Steffen Baumgart steht vor allem für eins: intensive Emotionen. Zuletzt führte ihn dieser Ansatz aber nicht mehr zum Erfolg. Erst endete sein Engagement beim HSV ohne Bundesliga-Aufstieg, dann musste er in der Rückrunde der vergangenen Saison auch bei seinem zweiten Herzensklub Union Berlin auf Platz elf liegend gehen. Wie blickt der 54-jährige Trainer auf die Trennungen?

Frage: Herr Baumgart, Ende September lösten Sie Ihren ursprünglich bis zum 30. Juni 2027 laufenden Vertrag bei Union Berlin auf. Ab wann sind Sie wieder bereit für einen Trainer-Job?

Steffen Baumgart: Ab jetzt, denn zuletzt habe ich genug Freizeit gehabt, bin unter anderem mit meiner Frau Katja viel gereist. Mein Akku für eine neue Aufgabe ist voll.

Frage: Spekulieren Sie auf einen Job in der Bundesliga?

Baumgart: Sicher ist die Bundesliga super interessant. Aber mich würde auch eine Auslandstätigkeit reizen. Ich kenne einige deutsche Trainer, die es nicht bereut haben, außerhalb von Deutschland zu arbeiten. Roger Schmidt etwa, der unter anderem in China, in Eindhoven und danach in Lissabon war. Es gibt sicher schlechtere Stationen. In Englands Premier League machen Fabian Hürzeler (Brighton, d. Red.) oder Daniel Farke (Leeds United) einen richtig guten Job und sammeln wertvolle Erfahrungen. Ich bin mir sicher, dass ich Fußball auch im Ausland erklären kann.

Frage: Anfang 2026 verlängerte Ihr Ex-Verein Union Ihren Vertrag vorzeitig um ein Jahr, drei Monate später folgte die Trennung, als Sie mit den Berlinern in der Bundesliga auf Rang elf standen. Wie weh tat das?

Baumgart: Ich war überrascht und enttäuscht. Ich hatte die Aufgabe, den Verein in der Bundesliga zu halten. Das gelang mir in der ersten Saison, nachdem ich in der Winterpause 2024/25 verpflichtet worden war. Und zu dem Zeitpunkt, als ich während der Spielzeit 2025/26 bei Union beurlaubt wurde, war der Klassenerhalt ebenfalls schon geschafft.

Frage: Wie das?

Baumgart: Wir hatten zu dem Zeitpunkt 32 Punkte. Nicht alle hinter uns liegenden Klubs hätten uns, allein wegen des Spielplans, einholen können. Der VfL Wolfsburg, der am Ende als Sechzehnter die Relegation erreichte, kam bis zum letzten Spieltag nur auf 29 Zähler. Darum war die Trennung während der Saison aus meiner Sicht unnötig. Natürlich hatten wir keine gute Rückrunde gespielt, blieben hinter den Erwartungen zurück. Doch wenn man deshalb zu der Erkenntnis kommt, einen anderen Weg einschlagen zu wollen, um eine andere Entwicklung zu nehmen, dann hätte man bis zur Sommerpause warten und es dann regeln können.

Frage: Zumal Union für Sie nicht ein x-beliebiger Verein ist …

Baumgart: Ich wohne seit rund 20 Jahren in Köpenick, bin seit mehr als zwei Jahrzehnten Vereinsmitglied, habe früher für Union gespielt. Jetzt kommen die Schlaumeier und sagen: So ist das Fußballgeschäft. Das sehe ich anders.

Frage: Vergangenen Sommer holte Berlin mit Mauro Lustrinelli einen neuen Trainer, der attraktiven Fußball spielen lassen soll – und dafür die Union-DNA mit einer kompakten Defensive aufgibt. Bislang allerdings ohne großen Erfolg.

Baumgart: Wer meine Zeit als Trainer in Paderborn und danach in Köln verfolgt hat, weiß, dass ich immer ein Verfechter vom offensiven sowie sehr mutigen Fußball war, und mit Viererabwehrkette spielen ließ.

