in der Spielbank Hamburg.
WAMS: Wann haben Sie gemerkt, dass Sie Talent haben?
Jachtmann: Ich spielte privat mit Gastronomen aus der Umgebung Hamburgs, die zum Teil deutlich mehr Geld hatten als ich. Dabei stellte ich fest, dass ich häufiger gewann als verlor. Natürlich gab es auch Verluste, und ich spielte damals schon über meinen finanziellen Verhältnissen. Wenn ich mal 2000 Mark verlor, musste ich eine Weile sehr sparsam leben und mich von Knäckebrot ernähren (lacht). Wenn ich aber gewann, konnte ich mir dagegen einiges in der Zeit leisten.
WAMS: Wie wurde aus dem Hobby Ihr Beruf?
Jachtmann: Ich sprach damals mit meinem Technischen Leiter in der Spielbank. Ich hatte länger beobachtet, wie dort Poker gespielt wurde, und war überzeugt, dass ich mit vielen Spielern mehr als mithalten konnte. Als Croupier durfte ich natürlich nicht einfach selbst mitspielen. Mir wurde erklärt, dass ich kündigen und anschließend eine Sperrfrist abwarten müsste, bevor ich als Spieler zurückkehren könnte. Mitte der 1990er-Jahre spielte ich regelmäßig Cashgames und Turniere, unter anderem auch in Österreich. Dort gewann ich in Bregenz mein erstes internationales Turnier. 1996, soweit ich mich erinnere.
WAMS: Sie tragen am Pokertisch fast immer ein Sakko. Warum?
Jachtmann: Das ist keine Masche. Ich trage auch privat gern ein Sakko und fühle mich darin einfach gut angezogen. Heutzutage kombiniere ich es meistens mit Jeans und Sneakers. Früher war in vielen Casinos neben einem Sakko sogar eine Krawatte vorgeschrieben. Außerdem ist ein Sakko ausgesprochen praktisch. Ich habe darin neben meiner Brieftasche Brillenputztücher, Augentropfen, etwas für trockene Lippen, Müsliriegel und andere Dinge, die ich am Tisch gebrauchen kann. Für mich ist das wie eine Handtasche für Frauen.
WAMS: Sie sind 2012 Poker-Weltmeister im Pot-Limit-Omaha geworden und haben beim Main Event 2023 einen vierten Platz erreicht. Was treibt Sie an, weiterzuspielen?
Jachtmann: Ich liebe weiterhin das Spiel. Wenn Poker mir keinen Spaß mehr machen würde, würde ich aufhören. Natürlich habe ich schon viel erreicht. Eine Zeit lang hatte ich sogar die Chance, als erster Spieler weltweit sowohl einen Weltmeistertitel in No-Limit Hold’em als auch in Pot-Limit Omaha zu gewinnen. Es hat nicht ganz geklappt, vielleicht ist das ein kleiner zusätzlicher Antrieb.
WAMS: Haben Sie schon einmal in einer Atmosphäre gespielt, die an einen Saloon erinnert?
Jachtmann: In einem richtigen Saloon habe ich noch nicht gespielt. Das wäre aus Spaß aber sicher einmal interessant. Ich habe im Laufe der Jahre allerdings auch in privaten Runden gespielt, die ein wenig zwielichtig wirkten. Dort saßen ganz unterschiedliche Menschen am Tisch: Geschäftsleute, Gastronomen, Anwälte oder Ärzte, aber auch Personen, bei denen man sich lieber nicht fragte, woher ihr Geld stammte. Wenn ich das Gefühl hatte, dass so eine Underground-Runde gefährlich oder unseriös war, bin ich nicht wieder hingegangen. Für mich gilt am Pokertisch eine Art Gentlemen’s Agreement: Jeder muss jederzeit aufhören dürfen – auch dann, wenn er gewonnen hat.
WAMS: Das Klischee besagt, dass jemand ein viertes Ass aus dem Ärmel zieht. Haben Sie Betrug beim Pokern auch schon erlebt?
Jachtmann: Einer ereignete sich in einem Casino in Norddeutschland. Ein Spieler verwendete offenbar eine sogenannte „Holdout-Technik“: Mit großer Fingerfertigkeit gelang es ihm, Karten zurückzuhalten, um sie erst später wieder gewinnbringend ins Spiel zu bringen. Damals wurden die Karten noch von Hand gemischt. Der Mann schaffte es, Karten unbemerkt unter seinem Schoß abzulegen. Dadurch konnte er in bestimmten Situationen die Karten zu seinem Vorteil austauschen. Schließlich zählte eine aufmerksame Dealerin während ihrer Schicht unerwartet die Karten. Als nicht alle Karten vorhanden waren, wurde der Spieler nervös. Auf den Kameraaufnahmen war zu sehen, wie er versuchte, die fehlenden Karten wieder zurück in den Stapel zu schieben. Der Betrug flog auf, und er wurde angezeigt.
WAMS: Haben Sie weitere Betrügereien erlebt?
Jachtmann: In den vergangenen Jahren gab es außerdem technisch ausgefeiltere Betrugsmaschen in privaten Runden. Ich wurde einmal gemeinsam mit meinem Freund Max Kruse in einer solchen Runde betrogen. Der Dealer war von den Betrügern eigens aus Berlin mitgebracht worden, was uns bereits verdächtig vorkam. Später stellte sich heraus, dass Karten mithilfe einer Scantechnik erkannt werden konnten. Ein im Tisch eingebautes System übermittelte den Betrügern Informationen darüber, welche Spieler die Hand gewinnen würden. Der Fall wurde strafrechtlich verfolgt; einige Beteiligte erhielten Haftstrafen.
Poker ist seit Jahren Max Kruses LeidenschaftWAMS: Sie haben bei Turnieren insgesamt rund fünf Millionen Dollar gewonnen. Haben Sie das Geld wieder in Poker investiert oder auch in andere Bereiche?
Jachtmann: Ich habe die Filmproduktionsfirma „JPJ_Filmproductions“ gegründet und mehrere Projekte umgesetzt. Dazu gehört die Impro-Comedy-Serie „Littis Fahrschule“ mit bekannten Comedians wie zum Beispiel Kurt Krömer, Teddy T. oder Cindy aus Marzahn und Musikern wie Sido oder Nico Santos. Diese wird ab Februar 2027 auf ProSieben und Joyn zu sehen sein. Außerdem haben wir die Schauspielerinnen aus den erfolgreichen „Bandits“-Filmen für eine Folge erstmals wieder zusammengebracht. Dazu habe ich noch mit meinem Freund, dem Schauspieler und Regisseur Kida Khodr Ramadan, die Gangsterserie „Haram 44“ produziert, die 2027 in der ARD-Mediathek laufen soll, sowie den Film „Parallel“, der am 2. November Weltpremiere beim Kölner Filmfestival feiern wird und anschließend in die Kinos kommen soll.
Dieser Beitrag stammt aus der großen Lucky-Luke-Sonderausgabe der WELT AM SONNTAG anlässlich des 80. Geburtstags des berühmten Comics. Sie können dieses einzigartige Sammlerstück gern hier bestellen.
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