Frage: Und das recht erfolgreich. Sie führten Paderborn 2019 in die Bundesliga und Köln 2022 in den Europapokal …

Baumgart: Ja, der Zeitraum, also mein Anfang in Paderborn im April 2017 bis zum Ende in Köln im Dezember 2023, war für mich der schönste als Trainer. Aber zurück zu Union, man sollte nicht vergessen: Der Verein hatte seine beste Zeit unter Urs Fischer. Allerdings mit typischem Union-Defensiv-Fußball, mit dem er den Klub bis in die Champions League geführt hatte – das Nonplusultra für den Verein. Wir werden sehen, ob der neue Plan aufgeht, zumal andere Vereine viel mehr Geld in ihre Mannschaften investierten.

Frage: Vor Ihrem Union-Engagement waren Sie beim Hamburger SV. Nach einem Dreivierteljahr kam allerdings das Aus bei Ihrem Lieblingsverein aus Kindertagen. Wie bitter war das für Sie?

Baumgart: Die Trennung verlief sauber. Mit den Verantwortlichen, von Jonas Boldt (der damalige Sportvorstand holte Baumgart im Februar 2024, d. Red.) über seinen Nachfolger Stefan Kuntz bis zu Eric Huwer (Vorstand), hatte ich einen sehr offenen und guten Umgang auf Augenhöhe. Alle Situationen waren klar besprochen – auch in schwierigen Zeiten. Deswegen war die Trennung, als Stefan mich im November 2024 zum Gespräch gebeten hatte, auch die richtige Entscheidung.

Frage: Warum?

Baumgart: Weil der Druck mit dem Ziel Aufstieg nach den ausgebliebenen Ergebnissen einfach zu groß wurde. Wir waren an einem Punkt angekommen, an dem zu entscheiden war, neue Wege zu gehen, um das Beste für den Verein, für die Mannschaft zu tun. Es war ein ehrlicher Austausch. Am Ende hat es funktioniert, die Mannschaft, die wir vor der Saison unter anderem mit der Verpflichtung von Davie Selke zusammengestellt haben, ist mit Merlin und seinem Team zu Recht aufgestiegen.

Frage: Wie sehen Sie den HSV heute mit etwas Abstand?

Baumgart: Erst wenn man für den HSV gearbeitet hat, merkt man, welche Wucht dieser Verein hat. Und nicht, wenn dir einer etwas erzählt. Für mich zählt der Verein, der eine unglaubliche Präsenz hat, zu den drei, vier größten in Deutschland. Vielleicht ist der HSV nach dem Abstieg 2018 zu spät aufgestiegen, aber ansonsten hat er nicht viel falsch gemacht, wenn man sich die vergangenen sechs, sieben Jahre anschaut.

Frage: Das heißt?

Baumgart: Der HSV steht wirtschaftlich trotz der langen Zeit in der 2. Liga gut da. Das Volksparkstadion ist seit Langem permanent voll, zu einem Freundschaftsspiel gegen Kopenhagen kamen zuletzt sogar 55.000 Zuschauer. Das ist unglaublich. Und trotz aller Euphorie haben die Verantwortlichen die Realität immer im Hinterkopf: Sie bauen keine Luftschlösser. Sie wissen: Diese Saison geht es für den HSV erneut nur um den Ligaerhalt, was nicht einfach wird. Das unterscheidet den Verein von anderen.

Frage: Merlin Polzin wurde seinerzeit zu Ihrem Nachfolger befördert. Wie sehen Sie die Entwicklung Ihres früheren Assistenten?

Baumgart: Ich empfinde seine Entwicklung als gut. Auch, wie er an die Aufgabe herangegangen ist und es bis heute macht. Er ist klar und bleibt in schwierigen Situationen sehr ruhig, wie zuletzt vor dem Köln-Spiel, als der HSV und er sich nach drei Auftaktniederlagen in keiner einfachen Situation befanden. Allerdings hat er auch einen kleinen Vorteil.

Baumgart (2.v.l.) und Merlin Polzin arbeiteten in Hamburg eng zusammen

Frage: Welchen?

Baumgart: Er ist seit Kindesbeinen HSV-Fan und bei dem Verein auch groß geworden. Dadurch genießt er einen kleinen Bonus. Dennoch: Merlin hat eine klare Idee davon, wie er Fußball spielen lassen will, und er profitiert von der Geschlossenheit des Klubs, in dem nicht 25 verschiedene Leute mitreden – sondern drei, vier, die dann den Weg vorgeben. Das ist aus meiner Sicht ganz wichtig für erfolgreiches Arbeiten.

Frage: Also war es richtig, dass der HSV Polzins Vertrag frühzeitig bis 2029 verlängerte?

Baumgart: Es war die richtige Entscheidung, weil der HSV dadurch ein wichtiges Zeichen auch nach außen gesetzt hat: Merlin ist unser Trainer für die Zukunft.

Frage: Am Wochenende gastiert der HSV bei einem anderen Ihrer Ex-Klubs: dem SC Paderborn. Hat der Verein eine Chance auf den Klassenerhalt, nachdem er nach den ersten beiden Aufstiegen 2014 und vor sieben Jahren sofort wieder abgestiegen ist?

Baumgart: Erstens: Für mich ist es kein Wunder, dass Klubs wie Paderborn oder Elversberg aufgestiegen sind. Ihr Potenzial liegt in der Ruhe, Gelassenheit, Klarheit und guten Personalpolitik. Kontinuierlich wurde bei beiden Vereinen über Jahre etwas aufgebaut, und es erinnert mich an Beispiele, wie man es nicht macht, auch wenn andere Klubs viel mehr Tradition haben. Ob Paderborn die Klasse halten kann? Die Chance ist größer als zuvor, weil die Verantwortlichen aus den ersten zwei Aufstiegen gelernt haben, den Kader in der Breite besser aufzustellen. Dazu halte ich Ralf Kettemann für einen guten Trainer.

Frage: Sie sind seit über 30 Jahren als Spieler und Trainer im Profifußball dabei. Was ärgert Sie so richtig?

Baumgart: Dass vieles regelmäßig schlechtgeredet wird. Es gibt einige Experten, die nur polarisieren wollen – aber nicht sachlich diskutieren. Unsere großen Spieler wie ein Toni Kroos etwa, der mit Bayern München und Real Madrid sechsmal die Cham­pions League gewann, werden kleingeredet. Der muss sich heute noch erklären, dabei gibt es keinen deutschen Spieler, der erfolgreicher war. Oder wir stellen Joshua Kimmich, einen der besten Mittelfeldspieler in Europa, in der Nationalmannschaft infrage. Da wird mir angst und bange. Das finde ich alles sehr schwierig. Auch wie über unsere Talentförderung diskutiert wird.

Frage: Inwiefern?

Baumgart: Wir gehören mit unserer A-Nationalmannschaft nicht zur absoluten Weltspitze, das können wir nach dem Abschneiden bei den vergangenen drei WM-Turnieren ruhig erzählen. Es soll mir aber bitte keiner erzählen, dass wir eine schlechte Ausbildung und keine Talente haben. Die U17 wurde 2023 Weltmeister, die U21 wurde 2025 Vize-Europameister, die U19 wurde 2026 EM‑Zweiter. Unser Problem ist: die Förderung dieser Talente im Seniorenbereich. Die Vereine geben lieber Geld für ausländische Spieler aus, als auf die eigenen zu setzen. Da wundern wir uns, dass junge deutsche Spieler den Sprung vom Nachwuchs- in den Männerbereich nicht hinbekommen.

Das Interview wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, „Bild“ , „Sport Bild“) geführt und zuerst in der „Sport Bild“ veröffentlicht.

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